Manufaktur macht Wünsche führender Theater wahr

Künstliches Wüstenflair, Moorlandschaften, Rasen oder Unterwasserwelten - ein Crimmitschauer Unternehmen produziert, was Opernhäuser für ihre Inszenierungen benötigen. Die Technik dafür ist uralt.

Crimmitschau.

Die Telefonnummer beziehungsweise die Adresse der Firma C. G. G. Schönfeld in Crimmitschau haben sich die meisten Regisseure und Bühnenbildern führender Theater rund um den Erdball im Handy eingespeichert oder so notiert, dass ihnen die Information nicht verloren geht. Das Unternehmen an der Pleiße hat sich auf die Produktion von Bühnendekorationen spezialisiert. In der kleinen Firma, die gerade einmal vier Mitarbeiter zählt, wird mit rund 120 Jahre alter Technik Bühnenrasen produziert. "Wir sind europaweit das einzige Unternehmen in der Art, vermutlich sogar weltweit" , sagt Firmeninhaberin Heike Schönfeld. Über mangelnde Nachfrage kann sie nicht klagen. Die 53-Jährige hat seit 1997 in der Manufaktur das Sagen, die 1952 ihr Vater Gottfried Schönfeld gründete und die seit 1957 an der Straße Am Mühlgraben ihren Sitz hat.

"Wir fertigen aktuell einen hellweißen Rasen für das Theater in der Josefstadt in Wien an", erklärt die Firmeninhaberin. Benötigt wird der 20 Quadratmeter große Kunstrasen, bestehend aus mehreren Bahnen, für die Inszenierung "Die Niere". Ist die Produktion abgearbeitet, steht eine Nachbestellung der Komischen Oper Berlin für die Wiederaufnahme von "Jewgeni Onegin" in den Auftragsbüchern. Für die Erstaufführung der Tschaikowski-Oper in dem Haus an der Spree produzierte die Manufaktur an der Pleiße 2016 einen 400 Quadratmeter großen Kunstrasen. "Damit waren wir fast ein halbes Jahr beschäftigt", sagt Heike Schönfeld. Nicht jedes Theater kann sich so etwas leisten. Die Berliner haben fast die Hälfte der Produktionskosten für die Inszenierung in die Wiese, die die gesamte Bühne bedeckte, gesteckt. Mit im Boot war damals das Opernhaus Zürich. Das Haus übernahm einen Teil der Kosten für die Theaterdekoration. Der Grund: In der darauffolgenden Spielzeit wurde "Jewgeni Onegin" in der Schweiz aufgeführt. Für die Ausstattung kam die Wiese aus Berlin zum Einsatz. Wie der grüne Teppich aus der Crimmitschauer Manufaktur optisch auf der Bühne der Komischen Oper wirkte, davon überzeugten sich die Firmeninhaberin und deren Mitarbeiter bei einem Betriebsausflug nach Berlin in die Spielstätte. Dazu gehörte eine Besichtigung des Bühnenbildes mit dem Rasen - bevor sich der Vorhang hob und danach aus den Zuschauerreihen während der Aufführung. Anders als bei einem englischen Rasen beträgt die Florhöhe der Halme für die angefertigte Wiese zwischen 24 und 40 Zentimeter. "Je nachdem, wo die aus 40 Einzelteilen bestehenden Stücke auf der Bühne platziert wurden", sagt die Expertin. Für den 400 Quadratmeter großen "Teppich" wurden 1,3 Tonnen Sisal, gewonnen aus der Agave, verwendet. "Sisal ist härter. Ansonsten verwenden wir für Bühnenrasen auch Jute. Das Material ist bedeutend weicher", erklärt die Diplomdesignerin.

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Die Inszenierung in der Hauptstadt erwies sich als voller Erfolg und wird nach der Spielpause im Herbst erneut ins Programm aufgenommen. "Dafür stellen wir noch einmal rund 240 Quadratmeter Rasen her. Damit werden die Teile ersetzt, die während der Aufführungen in Berlin und in Zürich besonders stark beansprucht wurden. Zeitweise stehen 50 Mitwirkende auf der Bühne und bewegen sich auf dem Kunstrasen, das hinterlässt irgendwann seine Spuren."

Andere Häuser, andere Wünsche: "Wir haben auch schon Wüsten-Szenarien, Schneelandschaften, fliegende Teppiche, Unterwasserwelten und Moorlandschaften angefertigt", berichtet die Firmeninhaberin. Zu den bisherigen Kunden gehörten unter anderem das Stockholmer Staatstheater, die Pariser Oper, das Burgtheater Wien, das Bolschoi Theater Moskau und das Nationaltheater Reykjavík. Nicht jeden Wunsch, mit denen sich die Theater an die Manufaktur wenden, kann der kleine Betrieb auch erfüllen. "Wir hatten unlängst eine Anfrage aus Australien. Doch die gewünschte Menge konnten wir in der Kürze der Zeit einfach nicht herstellen." Dabei kennt Heike Schönfeld nur die wenigsten Theater, mit denen sie zusammenarbeitet, auch persönlich. "Die Bühnenbildner schicken eine Zeichnung und teilen mit, was sie sich vorstellen. Wir unterbreiten daraufhin ein Angebot. Kommt der Auftrag zustande, wird er umgesetzt." Gefertigt werden die Kunstrasen auf historischen Webstühlen. "Sie sind robust und zuverlässig", sagt die Expertin. Geht dennoch mal ein Webstuhl kaputt, repariert ihn Heike Schönfeld selbst. Wie gut sich die 53-Jährige und ihr zwei Jahre älterer Mann mit der Technik auskennen, haben sie erst vor ein paar Tagen unter Beweis gestellt. Da wurde ein uralter Webstuhl erneut komplett in seiner Einzelteile zerlegt und an seinem alten Standort wieder aufgebaut. "Der Raum war durch das Hochwasser 2013 beschädigt worden, sodass wir die darin stehenden drei Webstühle demontiert und in anderen Räumen vorübergehend aufgestellt haben, um weiter produzieren zu können. Jetzt ist die Sanierung abgeschlossen, sodass zwei Webstühle an ihren alten Standort zurückkehren konnten. Der dritte erhielt aus Platzgründen einen anderen Standort", sagt Heike Schönfeld. Schiefgehen hätte beim Wiederaufbau nichts dürfen, sonst wäre die Realisierung der aktuellen Aufträge in Gefahr geraten. "Dann hätten wir eben solange gebastelt, bis die Webstühle wieder funktionieren, notfalls auch die Nächte durch."

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