Schröpfen, Golfen, Debattieren

Die Volkshochschule Zwickau hat für 2020 Kurse im Programm, die man so nicht erwarten würde. Trotzdem: Man prüft das eigene Angebot jetzt genauer als früher.

Zwickau.

Seit erst einem Monat gehört Marco Sciretta (23) zum Team der Zwickauer Volkshochschule (VHS). Und doch ruhen schon jetzt große Erwartungen auf dem jungen Mülsener. Der Absolvent der Jenaer Universität soll das Politikangebot koordinieren und ausbauen. Die VHS soll politischer und diskussionsfreudiger werden. Wenngleich man den Begriff politische Bildung so gut es geht vermeiden möchte, sagt VHS-Chef Patrick Schulze. "Wir wollen nicht den Anschein erwecken, wir würden jemanden indoktrinieren."

Im gedruckten Kursprogramm für 2020, das am Donnerstag den Medien vorgestellt wurde, fehlen zwar noch entsprechende Veranstaltungen. Online bewirbt die VHS einige davon aber schon auf ihrer Webseite. Zunächst bietet man in Zusammenarbeit mit der VHS München mehrere Termine an, zu denen ein politischer Vortrag aus München live übers Netz in einen westsächsischen Veranstaltungsraum gestreamt wird. Am Ende des Streams sollen die Teilnehmer dann miteinander diskutieren. Am 20. Januar geht es zum Beispiel um Verschwörungstheorien. Andere Online-Vorträge befassen sich mit der Krise des Parlamentarismus, der Wirtschaftspolitik der USA und der zunehmenden Skepsis am Föderalismus. Über letztere spricht im Live-Stream der Verfassungsrichter Peter Huber. "So einen hochkarätigen Redner könnten wir ansonsten nicht aufbieten", sagt Sciretta. Das Politik-Angebot der VHS müsse sich erst etablieren. Um ein Netzwerk und nötiges Interesse dafür zu schaffen, kooperiere man zudem mit der Landeszentrale für politische Bildung und wolle die Schulen ansprechen. "Früher kamen die Leute zur Volkshochschule. Ich glaube, inzwischen müssen wir mit unseren Angeboten zunehmend zu den Leuten kommen", sagt VHS-Leiter Schulze.

Die Neuerung kommt zu einem günstigen Zeitpunkt. Die Teilnehmerzahlen und die Anzahl der Kurse weisen seit zwei Jahren wieder nach oben, nachdem die Nachfrage nach VHS-Kursen zuvor rückläufig war. Nun seien es vor allem die Breite in den Sprachkursen, aber auch das Medien- und Gesundheitsangebot, das für den Anstieg verantwortlich sei, sagt Schulze. Von 2018 auf 2019 ist die Anzahl der durchgeführten Kurse von 500 auf 570 gestiegen, die Anzahl der Unterrichtsstunden von 9800 auf 11.100 und die Anzahl der Teilnehmer von 5300 auf 5700.

Dabei hatte 2018 ein Bericht des Magazins "Spiegel" im Volkshochschulwesen für Unruhe gesorgt. Darin wurde kritisiert, dass dubiosen Praktiken aus der Alternativmedizin in den Volkshochschulen auf Steuerzahlerkosten zu viel Raum gewährt werde. Der Bundesverband des Volkshochschulen verteidigte sich, indem er darauf verwies, dass teilweise Yoga- und Qigong-Kurse zu fragwürdigen alternativmedizinischen Praktiken gerechnet wurden, obwohl darin eigentlich nur traditionelle Praktiken von Weltkulturen vermittelt würden.

"Wir haben nach dem Bericht auch unser komplettes Programm im Bereich Gesundheit auf den Prüfstand gestellt und daraus Schlüsse gezogen", sagt der Zwickauer VHS-Leiter Schulze. Esoterik sei im aktuellen Programm nicht enthalten, dafür aber Kurse zu Meditation, Entspannung und Stressbewältigung, darunter auch Yoga- und Qigong-Angebote, indische Koch- und orientalische Tanzkurse.

Bei mehreren Angeboten zeigt sich aber, dass die Auswahl der Kurse eine Gratwanderung ist. So sind weiter Praktiken enthalten, die von Wissenschaftlern als mindestens fragwürdig eingestuft werden, wie Heilfasten oder Entgiften. Es gibt sogar einen Kurs, der die altertümliche Praxis des Schröpfens zum Inhalt hat. "Homöopathie zum Beispiel ist nicht gleich Esoterik", verteidigt Schulze das Programm. Wissenschaftler sehen das jedoch anders, die Debatte um Alternativmedizin und Homöopathie läuft europaweit. In Frankreich stellen Krankenkassen die Erstattung für homöopathische Mittel künftig ein. Für die VHS gilt aber: Was der Gesundheit förderlich sein kann, darf ins Angebot. Entsprechend kann man 2020 dort auch einen Golfkurs belegen, wenngleich gegen hohe Teilnahmegebühr. Golf, sagt VHS-Leiter Schulze, stärke schließlich den Rücken.

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