"Sie merken, wenn jemand was vorspielt"

Die Verkehrspsychologin Melanie Lenk über Tücken bei der Medizinisch-Psychologischen-Untersuchung (MPU)

Werdau.

Der Landkreis Zwickau geht davon aus, dass in diesem Jahr mehr Menschen zur Medizinisch-Psychologischen-Untersuchung (MPU) müssen, als in den Vorjahren. Im ersten Halbjahr sind bereits 208 angeordnete Untersuchungen, sogenannte Idiotentests, registriert worden. Im gesamten Jahr 2018 waren es 308. Susanne Streicher hat mit der Glauchauer Verkehrspsychologin Melanie Lenk (44) darüber gesprochen, worauf es bei der MPU ankommt.

Freie Presse: Für 2019 stellt der Landkreis Zwickau eine Prognose von etwa 360 verordneten MPUs. 2018 waren es 308. Wie erklären Sie sich den Anstieg?

Melanie Lenk: Die Begutachtungsanlässe durch Drogen stiegen in den letzten Jahren. Besonders durch die Nähe zu Polen und Tschechien werden vermehrt Drogen wie Crystal Meth oder Cannabis konsumiert. Die Anzahl ist aber zum Beispiel auch abhängig von der Kontrolldichte der Polizei.

Wann droht eine MPU?

Bei acht Punkten in Flensburg ist der Führerschein weg. Das Gleiche passiert, wenn man mit 1,6 Promille im Blut oder unter Drogeneinfluss hinterm Steuer erwischt wird. Bei Verkehrsdelikten dieser Art muss der Betroffene seine Fahrtauglichkeit nachweisen. Wer nach Alkohol- oder Drogenkonsum auf dem Fahrrad oder E-Bike gestoppt wird, muss ebenfalls zur MPU.

Was bedeutet das für die Betroffenen zu Beginn?

Betroffene, die plötzlich ohne Führerschein dastehen, befinden sich in einer schwierigen Situation. Oftmals ist der Arbeitsplatz in Gefahr. Viele fühlen sich überfordert und hilflos.

Was sind Ihrer Erfahrung nach häufig Gründe, warum Kraftfahrer zu einer MPU müssen?

In meinem Büro habe ich vermehrt Punktetäter sitzen. Viele haben mit Stress, Termindruck oder privaten Ereignissen zu kämpfen. Aber auch der Anteil an Frauen, die alkoholisiert Auto fahren, nimmt zu.

Was passiert bei einer MPU?

Während einer MPU müssen sich die Teilnehmer neben einer medizinischen Untersuchung und einem Reaktionsfähigkeitstest einem einstündigen Gespräch durch einen Gutachter unterziehen.

Was will der Gutachter konkret wissen?

Durch gezielte Fragen will der Gutachter feststellen, ob der Betroffene seine Konsequenzen gezogen und Veränderungen eingeleitet hat. Da speziell geschulte Psychologen die Gespräche führen, reicht es nicht aus zu behaupten, das Vergehen sei ein einmaliger Fauxpas gewesen. Sie merken sofort, wenn jemand versucht, etwas vorzuspielen.

Stimmt es, dass bei der ersten MPU die meisten durchfallen?

Nein, das stimmt nicht. Untersuchungen der Bundesanstalt für Straßenwesen zeigen, dass über 80 Prozent auf Anhieb die MPU bestehen, wenn sie früh eine professionelle Beratung in Anspruch nehmen.

Warum ist eine Vorbereitung auf die MPU sinnvoll und wann sollten Betroffene damit beginnen?

Betroffene sollten sich so schnell wie möglich nach dem Führerscheinentzug an einen Berater wenden. Professionelle Unterstützung ist nötig, um Verhaltensweisen zu verändern. Die Bereitschaft, Fehler auch bei sich selbst zu sehen, ist das A und O. Ohne sie ist die MPU meist zum Scheitern verurteilt.

Wie viel kostet eine seriöse Vorbereitung?

Bei TÜV Nord kostet eine Komplett-Vorbereitung etwa 1000 Euro. Es gibt auch Anbieter, die Kurse für 300 bis 400 Euro anbieten. Davon würde ich aber eher die Finger lassen. Im Regelfall muss man mit Kosten zwischen 800 und 1000 Euro rechnen. Diese Kosten lohnen sich aber in jedem Fall: Das Bestehen nach einer qualifizierten Vorbereitung ist günstiger als viele Fehlversuche.

Woran erkenne ich einen seriösen Vorbereiter und welche Qualifikationen muss er haben?

Man sollte sich vorab informieren, ob der Anbieter durch eine Landesbehörde amtlich anerkannt ist. Auch ausgebildete Diplom- oder Master-Psychologen sind in der Regel gute Ansprechpartner.

Wann ist Vorsicht geboten?

Die MPU hat einen Markt für Beratungsgespräche geschaffen, auf dem sich auch unseriöse Anbieter tummeln. Betroffene sollten einen großen Bogen um Anbieter machen, die mit einer "100-Prozent-Garantie" werben.

Wie lässt sich schon im Vorfeld eine MPU vermeiden?

Wer einen oder mehrere Punkte in Flensburg hat, dem rate ich diese mithilfe eines Fahreignungsseminars (FES) in einigen Sitzungen zu reduzieren. Eine MPU mit acht Punkten kann durch die Teilnahme am FES häufig vermieden werden.

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