Preiswerten Gurkenteller zu heißer Tanzmusik serviert

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Stadt-Café/Bahnhofsgebiet (Folge 1)

Werdau.

Bevor es mit der Anbindung der Eisenbahnstrecke an die Stadt Werdau und deren spätere Weiterführung nach Hof und Wünschendorf kam, bestand das Gelände um den heutigen Bahnhof vorwiegend aus Wiesen und Feldern. Vereinzelte Ziegeleien in dieser Gegend lieferten ihre Produkte für den Wohnungs- und Firmenbau. Über den Leubnitzer Steig, auch Werdauer Kirchsteig genannt, einem unbefestigten einfachen Weg, konnten die Leubnitzer über den "Berg" nach Werdau in die dortige Kirche gelangen. Erst um 1840 erfolgten weitere Bebauungen. 1844 errichtete sich am oberen Ende der heutigen Bahnhofstraße der Brückenbaumeister Robert Wilke ein kleines Gartenhäuschen. Von dort aus fungierte Wilke als Oberbauleiter für die imposanten Ziegelbrücken in Leubnitz und Steinpleis.

Der Anschluss an die Eisenbahnstrecke von Werdau nach Zwickau im Jahr 1845 brachte der Stadt Werdau einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Straßen zum Bahnhof, nach Leubnitz und Richtung Steinpleis/Fraureuth wurden angelegt und beidseitig mit Wohnhäusern und Fabriken bebaut. Mehrere Firmen verlegten ihre Produktion in die Nähe dieses neuen Verkehrsknotenpunktes. Zwei Speditionen - Vollbrechtshausen und Brauer - sicherten den Güterverkehr ab. Personen wurden mittels Kutschen zu ihren Bestimmungsorten chauffiert. Bereits mit dem Bau des Werdauer Bahnhofes auf Leubnitzer Flur etablierte sich dort eine kleine Restauration. Sie wurde den jeweiligen Erweiterungsbauten angepasst und erhielt kurz nach 1900 den heute noch vorhandenen großen Speisesaal. Bis 1988 wurde das Restaurant von der Mitropa bewirtschaftet und danach geschlossen. Im Lauf der Zeit entwickelten sich längs der Bahnhofstraße eine Vielzahl an großen und kleinen Gaststätten und Hotels. Am Standort des Gartenhäuschens entstand das spätere Hotel "Kaiserhof" Haus Nr. 46, dahinter das "Schillerschlösschen" Nr. 48 und die "Weinstube" von Heinz in Nr. 50. Weiter auf der rechten Straßenseite folgten in Nr. 42 "Thilos Bierstuben" und in Nr. 38 das Restaurant "Bräunlich". Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, gab es in Nr. 43 das "Café Merkur", in Nr. 41 die "Deutsche Eiche", in Nr. 39 den "Ritterhof", in Nr. 37 das Restaurant "Walter" und in Nr. 33 das über Werdau weit hinaus bekannte "Stadt-Café".

Der Vorläufer dieses Tanz-Cafés, das Restaurant "Wilhelmshöhe", wurde 1872 eröffnet. 1919 wurde Paul Haacke, der spätere Wirt im Bahnhof Teichwolframsdorf, der Besitzer. Mit der Wiedereröffnung versah Haacke das Restaurant mit dem neuen Namen "Stadt-Café". Eine straßenseitig groß angelegte Fensterfront komplettierte den umfassenden Innenumbau. Jetzt gab es im Erdgeschoss nicht nur Speisen und Getränke, sondern auch unterschiedliche Tanzveranstaltungen. Als der Konditormeister Otto May 1921 das "Stadt-Café" erwarb, fügte er in der ersten Etage eine kleine Bar mit Sitzmöglichkeiten für Speisegäste hinzu. Otto May, der damals in der heutigen August-Bebel-Straße 43 zusätzlich noch ein "Theater-Café" betrieb, erweiterte ständig sein kulturelles Angebot in Form von Varietés und Konzerten. Ein Gartenlokal mit Eispavillon gab es ebenfalls. 1950 verkaufte Otto May altersbedingt sein Café an die HO Werdau, die es in der Folge als HO-Gaststätte "Stadt-Kaffee" weiterführte. Von der HO 1965 renoviert und umgebaut, eröffnete die Gaststätte noch im selben Jahr als HOG "Tanzcasino". Bis 1971 spielte dabei eine Reihe von Kapellen zum Tanz. Dann begann die Zeit der Disco. Die Discothek im "Tanzcasino" war die erste im damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt. Eigens für die Bierliebhaber wurde eine vom Barbereich über eine Seitentür erreichbare "Bierbar" eingerichtet.

