"Standard"-Jugendheim war auch bei Sportlern überaus beliebt

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Das Leubnitzer Sportlerheim (Folge 19)

Werdau.

Ehe man die heutige Schulstraße in Leubnitz erreicht, zweigt links und rechts nach der Bachbrücke eine schmale Straße ab, deren Flurstücke noch zur Leubnitzer Hauptstraße zählen. Auf der linken Seite ist von den ehemaligen Bauerngütern nichts mehr vorhanden. Hier nehmen vor allem ein Parkplatz und die Auffahrt zur Westtrasse den größten Platz ein. In den rechts liegenden Häusern Nr. 57 bis 67 war vor allem die langjährige Tischlerei Adler ein Begriff.

Die eigentliche Schulstraße hieß früher Friedhofstraße und noch eher Straße zum Gottesacker. Sie beginnt heute mit dem Eckhaus Nr. 2. Danach folgt das Haus Nr. 4 mit den Resten des alten Bauerngutes von Hermann Fülle. Als die am 1. Januar 1836 auf dem Wettiner Platz in Funktion genommene erste Leubnitzer Schule in den Folgejahren den gewachsenen Ansprüchen nicht mehr gerecht wurde, errichtete man 1867 auf der linken Seite der heutigen Schulstraße eine zweite Schule. 1881 wurde oberhalb der zweiten Schule eine wiederum größere, die sogenannte dritte Schule gebaut. In dieser auch als Alte Schule bezeichneten Schule ist die heutige Grundschule eingerichtet. Das nicht mehr für Schulzwecke benötigte Gebäude der zweiten Schule wurde von der 1904 gegründeten Sparkasse und dem Gemeindeamt belegt.


Nachdem kurz vor 1950 das Gemeindeamt mit Sparkasse in das Leubnitzer Schloss verlegt wurde, zog in die frei werdenden Räume der Schulhort ein. Der Abbruch dieses Gebäudes erfolgte 2005. An dieser Stelle befindet sich heute der eingangs erwähnte Parkplatz. 1898 errichtete man oberhalb der Alten Schule wiederum ein neues Schulgebäude, die Neue Schule und heutige Oberschule. Im gleichen Baustil wie der Vorgängerbau erfolgte 1914 ein Anbau mit neun weiteren Klassenräumen. Nach langen Bemühungen bekam 1929 die Schule eine separat stehende Turnhalle dazu. Durch den Einbau einer Bühne konnte die Turnhalle als Aula und für verschiedenste kulturelle Veranstaltungen genutzt werden. Nach 1990 folgten Anbauten mit weiteren Klassenzimmern. Dazu kam noch eine zweite moderne Turnhalle. Daneben befindet sich der ausgebaute Pausen- und Sportplatz der Schule. Bis Ende der 1950er-, Anfang der 1960er-Jahre standen am Rand dieses Platzes rund 25 Maulbeerbüsche, deren Blätter für die seit den 1930er- Jahren in der Schule praktizierte Seidenraupenzucht Verwendung fanden. Noch im Jahr 1952 wurden von der Schule zur weiteren Bepflanzung Maulbeerbaumsetzlinge bestellt. Registrierter Seidenraupenzüchter war damals Willy Pomper. Am oberen erhöhten Rand des damals schon vorhandenen Pausenplatzes, an der Grenze zu den Friedhofsgebäuden, wurde 1936 ein Gedenkstein für den verstorbenen NS- Jugendlichen Herbert Norkus eingeweiht. Nach 1945 wurde dieser Stein überarbeitet und als Ernst-Thälmann-Gedenkstein im Leubnitzer "Schlosspark" aufgestellt.

Direkt an der oberen Schulgrenze beginnt das Gelände des 1865 eröffneten Leubnitzer Friedhofs. Im Jahr 1888 erfolgte der Bau der Kapelle. Ein Glockenturm kam um 1950 dazu. Gegenüber der Friedhofsmauer auf der anderen Straßenseite reihen sich mehrere Einfamilienhäuser bis hinauf zur sogenannten Eisenbahnersiedlung. Diese ab 1926 vorrangig für Mitarbeiter der Eisenbahn gebaute Siedlung besteht aus einzelnen Häusern und mehreren aneinander gereihten Gebäudekomplexen. Zur Versorgung der Bewohner in diesem etwas abgelegenen Wohngebiet eröffneten mehrere Händler und andere Gewerbetreibende ihre Geschäfte. So gab es im Arbeiterweg: im Haus Nr. 1 die Materialwarenhandlung von Wally Ruder, die spätere Konsum-Verkaufsstelle; im Haus Nr. 4 die Bäckerei Paul Drescher; im Haus Nr. 15 die Bierhandlung Walter Böhme; im Haus Nr. 35 die Fleischerei der Gebr. Döhler, die spätere HO-Verkaufsstelle und im Bauernweg 3 die Materialwarenhandlung mit Schlachthaus der Familie Kießlich und viele andere.

