"Mein Kaffeeverbrauch ist gesunken"

Werdaus Oberbürgermeister Sören Kristensen über den Arbeitsalltag, soziale Netzwerke und die größte Umstellung in seinem Leben

Werdau.

100 Tage Amtszeit hat der Werdauer Oberbürgermeister Sören Kristensen (Unabhängige Liste) hinter sich. Im Gespräch mit Annegret Riedel zieht er eine erste Bilanz.

Freie Presse: Was ist der größte Unterschied zwischen Ihrer früheren Arbeit als Unternehmer in der freien Wirtschaft und jetzt als Chef der Verwaltung?

Sören Kristensen: Dass ich jeden Abend zuhause bin.

Ernsthaft?

Ja. Seit ich berufstätig bin, habe ich mehr aus dem Koffer gelebt, als dass ich daheim war.

Ist diese neue Situation gut oder schlecht?

Das überlege ich noch (lacht). Aber ehrlich, es ist eine riesige Umstellung meines bisherigen Lebens.

Wie würden Sie Ihren Arbeitsstil beschreiben?

Ich war es jahrzehntelang gewöhnt, selbstständig Entscheidungen zu treffen. Ich habe deshalb natürlich eine andere Handschrift als mein Amtsvorgänger. Im Moment ist das Feedback dazu aus dem Haus in Ordnung. Die ersten Monate brauchte ich, um zu lernen, zuzuhören und mich tiefer in die Materie einzuarbeiten. Aber ich musste auch lernen, auf Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Ich bemühe mich, Dinge mit den Mitarbeitern abzusprechen.

Hatten Sie mit Vorbehalten zu kämpfen?

Nicht offensichtlich. Ich hoffe, ich habe in den ersten 100 Tagen nicht allzu viel falsch gemacht.

Sie haben einen CDU-Politiker abgelöst. Wie ist die Zusammenarbeit mit den CDU-Leuten in der Region?

Mit Landtagsmitglied Jan Löffler habe ich im Beruflichen Schulzentrum Werdau vor kurzem schon Zwiebeln geschnitten. Mit dem Crimmitschauer OB André Raphael verstehe ich mich gut. Ich freue mich, dass es auch keine Befindlichkeiten im Stadtrat gibt. Wichtige Entscheidungen wie die Sanierung des Diester-Schuldaches oder unser Konsolidierungsbeitrag für die kommunale Wohnungsgesellschaft wurden einstimmig gefasst. Es ist mir wichtig, die Stadtratsmitglieder besser als bisher zu informieren und mehr zu beteiligen, die Dinge auszudiskutieren, bevor sie beschlossen werden sollen. Wir treffen gemeinsam demokratische Entscheidungen, und wenn ich mal eine Abstimmung im Stadtrat verliere, ist es eben so.

Bei der Kober-Fete waren Sie Parkplatz-Einweiser, beim Kürbiszauber teilten Sie Suppe an Besucher aus - ist diese Hemdsärmeligkeit wirklich Ihre Wesensart?

Ja. Ich bin jetzt 55 Jahre alt und bin, wie ich bin. Ich muss mich nicht verbiegen und jemandem etwas beweisen. Zum Kürbiszauber im nächsten Jahr werde ich für einen Gartenverein deren Produkte wie Blumenzwiebeln verkaufen helfen. Die Leute dort hatten mich angefragt, und ich komme auf jeden Fall dahin und mache das.

Sie verbrachten als Chef eines Logistikunternehmens viel Zeit im Zug und hatten dabei viel Zeit, soziale Netzwerke zu pflegen. Wie ist das jetzt?

Ehrlich, diese ,Leerzeit' im Zug fehlt mir. Aber Werdau wird in absehbarer Zeit selbst eine Facebook-Seite an den Start bringen, wie sie schon einige Kommunen der Umgebung haben. Das hat genauso seine Berechtigung wie die Diskussionen mit Einwohnern bei den Bürgersprechstunden oder ihre Besuche bei mir im Rathaus. Auch unsere Internetseite muss noch einmal umgestaltet werden. Sie ist mir zu wenig benutzerfreundlich. So soll es eine Rubrik geben, wo die Einwohner mitteilen können, wenn sie etwas bewegt, wie das Schlagloch vor der Haustür. Ich möchte die Bürger ermutigen, sich mehr als bisher einzumischen. Es ist ja schließlich ihre Stadt, die sie mitgestalten.

Haben Sie schon alle städtischen Einrichtungen besucht?

Hätte ich gern, aber nein. In Kürze will ich damit durch sein und künftig mindestens einmal im Jahr in jeder Einrichtung sein und mit den Zuständigen reden.

Haben Sie wieder einen Führerschein?

Nein, den habe ich noch nicht wieder. Da hat bisher die Zeit gefehlt, und ich beschäftige mich erst dann wieder mit dem Thema, wenn ich das zeitlich auch hinkriege.

Ist das fehlende Auto ein Problem?

Überhaupt nicht. Ich komme mit meinem E-Bike gut zurecht. Für Termine auswärts nutze ich mal ein Taxi oder den Zug. Und wenn ich von zuhause aus ins Rathaus geradelt komme, werde ich spätestens auf dem Kopfsteinpflaster auf dem Markt wachgeschüttelt - mein Red Bull- und Kaffeeverbrauch ist dadurch ganz schön gesunken. Ich habe jetzt leider weniger Bewegung als im alten Job, als ich für die Planung und Durchführung von Umzügen treppauf und treppab unterwegs war. Von daher ist das Rad nicht verkehrt.

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