Reges Leben, auch im Biergarten

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Das Gasthaus "Zum Steinpöhl" (Folge 44)

Werdau.

Wir befinden uns im Werdauer Ortsteil "Sorge", nach dem auch die weiterführende Straße von und nach Zwickau benannt wurde. Der Name Sorge wird aus dem bayrischen Wort "Zarge" erklärt, das so viel wie Rand, Folge oder Reihe bedeutet. Tatsächlich liegt ja der Ortsteil Sorge ganz am Rand, was durch diese Bezeichnung auf eine frühe bayrisch-fränkische Besiedelung hindeutet. Kamen diese Siedler erst relativ spät zu den jeweiligen Dörfern, so wurden ihnen freie Ländereien "der Reihe nach" an den Dorfgrenzen zugewiesen.

Die stadteinwärts liegenden Bauerngüter Sorge Nr. 48, 46, 38 auf der linken und 63 auf der rechten Seite, von denen die Altgebäude aus dem 19. Jahrhundert noch teilweise vorhanden sind, dürften die ersten Ansiedlungen an dieser Straße gewesen sein. Dazu kommt noch das Haus Nr. 40, das etwas weiter von der Straße auf der linken Seite eingerückt steht. Bewohner war viele Jahre der Oberstraßenwärter Ernst Groß. Da unmittelbar an dieser Stelle die Werdauer Flur beginnt, ist anzunehmen, dass sich in früherer Zeit auch hier eine Art Chausseegeld-Einnahmestelle befand. Die weitere Bebauung der Straße, vor allem stadteinwärts auf der rechten Seite bis zum Abzweig nach der Friedenssiedlung begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es entstand eine geschlossene Reihe von Wohn- und Geschäftshäusern, wie auch das Haus Nr. 51, in dem Hedwig Dämmrich einen Materialwarenhandel betrieb. Ein weiteres Restaurant entstand in dem 1890 erbauten Doppelhaus Nr. 41/43. Nahezu zeitgleich mit dem neuen "Restaurant Feldschlösschen" Nr. 63b eröffnete Franz Heydel 1892 hier im Haus Nr. 41 sein Restaurant "Zum Steinpöhl". Ursprünglich sollte ein Haus aus drei separaten Gebäudeteilen mit einem Restaurant im Eckgebäude bestehen und am Abzweig Richtung Steinpöhlwald errichtet werden. Das wurde aber verworfen und der heutige Standort ausgewählt. Der abgebildete Ausschnitt aus einer Ansichtskarte, die 1901 geschrieben wurde, zeigt das rege Leben vor dem Restaurant und im dahinter liegenden ruhigen Biergarten. Franz Heydel, der im Haus dazu einen eigenen Verlag für Druckerzeugnisse betrieb, produzierte auch die wunderschönen lithografischen Ansichtskarten. 1919 übernahm Oskar Heinrich das Restaurant. Er und später seine Frau Klara bewirtschafteten das nun als Gaststätte bezeichnete Restaurant bis 1946. Danach wurde die Gaststätte "Zum Steinpöhl" geschlossen und zu einem Wohn- und Geschäftshaus umgebaut. Die sich anschließende, aus mehreren Wohnblöcken bestehende Häuserreihe mit den Hausnummern 21 bis 39 wurde erst in den 1920er-Jahren errichtet. Bauträger waren damals die Neue Baugenossenschaft Werdau und der Nationale Arbeiterunterstützungsverein. Die architektonisch sehr gelungene Bauweise, mit herrlichen fensterverkleideten Holzveranden auf der Rückseite, wurde bei der vor einigen Jahren erfolgten Sanierung durch den Eigentümer WG Fraureuth weitgehend erhalten. Nach dem letzten Haus der Reihe Nr. 21 zweigt rechts die Straße in Richtung Steinpöhlwald und Friedenssiedlung ab. Im gegenüberliegenden Eckbereich befindet sich das Gebäude einer ehemaligen Bäckerei. Nachdem die Sichem-Bäckerei geschlossen wurde, erhielt Kurt Rosenbaum 1934 die Genehmigung zum Bau eines Wohnhauses mit Bäckerei und Verkaufsladen. Das Eckgebäude erhielt die Anschrift Sorge Nr. 19. Noch heute befindet sich im Eingangsbereich das gut erhaltene Gewerbezeichen in Form einer großen Brezel und dem sich darüber befindlichen Bäckernamen. Kurzzeitig hatte nach 1990 die Bäckerei Bayer hier ein "Stehcafé" eingerichtet. Das ist schon seit Längerem wieder geschlossen. Auf der linken Straßenseite haben sich viele Bürger in ihren Gartenanlagen Wohnhäuser errichtet. Eine Altbebauung auf dieser Seite beginnt erst wieder mit dem Haus Nr. 18, in dessen Gelände sich die Gärtnerei Manfred Sander befindet. Anschließend erstreckt sich die Bebauung vor allem mit Doppelhäusern bis hin zum Haus Nr. 2 b. Hinter der Altbebauung haben sich in den letzten Jahren kleinere Neubau-Wohngebiete entwickelt.

