Luther wacht über Wohl der Jungfrauen und Jünglinge

Wie sich Crimmitschau und seine Ortsteile verändert haben. Heute: Lutherhof (Folge 36)

Crimmitschau.

Die 1910 von der Reichspost gestempelte Postkarte zeigt das evangelische Gemeinde- und Diakonissenhaus "Lutherhof". Das Gebäude wurde im Rundbogenstil einem Baustil des Historismus errichtet. Prägend sind der Fachwerkgiebel und die Lutherstatue in der Nische an der nordöstlichen Ecke unter einem Sandsteinbaldachin. Am rechten Bildrand steht eine am einstigen Ort der Gottesackerkirche "Zum Heiligen Kreuz" stadtgasbetriebene Hängeleuchte mit Jugendstilaufsatz. Die Gottesackerkirche wurde 1897 abgetragenen. Der linke Bildrand gibt einen Blick in die Leipziger Straße Richtung Mannichswalder Platz frei.

Vor der Errichtung des Lutherhofs stand dort von 1769 bis 1902 das Hospital zu St. Georg. Dieses Hospital kaufte das Kuratorium der Gemeindediakonie für 24.000 Mark, um ein evangelisches Vereinshaus und Diakonissenheim zu errichten. Ab 4. Juni 1902 erfolgte der Abriss des Hospitalgebäudes. Für den Bau des Lutherhofes in der Leipziger Straße 27 waren der Architekt Zeißig aus Leipzig und der Baumeister Müller aus Crimmitschau verantwortlich. Die Baukosten betrugen 64.000 Mark. Nach 13 Monaten erfolgte am 25. Juni 1903 die Weihe des Lutherhofes. Vor Beginn der Feier fiel die Hülle von der Lutherstatue, damit die Teilnehmer der Weihe sie betrachten konnten. Diese künstlerische Arbeit stiftete die Kaufmannswitwe Thämert.

In den Abendstunden des Donnerstages versammelten sich im Vereinssaal zur Weihe die späteren Nutzer wie Mitglieder des Männer- und Jünglingsvereines sowie Mütterchen- und Jungfrauenverein. Natürlich fanden sich ebenfalls die Vertreter des Kuratoriums, des Rates und des Stadtverordnetenkollegiums sowie der Bauausführenden ein. Besonders beim Namen nannte Pfarrer Schink die Anwesenden der größten Stiftungen. Er führte ins- besondere die Otto-Händel-Stiftung mit 25.000 Mark, die Spende von Martha Händel (15.000 Mark) und die Schenkung von Fabrikant Eduard Beyer (3000 Mark) auf. Nach den Festreden nahmen die Anwesenden die Möglichkeit wahr, das stattliche Haus zu besichtigen. Die Teilnehmer der Weihe betrachteten das Kruzifix aus Oberammergau im Saal, die zur Vermietung stehenden Wohnungen und die Wohnungen für die Gemeindeschwestern.

Nach der Weihe des "Lutherhofs" zogen die Diakonissen aus der Beyerstraße in ihre Wohnungen ein. Diese evangelische Schwestern- gemeinschaft lebt und dient im Auftrag Jesu Christi. In der Gemeinde nahmen sie Aufgaben wie Krankenpflege- und Altenpflegedienst wahr. In ihrer Tracht des dunkelblauen, langen Kleides mit Umhang und weißer Haube waren sie im Straßenbild zu erkennen. Die erste Diakonissengemeinschaft wurde 1836 in Kaiserswerth gegründet. Die erste Schwester in Crimmitschau wurde 1894 in der Laurentiuskirche feierlich in ihr Amt eingeführt. Ihre Heimstatt und die weiterer zwei Schwestern war vor dem Bau des Lutherhofes die Beyerstraße 9 (1960 bis 1991 Dr.-Otto-Nuschke-Straße).

Von 1903 bis 1925 lebten drei bis vier Diakonissen in den Wohnungen des Lutherhofes. Um 1938 bewohnten fünf Diakonissen die Räumlichkeiten. Oft wohnte auch der Pfarrer der Laurentiuskirche in einer Wohnung des Lutherhofes.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zeugten noch lange Einschüsse am Lutherhof vom Einmarsch der amerikanischen Kampftruppen im April 1945 nach Crimmitschau. Die Stadt blieb laut der Konferenz von Jalta vom Februar 1945 nicht in der amerikanischen Besatzungszone. Dies wirkte sich auf die Diakoniearbeit aus. Die Diakonie konnte nicht in ungebrochener Tradition weiter- geführt werden. Für die Stadt duldete man die Arbeit der im Lutherhof lebenden Diakonissen. Sie unterstützten mit der Hauskrankenpflege das Crimmitschauer Gesundheitswesen. Bis ungefähr 1967 gab es diese Diakoniestation der Inneren Mission. Danach nahmen die Crimmitschauer Kirchgemeinden mit zwei Gemeindeschwestern einige Aufgaben der sozialen und pflegerischen häuslichen Betreuung wahr. 1991 bewilligte man dem Kirch- gemeindeverband eine ABM-Stelle, um alten und kranken Menschen zu helfen. Es kamen weitere Krankenschwestern dazu. Seit dieser Zeit gibt es eine Sozialstation der Stadtdiakonie Zwickau im Haus Kirchplatz 2.

Seit 115 Jahren werden der Saal und die Vereinszimmer im Erd- geschoss des Lutherhofes für die Gemeindearbeit der Laurentiuskirche wie Christenlehre, Junge Gemeinde, Kantorei, Vorträge und Konzerte genutzt. Unter Denkmalschutz wurde der Lutherhof 1993 gestellt.

Quelle: Crimmitschauer Anzeiger und Tageblatt 1903

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