"Musik ist dazu da, um zu verbinden"

Keimzeit-Sänger Norbert Leisegang über Poesie, die Maueröffnung, Gesellschaftskritik und sein Verhältnis zu Robert Schumann

Zwickau.

Die Gruppe Keimzeit, die derzeit mit ihrem aktuellen Album "Das Schloss" durch die Republik tourt, ist am 8. November ab 20 Uhr im "Alten Gasometer" in Zwickau zu erleben. Thomas Croy hat sich mit Frontmann Norbert Leisegang (59) unterhalten.

Freie Presse: Die ersten Alben von Keimzeit "Irrenhaus", "Kapitel Elf" und "Bunte Scherben" habe ich oft auf Kassette gehört. Die neue Platte scheint zu jenen Wurzeln zurückzukehren. Oder täuscht dieser Eindruck?

Norbert Leisegang: Ich überlasse das dem Hörer. Es ist natürlich toll, wenn ein Album, das wir veröffentlichen, auf Resonanz stößt. Aber grundsätzlich hat ja jeder seine eigene Sicht darauf, eigene Empfindungen dabei. Wenn wir ein Album aufgenommen haben wie jetzt "Das Schloss", ist das ein Angebot unsererseits, und dann kann der Hörer seine eigene Welt dazu stricken. So ist ja die Kunst generell gedacht, und unsere Songs reihen sich da ein.

Keimzeit steht für sehr poetische Texte, die zum Nachdenken anregen. Sind die Worte bewusst so gewählt, dass sie eine breite Fläche zur Projektion bieten?

Das ist ja die Fläche der Poesie. Grundsätzlich bin ich ja auch sehr poesiebegeistert. Mich sprechen Gedichte sehr an, auch Poesie in Essays und Romanen. Ich greife das eigentlich nur auf und versuche es weiterzuvermitteln. Das ist der Vorteil der schönen Künste, dass wir nicht alles beim Namen nennen und uns einengen müssen, sondern dass wir uns poetisch ausdrücken und und freuen, wenn es Leute gibt, die sagen: Ich sehe darin was, was möglicherweise der Autor gar nicht im Sinn hatte.

In unserer Zeitung haben wir zurzeit eine Serie zur Wende. Können Sie sich noch erinnern, wo Sie damals waren, als die Mauer geöffnet worden ist?

Natürlich. Ich war gerade in Berlin-Adlershof zu einem Videodreh für "Flugzeuge ohne Räder" aus dem Album "Irrenhaus". Ich weiß noch, wie die Depesche reinkam, die haben an der Bornholmer Brücke den Grenzübergang nach Westberlin aufgemacht. Hahaha! Da haben erst mal alle gelacht. Als der Dreh durch war, haben sich gegen Mitternacht doch noch einige auf den Weg gemacht und wollten sich davon selbst überzeugen. Ich war so platt und hab mich einfach hingelegt. Am nächsten Morgen habe ich erfahren, dass es kein Witz war, sondern Realität. Da habe ich mich gefreut.

30 Jahre später haben viele im Osten die Erfahrung gemacht, dass manches, was da geglitzert hat, doch bloß "Bunte Scherben" waren. Auch in der heutigen Zeit mangelt es nicht an "Hofnarren". In Keimzeit-Texten spürt man mitunter gesellschaftskritische Andeutungen, oder interpretiere ich da zu viel rein?

Grundsätzlich bezeichne ich mich als einen sehr unpolitischen Menschen. Ich finde, es gibt nur wenige Künstler, die politisch wirklich was zu sagen haben. Dazu gehöre ich nun mal nicht. Allerdings ist es so, dass ich mich auch nicht beschränke, was die Themen in den Songs anbetrifft. Wenn mir so ein Thema wie das des "Hofnarren" in den Sinn kommt, dann schreibe ich dazu was. Dann setze ich keine Bremse ein. Grundsätzlich sehe ich Keimzeit mehr im Unterhaltungsbereich, im Pop-Bereich. Nicht jeder will von einer Band politische Themen um die Ohren gehauen bekommen.

Keimzeit hat seit der Wende mehr als 20 Alben herausgebracht. Da kommen viele Lieder zusammen. Kann man sich eigentlich alle Texte merken?

Um Gottes Willen nein. Die Texte, die wir aktuell spielen, muss ich mir natürlich einprägen. Das sind ungefähr um die 30. Die kann ich dann auch abrufen - mit kleinen Hackern, die während des Konzerts schon mal passieren, inklusive. Bei einem Titel, den ich lange nicht gesungen habe, muss ich mich wieder neu einfädeln. So groß ist mein Speicherplatz nun wirklich nicht.

