Nicht immun gegen Rechts

Sachsen hat ein Problem mit Extremismus. Zu lange wurde darüber hinweggesehen. Polizeipräsident Bernd Merbitz sucht den Dialog. Auch in Werdau.

Werdau.

"Aber jetzt, mein letzter Satz" - Das war ein Satz, den der Polizeipräsident von Leipzig, Bernd Merbitz, am Mittwochabend zu vorgerückter Stunde im Martin-Luther-King-Zentrum zigmal wiederholte. Sehr wohl gefühlt habe er sich in der kleinen Runde, machte er den mehr als 30 Werdauern, die ihn erleben wollten, ein Kompliment. Und vollzog damit das ganz zwanglos, wofür er innerhalb seines zweistündigen Vortrags immer wieder plädierte: "Wir müssen einfach mehr miteinander reden."

Bernd Merbitz, der von Martin Böttger (Bündnisgrüner) innerhalb der derzeitigen Tage der Demokratie und Toleranz nach Werdau eingeladen und begrüßt wurde, hielt sich nicht lange bei der Vorrede auf. Er kenne und liebe die Gegend. In Werdau sei er im "Pleißental" zum Tanz gegangen. Schmölln war seine erste Dienststelle bei der Polizei, so der gebürtige Thüringer.

Der einstige Chef der Sonderkommission Rechtsextremismus (Soko Rex) stellte an diesem Abend im Kingzentrum viele Fragen: Wie konnte es sein, dass der NSU zehn Jahre lang sein Unwesen trieb, ohne dass wir etwas gemerkt haben? Was ist uns da passiert? Wie konnte es dazu kommen? Diese und andere Fragen blieben unbeantwortet. Fakt sei, dass Sachsen ein Problem mit Rechtsextremismus habe und zu lange darüber hinweggesehen wurde. "Die Sachsen sind immun gegen Rechts, hat Biedenkopf gesagt. Es erledigt sich von selbst, schien die Devise zu sein", meinte der 61-Jährige, der die Schilderungen aus seinem Polizeialltag bar jeder Eitelkeiten, aber sehr emotional vortrug. Mit der Flüchtlingswelle hätten sich Probleme potenziert. "Pegida ist in Sachsen entstanden. Teile der Mitte der Gesellschaft haben sich plötzlich berufen gefühlt, etwas gegen Flüchtlinge zu tun." Aber habe jemals irgendwer ernsthaft gefragt, warum diese Leute auf die Straße gegangen sind? Dialog, Gespräche, miteinander reden, unter Leute gehen, sich umhören. Auch das wurde seiner Meinung nach zu diesem Zeitpunkt versäumt.

2015 gab es in Sachsen 118 Angriffe auf Asylheime, im vergangenen Jahr 117, dieses Jahr bisher vier. "Es ist noch lange nicht vorbei", so Merbitz, der derzeit mit der Aufgabe betraut ist, das Operative Abwehrzentrum in ein Polizeiliches Terrorabwehrzentrum im Landeskriminalamt umzubauen. Als seine Frau von dieser neuen Aufgabe hörte, habe sie geweint. Und dann wird der "harte Hund" zum Ende des Abends noch einmal sehr emotional, als er von seiner Familie, von den Kindern spricht, die seinetwegen viel durchmachen müssen. "Mir ist es egal, wenn ich ein Volksverräter genannt werde. Ich stehe vor meiner Polizei, die Männer und Frauen machen einen guten Job."

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