Nur elf Jungstörche flügge geworden

Das war kein gutes Jahr für die Adebare in der Region. Nur in vier der elf Nester im Landkreis sind 2018 kleine Rotschnäbel aufgewachsen. An Hitze und Trockenheit soll das aber nicht gelegen haben, sagt ein Experte.

Werdau.

Aus dem Nest an der Neukirchener Hauptstraße sind die zwei Jungvögel ausgeflogen. An der Brückenstraße in Neukirchen gab es einen Brutverlust, weil der Altvogel Stobi verletzt wurde und auf einen Storchenhof zur Pflege gebracht werden musste.

In Cunersdorf und Saupersdorf wurden jeweils drei Junge großgezogen, die ausgeflogen sind. Drei Küken sind auch auf dem Schornstein des ehemaligen Betriebsteils des Textilwerkes Mülsen in Mosel geschlüpft. Während zwei Jungstörche jetzt in den Süden fliegen, erholt sich der dritte gegenwärtig in Thräna bei Leipzig von seinem schweren Unfall. Er war am 2. Juli abends nach einem Notruf verletzt von Kameraden der Zwickauer Berufsfeuerwehr im Kastanienweg in Mosel geborgen und in die Tierklinik nach Crimmitschau gebracht worden. Das Team dort stabilisierte den Jungvogel und widmete sich in einer mehrstündigen Operation seiner Flügelfraktur. Anschließend erholte sich der kleine Adebar im Tierpark Hirschfeld, ehe er auf das Grundstück von Storchenfreund Jörg Spörl nach Thräna kam, wo auch andere verletzte Störche wohnen. Ziel ist es, den kleinen Moseler auszuwildern. Wenn er dieses Jahr nicht die Kraft hat, in den Süden zu fliegen, dann kann er auf dem Hof auch überwintern.

Das fünfte Mal in Folge haben sich 2018 keine Rotschnäbel auf dem Kirchendach in Schlunzig niedergelassen. Dabei nisteten auf dem Gotteshaus bereits seit 1974 Störche. 1976 schlüpften erstmals Jungvögel. Das Nest war die erste Brutstätte im damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt. Seither sind in Schlunzig mehr als 80 Junge großgezogen worden. Auf die Frage, ob es noch Hoffnung gibt, dass sich dort wieder Störche ansiedeln, sagte Jens Hering, Ornithologe und Mitarbeiter der unteren Naturschutzbehörde des Landkreises: "Man sollte niemals nie sagen."

Auf der Esse der ehemaligen Gärtnerei neben dem Landhotel "Gutshof" im Hartensteiner Ortsteil Zschocken gab es im April Hoffnung auf Jungstörche. Allerdings ist dann am 20. April bei einer Attacke auf den Horst wahrscheinlich das ganze Gelege zerstört worden.

Die Freude am Storchennachwuchs auf der sogenannten Gelectra-Esse an der Wehrstraße in Glauchau währte dieses Frühjahr nur zwei Tage. Dann fanden Passanten die drei Kleinen am 8. Mai tot am Fuße des Schornsteins. Jens Hering sagt, dass es wahrscheinlich einen Kampf auf dem Horst, wie das Nest der Störche genannt wird, gab. Dabei seien die Küken womöglich herausgestürzt. Zu solch einem Storchenkampf könne es kommen, wenn ein Tier ein bereits belegtes Brutnest umkreist und dem dortigen Storch seinen Platz streitig macht. "Meist handelt es sich dabei um noch nicht geschlechtsreife Vögel", so Hering. Auf der Esse sind schon viele Storchenkinder großgezogen worden. 2015 wurden dort beispielsweise fünf kleine Adebare flügge.

In Waldenburg hatten zwar im April Störche die Schornsteine der ehemaligen Töpferei zwischen Töpferstraße und Birkenallee in der Altstadt in Beschlag genommen, doch sie sind nicht geblieben. Die Störchin, die voriges Jahr dort nistete, hat Jens Hering dieses Frühjahr im Ortsteil Rußdorf von Limbach-Oberfrohna entdeckt, wo sie mit ihrem Partner nistete. Zuordnen konnte er den Vogel anhand der Kennnummer auf dem Ring am Bein. Doch Nachwuchs gab es dort nicht. Der Ornithologe vermutet, dass einer der beiden Altvögel noch nicht geschlechtsreif war. Der andere Horst in Limbach-Oberfrohna, der sich im Ortsteil Kändler befindet, war 2018 nicht besetzt.

Jens Hering zieht die Bilanz, dass 2018 eher ein schlechtes Storchenjahr war. 2016 hat es beispielsweise 18 Jungstörche im Landkreis gegeben. 2017 waren es allerdings nur acht. "Hitze und Trockenheit hatten nach meinem Kenntnisstand aber keine negativen Auswirkungen auf das Brutgeschehen", schätzt er ein.

Zurzeit ziehen die Adebare in ihre Winterquartiere im Süden. Diese Reise starten sie in der Regel zwischen Mitte August und Mitte/Ende September. Anfang August hatten sich um die 30 Störche aus der Re- gion im Grünfelder Park zum gemeinsamen Fressen getroffen, weil sie dort genügend Nahrung gefunden hatten. (mit cmey/sto)


Stobi sucht ein neues Zuhause

Glück im Unglück hatte Stobi, der Storch von der Brückenstraße in Neukirchen. Er hatte sich an einer Oberleitung der Bahn verletzt. Solch ein Unfall war dort bereits im vergangenen Jahr mit einem Altvogel passiert. Durch Jens Hering war der Vogel in den Storchenhof Loburg in Sachsen-Anhalt gebracht worden. Im Storchenhof erholte sich der Vogel schnell. Wie Mitarbeiterin Antje Neumann erzählt, musste Stobi - so hat den Neukirchener Unglücksraben eine Patin des Storchenhofes ge- tauft - ein Stück seines Flügels amputiert werden. "Dadurch ist der Storch natürlich nicht mehr in der Lage, wieder zu fliegen", sagt Neumann.

Nunmehr sei es an der Zeit, für den Vogel aus Neukirchen ein neues Zuhause zu finden, eine Dauerpflegestelle, wo er sich wohlfühlt. Wie Antje Neumann einschätzt, kämen dafür eigentlich nur ein Zoo oder ein Tiergehege infrage. "Für Privatleute sind die Auflagen, die dafür zu erfüllen sind, sehr hoch. Ohne behördliche Genehmigungen geht gar nichts. Natürlich hofft sie trotzdem, dass Stobi und weitere Störche aus Mitteldeutschland ein neues Zuhause finden.

Aktuell leben auf dem Storchenhof 23 Weißstörche und ein Schwarzstorch. Sieben von ihnen sind nicht mehr auswilderbar. Die anderen haben die Mitarbeiter am vergangenen Samstag in die Freiheit entlassen.

Seit der Gründung des Storchenhofes 1979 wurden 1806 Weißstörche, 23 Schwarzstörche, sieben Kraniche und 465 Greifvögel aufgenommen. Etwa zwei Drittel der Weißstörche konnten wieder ausgewildert werden. 15 Prozent der Tiere wurden wegen irreparabler Verletzungen an Tierparks oder ähnliche Einrichtungen abgegeben. 15 Prozent der eingelieferten Weißstörche verendeten trotz inten- siver Bemühungen oder wurden tierschutzgerecht eingeschläfert. (rdl)

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