Ich habe Keimzeit das erste Mal im Gasthof "Zum Löwen" Ebersbrunn erlebt. Einige Male waren Sie ja auch schon in Zwickau. Haben Sie gute Erinnerungen an die Auftritte in dieser Region?

Aber natürlich. Im "Löwen" haben wir Mitte oder Ende der 80er zu spielen begonnen. Mehrfach waren wir in den letzten Jahren im Gasometer. Ich fühle mich da heimisch, weil eine ganze Reihe von Leuten, die den Weg mit uns gegangen sind, tauchen immer wieder auf. Eltern bringen ihre Kinder mit. Insofern wird es generationsübergreifend so ein Familiending, worüber ich mich natürlich freue. Unsere Musik ist ja dazu da, um zu verbinden.

Dürfen sich die älteren Fans beim Konzert neben aktuellen Songs auch auf Titel wie "Irrenhaus" oder "Kling-Klang" freuen? Für jüngere Besucher dürften diese alten Hits sogar neu sein.

Das ist in der Tat so wie Du sagst. Manche sind gerade erst mit den Nuller-Jahren eingestiegen und haben unsere erste Alben gar nicht gehört oder nur mal peripher. Andere wieder sind in den 90ern dazugekommen. Jeder hat so seinen eigenen Zugang, und jeder hat seine Wünsche. Wir spielen deshalb quer durchs Oeuvre. Das aktuelle Album steht natürlich im Mittelpunkt. Dazu gibt es ein paar Geschichten, die ich erzähle, sodass es ein Programm von rund zwei Stunden ergibt.

Zwickau ist die Geburtsstadt von Robert Schumann. Wie ist Ihr Verhältnis zur klassischen Musik?

Das ist wirklich der Geburtsort von Herrn Schumann? Wow! Das wusste ich jetzt nicht. Schumann ist einer der großen Klassiker. Ihn mag ich sehr. Die Klassik, speziell auch Schumann, hat eine ganze Menge getan für Zeitgenossen, die heute Musik machen. Wenn man sich als Musiker dafür interessiert, wie kam es denn dazu, dass wir eine wohltemperierte Stimmung haben, oder wie musikalische Pattern sich entwickelt haben - dann wird man bei Robert Schumann schon fündig.

Für welche moderne Musik begeistert sich Norbert Leisegang?

Aktuell finde ich das Album von Billie Eilish sehr interessant. Deutsche Popmusik ist seit zehn, 15 Jahren für mich sehr innovativ. Da gibt es zum Beispiel Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert, Felix Kummer, Sängerin Dota aus Berlin oder auch Sophie Hunger, das ist musikalisch wie textlich alles sehr ansprechend.

Abschließende Frage: Wie entspannen Sie sich während einer so anstrengenden Tournee?

Wir haben in der Band immer einen Volleyball oder eine Frisbee-Scheibe dabei, sodass wir uns bei einem Halt mal die Beine vertreten und in Bewegung bleiben können. Manchmal auch nur, um Zeit zu überbrücken. Natürlich lese ich, und ein Schlümmerchen tut auch viel Gutes.

Die komplette Version des Interviews ist im Internet abrufbar unter

www.freiepresse.de/keimzeit


Freikarten zu gewinnen

Im neuen Album "Das Schloss" geht es einerseits um ein Schloss, in das Norbert Leisegang bis zur 8. Klasse in die Schule gegangen ist und andererseits um ein Fantasie-Schloss aus Papier, um ein Zurückschauen auf die frühe Kindheit, wo das Einreißen von Konventionen quasi Programm ist.

Keimzeit haben diesmal mit Moses Schneider zusammengearbeitet, der auch schon für Tocotronic und die Beatsteaks an den Reglern saß. Die Basics wurden in einem Studio im Flughafen Tempelhof in nur vier Tagen live aufgenommen. Herausgekommen sind zwölf Songs, die in ihrer klanglichen und textlichen Einzigartigkeit fesseln und berühren.

Für das Konzert am 8. November im "Alten Gasometer" Zwickau vergibt "Freie Presse" 2 x 2 Freikarten. Die Preisfrage: Auf welchem Album ist der Titel "Singapur" enthalten? Die Gewinner werden unter den Lesern gezogen, die uns per E-Mail (Betreff: Keimzeit) die richtige Antwort senden: Red.Zwickau@freiepresse.de

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