Ort für "leichte Damen" und russische Kriegsgefangene

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Das "Schillerschlösschen" (Folge 2)

Werdau.

Mit der ständigen Erweiterung des Werdauer Bahnhofs durch wachsenden Personen- und Güterverkehr, erhöhte sich auch die Zahl der dort Beschäftigten. Das betraf ebenfalls die umliegenden Speditionen, Klein- und Großhändler sowie Gewerbetreibende wie Fleischer und Bäcker. Der Arbeitskräftebedarf wuchs nochmals enorm an, als der Güterbahnhof mit eigenem Betriebswerk, Reparaturwerkstatt und Lokschuppen als selbstständige Gesellschaft ausgegliedert wurde. Hinzu kamen die vielen Reisenden und Besucher, die nicht nur in der vorhandenen Bahnhofswirtschaft speisen, sondern auch auf der, sich mit Geschäften und Gaststätten entwickelten Bahnhofstraße bummeln und dort einkehren wollten.

So eröffneten vor allem in der Nähe des Bahnhofsgeländes und in der Bahnhofstraße weitere Gaststätten und Hotels. Als sich die Gemeinde Leubnitz entschloss, ebenfalls eine Straße zum Bahnhof (die heutige Leubnitzer Bahnhofstraße) anzulegen, entstanden auch in diesem Bereich etliche Gaststätten. Andreas Bliem, von 1848 bis 1864 Wirt im Bahnhofsrestaurant, erkannte den steigenden Bedarf an weiteren Schank- und Speisewirtschaften. So errichtete sich Bliem 1859 ein Wohnhaus auf dem Grundstück hinter dem in Folge 1 beschriebenen Gartenhaus und eröffnete in seinem Neubau ein "Caffeehaus und Kegelclub". 1861 wechselte der Name in "Bahnhofsrestaurant". Spätere Besitzer gaben dem Restaurant zuerst ihren eigenen Namen so ab 1862: Wilhelm von der Mosel - "Moselsche Restauration". Erst ab 1873 bezeichnete der neue Besitzer Johann Gottlob Kraft die Restauration "Schillerschlösschen". Dieser Name blieb bis zur Schließung der Gaststätte 1954 erhalten. Der Zugang zum Restaurant erfolgte anfangs einfach über den Bahnhofsvorplatz. Als dem "Schillerschlösschen" 1880 das spätere Hotel "Kaiserhof" praktisch vor die Nase gesetzt wurde, gab es nur noch einen schmalen Weg zum Restauranteingang und dem dahinter liegenden heutigen Wohnhaus Bahnhofstraße Nr. 50.

Die gastronomische Geschichte dieses letztgenannten Hauses ist sicher vielen Werdauern nicht mehr in Erinnerung. Es war einst ein 1852 errichtetes einstöckiges Wohnhaus, das mehrfach umgebaut und aufgestockt und schließlich ab 1898 als "Weinstube" von Pauline Heinze eröffnet wurde. Wie in vielen anderen Städten, so entwickelte sich um 1900 auch in Werdau rings um den Bahnhof ein spezielles "leichtes Gewerbe". Ihre "Dienste" boten dabei die städtisch kontrollierten Damen vor allem in diesem Haus Nr. 50 an. Als es nach 1923 zur Schließung der "Weinstube" kam, waren die Damen arbeitslos. Ihnen blieb also nichts weiter übrig, als ins nächste Restaurant zu wechseln - und das war das "Schillerschlösschen". Durch diesen unrühmlichen, bis Anfang der 1940er-Jahre währenden Zustand, behielt jener Hinterbereich der Bahnhofstraße auch weiterhin seinen zweifelhaften Ruf.

Als in diesen Jahren in Werdauer Firmen ebenfalls Kriegsgefangene als Hilfskräfte eingesetzt wurden, benötigte man eine Vielzahl an Räumen für deren Unterbringung. Vor allem die vielen Gaststätten mit ihren Sälen und Nebengebäuden sah man dafür als geeignet an. So auch das "Schillerschlösschen". Über eine schmale Zufahrt, die sich von der Bahnhofstraße aus zwischen Haus Nr. 42 (ehemals "Thilos Bierstuben") und Haus Nr. 44 befand, erfolgte einst die Versorgung der Gaststätte. Nun nutzte man diese zum An- und Abtransport der Gefangenen. Durch eine, mit einem großen Holztor verschlossene Einfahrt gelangte man in einen Hof. Rechts der Einfahrt stand ein schmales, einstöckiges Lagergebäude, und links befanden sich die Räume der ehemaligen Kegelbahn. Anfangs wurde nur das rechte Gebäude zur Unterbringung von russischen Kriegsgefangenen verwendet. Nach deren Verlegung wurden Engländer und Franzosen nach hier umquartiert. Dabei wurde auch der ehemalige Tanzsaal mit belegt. 1945 wurden die Gaststätte kurzzeitig geschlossen und ein Lazarett für Kriegsverwundete eingerichtet. Oswald Colditz, der als Koch und Konditor im "Stadt-Café" tätig war, übernahm 1946 die Gaststätte wieder und betrieb sie noch bis Mitte der 1950er-Jahre. Zwischenzeitlich war in einige Räume eine kirchliche Gemeinschaft eingezogen, ehe der gesamte Komplex eine Ausbildungsstätte für Lehrlinge der Deutschen Reichsbahn wurde. Kurz nach 1990 gab es für dieses geschichtsträchtige Gebäude einen Hoffnungsschimmer. Die Neueröffnung einer gastronomischen Einrichtung "Imbiss mit Biergarten" blieb leider ein Versuch. Und heute? Durch den Abbruch des Gebäudes Bahnhofstraße Nr. 42 und weiterer Nebengebäude hat man nun von der Bahnhofstraße aus freien Blick auf den angebauten Tanzsaal mit dem dahinter stehenden ehemaligen Restaurantgebäude. Beide werden seit einiger Zeit umgebaut und für Wohnzwecke genutzt.

Quelle: "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben

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