"Telefonseelsorge per Chat ist anders"

Horst Kleiszmantatis, Leiter in Zwickau, über einen Versuch, jüngeren Leuten mit einem neuen Angebot entgegenzukommen

Zwickau/Werdau.

Ende des Jahres wollen die Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge Zwickau per Live-Unterhaltung (Chat)im Internet erreichbar sein. Sie gehen damit in Ostdeutschland - zeitgleich mit den Kollegen in Dresden, Chemnitz und im Vogtland - neue Wege. Uta Pasler unterhielt sich dazu mit Horst Kleiszmantatis. Der 59-Jährige ist Leiter der Telefonseelsorge Zwickau.

Freie Presse: Herr Kleiszmantatis, warum beginnen Sie jetzt zu chatten?

Horst Kleiszmantatis: Die Telefonseelsorge-Stellen in Südwestsachsen und in Dresden sind die ersten Anbieter von Telefonseelsorge per Chat in ganz Ostdeutschland. Wir sehen es als enorm wichtig an, uns darauf einzustellen, dass sich die Kommunikationsgewohnheiten vieler Menschen verändert haben. Außerdem hoffen wir, auf diesem Weg jene Menschen anzusprechen, die eher selten zum Hörer greifen. Gemeinsam mit den Telefonseelsorgestellen in Chemnitz, Dresden und im Vogtland haben wir dafür ein Konzept erarbeitet, zu dem die gemeinsame Aus- und Weiterbildung der Chat-Seelsorger ebenso gehört wie die Abstimmung der Dienstzeiten.

Warum gehen Sie bei diesem Angebot in Ostdeutschland voran?

Es gibt verschiedene Gründe, warum es dieses Angebot im Osten bislang nicht gab. Oft fehlten Räume oder Mitarbeitende. Der 24-Stunden-Telefondienst hatte und hat ja immer Priorität. Da wir in Südwestsachsen im Verbund arbeiten, das heißt, immer zwei Stellen gleichzeitig am Netz sind, haben wir in der dritten Stelle den räumlichen und zeitlichen Freiraum, um Chat anzubieten. Außerdem gibt es jetzt eine neue Chatplattform, die das Ganze auch technisch erleichtert.

Was muss ein Seelsorge-Chatter alles können?

Telefonseelsorge per Chat ist anders als zuhören und reden am Telefon. Deshalb bedarf es einer Zusatzausbildung für die Ehrenamtlichen, die bei der Chat-Seelsorge mitarbeiten wollen. Im Herbst beginnen dazu die Schulungen. Voraussetzung für die Mitarbeit ist eine Ausbildung als Telefonseelsorger und mindestens ein Jahr Erfahrung im Dienst am Telefon. Denn Seelsorge am Telefon bleibt das Kernangebot der Telefonseelsorge - auch in Zwickau.

Was beim Chat untergeht, sind eine charismatische Stimme, ein Lachen, selbst Scherze gehen manchmal in die Hose. Wo sehen Sie Chancen und Risiken des neuen Angebotes?

Eine Chance sehen wir darin, deutlich jüngere Menschen anzusprechen. Zum anderen lassen sich im Chat Probleme konzentrierter angehen. Die Termine werden ja im Voraus im Netz angeboten und von den Nutzern gebucht. Wir rechnen damit, dass manche dies bewusst nutzen wollen, um für konkrete Anliegen Lösungen zu finden. Sicher ist Chat anders. Emoticons (Gefühlssymbole - Anm. d. Red.) transportieren nicht in derselben Weise Gefühle oder Stimmungen wie der Klang einer Stimme. Und der zeitliche Versatz bis zur Antwort nimmt auch etwas von der Spontanität. Andererseits hat man im Chat das Gesagte/Gefragte dauerhaft vor Augen, kann nachhaken, auf manches zurückkommen, was im Gespräch auch mal an den Ohren "vorbeirauscht". Wir sind an der Stelle selber gespannt, wie es wird.

Wie ist der Altersdurchschnitt der Anrufer derzeit?

Die meisten Anrufer sind derzeit zwischen 45 und 75 Jahre alt.

Wie viele Ehrenamtler sitzen aktuell am Telefon bei Ihnen?

Mit den vier Mitarbeiterinnen, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben, genau heute ihre Beauftragung erhalten und zum Dienst eingesegnet werden, sind es 68 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Fünf davon pausieren derzeit allerdings - wegen Mutterschutz, Krankheit oder beruflicher Weiterbildung.

Die Regionalstelle in Zwickau, die von der Zwickauer Stadtmission getragen wird, sucht Interessenten für dieses Ehrenamt. Für künftige Telefonseelsorger startet im Oktober der nächste Ausbildungskurs. Informationen dazu gibt es telefonisch.

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