Am Haus Nr. 2 b endet die Straße Sorge und mit dem gegenüberliegenden Haus Nr. 51 beginnt die Zwickauer Straße, die weiter stadteinwärts, in ihrem anschließenden Teil recht steil, hinunter zur August-Bebel-Straße führt. Nach weiteren Kleingärten auf der rechten Straßenseite folgt in einem parkähnlichen Gelände eine Villa mit der Anschrift Zwickauer Straße Nr. 43. Ehe sich hier der Fabrikant Gustav Bäßler eine Villa erbauen konnte, existierte in diesem Bereich eine Gartenanlage. Um 1900 errichtete hier auf dem unbebauten Gelände der Wirt des Restaurants "Zum Laudon" (heute Antiquitätengeschäft August-Bebel- Straße 4) Luis Lutzner eine Kleingartenanlage "Laudonsheim". Lutzner folgte dabei dem Gedanken des Leipziger Arztes Moritz Schreber, durch Gartenpflege zurück zur Natur zu finden. Bereits Ende 1907 verstarb Luis Lutzner. Die Gartenanlage wurde teilweise aufgelöst, das Gelände als Bauland gewidmet und 1907/08 die Gustav Bäßlersche Villa erbaut. Heute ist die Villa Nr. 43 ein saniertes Wohngebäude. Danach folgt die Gartenanlage "Bergfrieden", die 1954 auf dem ehemaligen Gelände des Besitzers Carl Elli Schwalbe angelegt wurde. Die im anschließenden Grundstück befindliche Villa Haus Nr. 41 ließ sich die Familie Hackebeil, die in Werdau eine Vertretung für Wolle und Baumwollerzeugnisse hatte, Anfang der 1930er- Jahre erbauen. Es folgt die Gartenanlage "Auf der Höhe". Erste Gärten wurden hier bereits im Jahr 1946 auf dem ehemaligen Festplatz der Werdauer Schützengesellschaft angelegt. In Eigenleistung schufen sich die Gartenfreunde Anfang der 1960er-Jahre ein Vereinsheim, in dem eine öffentliche Gaststätte integriert war. Bewirtschaftet wurde sie durch die Gartenmitglieder selbst oder durch Pächter, wie ab 1978 durch die Familie Unger. 1990 wurde das "Vereinsheim" privatisiert und zur Gaststätte "Auf der Höhe" ausgebaut. Ein zusätzliches "Eis-Café" wurde eröffnet und ein Gartenbetrieb eingerichtet. Manuela Dietzel als Betreiberin veranstaltete Tanz- und Kulturabende. Weinfeste und Kurzausflüge ergänzten ihr Angebot ganzjährig. Es war sicher der wirtschaftlich schwierigen Zeit kurz nach 1990 und der Lage der Gaststätte geschuldet, dass sie 1998 bereits wieder geschlossen werden musste. Nach langem Leerstand und allmählichem Verfall wurde das Gebäude schließlich 2014 abgebrochen. Heute kündet lediglich ein großes Wiesenstück vom ehemaligen Standort.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiterenhistorischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben

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