Menschen und Momente, die für ein ganzes Leben prägen

Das Kinder- und Jugendheim in Crimmitschau besteht seit 70 Jahren. Zum Jubiläum werden auch ehemalige Bewohner eingeladen. Dazu gehört ein Mann, der nun im Berlin im Jugendamt arbeitet.

Crimmitschau.

Milchreis und Nudeln mit Tomatensoße haben besonders lecker geschmeckt. Dazu kam oft frisches Gemüse aus einer Gärtnerei, die sich in der Nachbarschaft befand, auf den Tisch. "Erst, wenn Ruhe eingekehrt war, durften wir mit dem Essen anfangen", erinnert sich Joachim Dikmayer, der von 1969 bis 1976 im Kinder- und Jugendheim an der Westbergstraße in Crimmitschau gelebt hat. Vor wenigen Tagen schaute der 62-Jährige in der Einrichtung vorbei. Dabei sprach Joachim Dikmayer nicht nur über die leckeren Gerichte auf dem Speiseplan. Er plauderte auch von Menschen und Momenten, die ihn für das weitere Leben geprägt haben: Im Kinder- und Jugendheim wurde ihm das Schachspielen gelernt und die Begeisterung für den Radsport geweckt. Er kümmerte sich schon in jungen Jahren um die Organisation von Veranstaltungen.

105 Plätze standen in den 1970er-Jahren im Kinder- und Jugendheim zur Verfügung. In der Anfangszeit war Joachim Dikmayer mit zehn bis 15 weiteren Jungen in einem großen Gemeinschaftsraum untergebracht. Als Jugendlicher erhielt er später - mit einem Kumpel - ein Zimmer unter dem Dach. Unabhängig vom Alter: Die Hausaufgaben und die Vorbereitung auf Klassenarbeiten nahmen eine wichtige Rolle ein. "Es gab feste Zeiten, an denen wir uns an den Tisch setzen und lernen mussten. Dabei haben wir uns oft gegenseitig unterstützt", sagt Dikmayer, der zunächst die Käthe-Kollwitz-Schule besuchte. Später machte er in Werdau das Abitur, dem eine Ausbildung zum Maschinenschlosser im Ernst-Grube-Werk folgte. Nach dem Auszug aus dem Kinder- und Jugendheim drückte er weiter die Schulbank: Joachim Dikmayer studierte Kulturwissenschaften in Berlin und Sozialwesen in Potsdam. Seit 1990 arbeitet er beim Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf, zunächst in der Sozialverwaltung und später im Jugendamt.

Dabei wird der 62-Jährige immer wieder einmal mit Fällen konfrontiert, die ihn an die eigene Geschichte erinnern. Er stammt aus Johanngeorgenstadt. Seine Mutter stirbt an Krebs, sein Vater kümmert sich kaum um die Kinder. "Wir waren sechs Geschwister. Unsere Familie hat sich damals in einem Klubhaus in Johanngeorgenstadt getroffen und entschieden, wie es weitergeht", sagt Joachim Dikmayer. Er kommt im Alter von elf Jahren in das Kinder- und Jugendheim in Crimmitschau. "Die Einrichtung hatte damals in der DDR einen guten Ruf", erinnert sich der Ex-Bewohner, der auch schon mit seinen eigenen Kindern in den Häusern, wo er acht Jahre lebte, vorbeischaute und deutlich machte: "Hier war meine Familie."

Joachim Dikmayer gehört zu den rund 1600 Mädchen und Jungen, die bisher im 1949 eröffneten Kinder- und Jugendheim ein Zuhause gefunden haben. "Dabei handelt es sich nicht nur um eine Schätzung. Die Zahl konnte bei einem Blick in unsere Unterlagen ermittelt werden", sagt Leiterin Sonja Dietrich, die momentan 39 Kinder und Jugendliche in der "Kinderarche"-Einrichtung betreut. Anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Heimes finden in diesen Tagen verschiedene Aktionen statt - für aktuelle und ehemalige Bewohner. Am heutigen Freitag ist eine Festveranstaltung geplant. Am 25. September folgt ein Treffen der früheren Mitarbeiter. Am 28. September ist ein Ehemaligen-Treffen angesetzt. Dann werden einige Gäste ähnlich wie Joachim Dikmayer in Erinnerungen schwelgen und über ihre Entwicklung berichten. Darauf freut sich Sonja Dietrich: "Daraus schöpfen wir Kraft für die tägliche Arbeit und für unsere aktuellen Bewohner."

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