Das Preisgefüge war 1976 der Preisstufe III angepasst. So kostete ein halber Liter Deutsches Pilsner 1,12 Mark, ein Weinbrand "Urahn" 1,90 Mark und der "Mocca Edel" 1,80 Mark. Weine wie Tokajer und Grauer Mönch waren ebenso beliebt wie "Rotkäppchen"-Sekt. Da kostete die Flasche schon mal 30,50 Mark. Man zog aber die preiswertere Variante "Herrengedeck" vor, die aus einem Glas Pilsner und einer Piccolo-Flasche Sekt bestand. Speisen wie "Strammer Max" für 2,30 Mark und Steak "Sofia" für 6 Mark waren genauso im Angebot, wie ein Gurkenteller für 1 Mark oder eine gemischte Abendbrotplatte für 3,75 Mark. Ruhetage in dieser Nachttanzbar wurden dienstags und mittwochs eingelegt. Am Sonntag war alkoholfreier Jugendtanz.

Das "Stadt-Café", so stand es noch bis zum Abbruch an der Hausfront, war weithin so bekannt und beliebt, dass Besucher sich nicht scheuten, auch aus den entferntesten Orten zum Tanz nach Werdau zu kommen. Viele ehemalige Gäste erinnern sich heute noch gern an diese einmalige Einrichtung an der Bahnhofstraße, die leider im Jahr 1990 ihren Betrieb einstellte. Zahlreiche Versuche, einen Betreiber zu finden, schlugen damals fehl. Das Gebäude verfiel im Lauf der Jahre immer mehr und musste notgesichert werden. So blieb schließlich nur noch der Abbruch, der dann im Jahr 2003 erfolgte.

Quelle: "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben


Mehr als 100 Kneipen

Ulrich Puchelt interessierte sich schon als Jugendlicher für Geschichte und Kunsthistorie. Doch eine rund 100 Jahre alte Karte weckte vor ein paar Jahren das Interesse des Steinpleisers an einem neuen Hobby. Die Postkarte zeigte ein Lokal aus Werdau. Nach einiger Recherche bekam der Diplomingenieur für Maschinenbau heraus, dass es sich um den "Kastanienbaum" am Werdauer Grünanger handelte. Sein Interesse war geweckt. Der heute 72-Jährige sammelte eine Fülle von Informationen über die hiesige Kneipenlandschaft. Die war in Werdau riesig. Weit mehr als 100 große und kleine Schankeinrichtungen, Gaststätten und Imbisse gab es vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg in der Pleißestadt. Eine enorme Fülle, die auch mit vielen Geschichten, Erinnerungen und Anekdoten verbunden ist. Ulrich Puchelt hat sie in mittlerweile zwei Büchern zusammengefasst. Für seine Recherchen, die ihn in Archive sachsenweit führten, lernte der Steinpleiser die altdeutsche Schreibschrift zu lesen. Außerdem besucht er Tauschbörsen, um den Bestand seiner historischen Postkarten-Sammlung immer noch zu erweitern.

Holger Norden hatte im vorigen Jahr den "Freie Presse"-Lesern anhand historischer Postkarten aus seiner Heimatstadt die spannende Geschichte Crimmitschaus nahegebracht. Der 74-Jährige, der im Vorstand des Heimatvereins ist, konnte dabei aus dem Postkarten-Fundus des Heimatvereins schöpfen. Holger Norden ist einer der Autoren der Chronik, die anlässlich des Jubiläums "600 Jahre Stadtrecht" erschienen ist. (rdl)

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