Täglich feinste frische Torten und würziges bayrisches Bier

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Die Konditorei "Café Lamprecht" (Folge 7)

Werdau.

Wenn so mancher Reisende nach langer Bahnfahrt den Werdauer Bahnhof verlassen hat, die Bahnhofstraße hinunter geht und sich freut, endlich ein Gaststättenschild zu erblicken, wird er tief enttäuscht. Außer einem polierten Schild "Blauer Engel" an einem wunderschön sanierten Wohnhaus, welches sogar noch mit einem Hinweisschild zum Biergarten versehen ist, gibt es dort leider nichts für die hungrige und durstige Seele.

Dabei begann alles so hoffnungsvoll, als sich oben genannte Gaststätte in dem alten ehemaligen Wohnhaus der 1854 gegründeten Firma Carl Friedrich Aderhold, Bahnhofstraße 25, einrichtete. Seit nahezu zehn Jahren existiert die Gaststätte "Blauer Engel" nun schon nicht mehr. Dabei gab es noch vor vielen, vielen Jahren, natürlich nicht gleichzeitig, jeweils auch im unteren Bahnhofstraßenbereich einige Einkehrmöglichkeiten. Oft waren es Bäcker oder Fleischer, die zu ihrem eigentlichen Gewerke zusätzlich eine Schankerlaubnis besaßen. So gab es zum Beispiel im Haus Nr. 18 von 1875 bis 1881 eine Restauration "Zur Wartburg", die von Fleischermeister Hermann Häßelbarth bewirtschaftet wurde. Das Haus wurde nach 1990 saniert und weiter als Wohnhaus genutzt. Im Haus Nr. 16 hatte 1868 Otto Pflug einen Bierhandel, jedoch ohne Ausschank. Als ab 1877 der Werdauer Bahnhof erweitert wurde, bekam Pflug die Erlaubnis "Bier und Branntwein zu schenken, aber erstens nur für die am Bau beschäftigten Arbeiter und zweitens lediglich zum Frühstück, zu Mittag und zur sogenannten Halbabendszeit". Heute ist hier seit 1953 ein Friseursalon eingerichtet.

Einige Häuser weiter, im Haus Nr. 12, in dem zu DDR-Zeiten ein HO-Strickmodengeschäft seine Waren anbot, gab es seit 2012 ein Döner- und Pizzahaus "Cin Cin". Aber das hat ebenfalls seit einiger Zeit geschlossen. Eine ganz andere Sache war die geschäftliche Entwicklung im Haus Nr. 6. Bei älteren Werdauern und vor allem bei Ansichtskartensammlern und historisch Interessierten ist der Name "Café Lamprecht" immer noch ein Begriff. Diese Konditorei entwickelte sich aus einer Bäckerei, die Carl Franz Klinger Anfang 1879 eröffnet hatte. Peter Valär übernahm 1877 diese Bäckerei und erweiterte sie zu "Conditorei und Café". Nach zwischenzeitlichen Besitzerwechseln wurde der Konditormeister Hermann Lamprecht im Jahr 1894 neuer Eigentümer. Lamprecht warb mit täglich frischen feinsten Torten, Dessertkuchen, verschiedenen Kaffee- und Teesorten, Eiscreme und Gelee. Dazu kamen verschiedene Weinsorten und zusätzlich bayrisches Bier. Ein an das Haus angrenzender schattiger Biergarten wurde vor allem in den Sommermonaten gern genutzt. Die Pläne zur Erweiterung mit einem Kaffee-Salon scheiterten an den Folgen des 1. Weltkrieges. Bereits 1922 musste Lamprecht seine Konditorei aufgeben und sein Geschäft aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Als 1923 eine Filiale der ADCA-Bank die Räume belegte, fungierte Hermann Lamprecht nur noch als Hausmeister. 1925 mietete sich das Fuhrgeschäft Lincke & Co. ein. Danach übernahm Friedrich Krebs mit seiner Lebensmittelgroßhandlung das Gebäude. Nach 1945 war hier der Frisör Arthur Könitzer ansässig. Der danach eingerichtete Kurzwarenhandel besteht noch heute. In der Ansichtskarte von 1912 dominiert in der Bildmitte das Gebäude der Konditorei im damaligen baulichen Zustand. Die Eingangstür wurde später in die Hofseite verlegt und an der Straßenfront die heute noch vorhandenen großen Schaufenster eingebaut. Kleine Verzierungen und blumenartige Reliefs über den Fenstern sind auch heute noch in gutem Zustand.

Rechts neben der Konditorei ist ein durch die Bäume hindurchschimmerndes, rosafarbenes Haus zu erkennen. Dieses Haus Nr. 4, in dem von 1970 bis 1990 der VEB Kohlehandel eingerichtet war, beherbergte ab 1874 ebenfalls die verschiedensten Einkehrmöglichkeiten. In diesem 1860 erbauten Haus richtete sich 1874 der Werdauer Consumverein eine eigene Restauration ein. In den Folgejahren bedachten die jeweiligen Besitzer das Restaurant mit den verschiedensten Namen wie: "Odeum", folgend Restaurant "Zur Conditorei" und ab 1880 "Heinrich Seidels Restaurant". Kurz vor 1900 übernahm Carl Piehler das gesamte Gebäude und erweiterte seinen bereits im Hinterhof betriebenen Brennstoffhandel. Piehler betrieb seinen Handel bis Mitte der 1940er-Jahre. Anschließend wurde der Werdauer Kohlehandel Eigentümer. Daraus entstand ab 1955 die Konsumgenossenschaft Kohlehandel und später der VEB Kohlehandel Zwickau, Werk Werdau. Nach 1990 lange Zeit leer stehend, wurde das Haus 2010 zusammen mit den im Hofbereich vorhandenen prächtigen Holzveranden abgebrochen. Auf der anderen Straßenseite steht heute noch ein großes imposantes, seit vielen Jahren leer stehendes Gebäude. Das Haus Bahnhofstraße Nr. 3 gehörte dem Werdauer Bankier und Spinnereibesitzer Ernst Sarfert. Seit 1897 betrieb hier der Wirt des Restaurants "Laudon" Louis Lutzner einen Weinhandel mit Ausschank, der Anfang 1915 aufgegeben wurde. In den 1920er-Jahren bewohnte neben Spediteur Wilhelm Vollbrechtshausen als weiterer prominenter Werdauer der Berufsschuldirektor Max Jochen dieses Haus.

Quelle: "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben

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