Schräg gegenüber im Bauernweg 2 kam in den Folgejahren die Tierarztpraxis von Dr. Hilbert hinzu. Aber: Die Errichtung einer gastronomischen Einrichtung war bei der Planung dieser Siedlung nicht mit vorgesehen. Im November des Jahres 1935 verordnete man im Deutschen Reich für nahezu jede Stadt und jede größere Gemeinde den Bau von sogenannten "Jugendheimen". In Standardbauweise gebaut und in der Größe dem jeweiligen Ort angepasst, sollten in diesen Heimen Jugendliche entsprechend der NS-Ideologie erzogen werden. Anfangs hatte man in Leubnitz die alte Schule für ein derartiges Heim vorgesehen. Erst als 1939 die Gemeinde ein Stück unbebautes Bauernland erwerben konnte, begann die Errichtung des Heimes auf einer Fläche gegenüber dem bereits bestehenden Sportplatz. Die Weihe des "Jugendheimes" fand am 15. August 1940 statt.

Das historische Foto, das kurz nach der Fertigstellung aufgenommen wurde, zeigt das großzügig gestaltete "Jugendheim" mit einem befestigten Vorplatz und breiten Treppenstufen zum Eingang. Ein Hinterausgang zu einer kleinen Festwiese hat die gleiche Art der Treppenstufen. Die damaligen Heimbewohner wurden zwar durch eine eigene Küche versorgt, eine öffentliche Gaststätte gab es aber noch nicht. Nach 1945 wurde der Gemeindeverwalter Paul Herold für die gesamte Anlage eingesetzt. Ende 1947 kam es zu einem folgenschweren Dachbrand, der auch viele untere Räume mit erfasste. Der ursprüngliche Plan, das Gebäude beim Wiederaufbau mit einem Flachdach zu versehen, wurde verworfen. Man entschied sich wieder für ein Satteldach. Nur die Fensterreihe im Dach erhielt ihre heutige Form.

Von 1949 bis 1950 erfolgte dann der Umbau des Gebäudes zu einem "Sportlerheim" mit einer öffentlichen Gaststätte. Bauträger war der VEB Lowa Waggonbau Werdau. 1951 wurde die BSG Motor Werdau mit dem Trägerbetrieb Lowa, dem späteren KFZ-Werk "Ernst Grube", gegründet. Vor allem die Sektionen Fuß- und Handball nutzten von nun an die Sporteinrichtung zusammen mit dem gegenüberliegenden Schlacke-Platz. Sanitär- und Umkleideräume waren in den Kellerräumen vorhanden und eine Gaststätte bot den durstigen Sportlern mancherlei Abwechslung. Nach 1990 wurde die gesamte Sportanlage Eigentum der Gemeinde Leubnitz. Einige Zeit stand das Gebäude ungenutzt, ehe ab 1999 der neue Inhaber Udo Fiol im ehemaligen "Sportlerheim" die Gaststätte "Zum Leubnitzer" eröffnete. Das aktuelle Foto entstand im zeitigen Frühjahr, da zu dieser Zeit die Sicht durch die Blätter an den Bäumen noch nicht versperrt war.

Zwei kleine Schankwirtschaften gab es aber noch: "Die Pils-Oase" von Stefan Kropp in der ehemaligen Konsum-Verkaufsstelle 050 Arbeiterweg Nr. 1 und die Kantine in der Gartenanlage "Zu den Kastanien" im östlichen Bereich am Rand der Eisenbahnersiedlung. Als in den 1950er- und 1960er-Jahren die Werdauer Fußballer ihre "Großkämpfe" noch auf besagtem Sportplatz austrugen, strömten viele der Besucher nach dem Abpfiff nicht nur ins "Sportlerheim", sondern auch in die etwas versteckt liegende Gartenkantine, die unter dem Namen "Blaue Maus" ein echter Geheimtipp war. Um 1994 wurde diese Kantine dann als öffentliche Gaststätte aufgegeben. Eventuell plant man hier wieder einen Neuanfang?

Quelle: "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben.

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