Turner, Soldaten und Feuerwehr gehörten einst zu den Mietern

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Das Restaurant "Turnhalle" (Folge 38)

Werdau.

Am Grünanger befanden sich am unteren Ende der Straße ehemals sehr aktive Mühlen. Von den seit langem stillgelegten Mühlen existieren heute nur noch Teilgebäude. Das quer zur Straße stehende längliche Gebäude mit der Haus Nr. 26 war einst die Werdauer Grünmühle. Eine Ersterwähnung der Mühle datiert aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Die Gebäude waren wie ein Dreiseitenhof U-förmig angelegt. Ein von der Pleiße abzweigender Mühlgraben, der oberhalb in den Mühlenkomplex einmündete, versorgte die Mühlenräder der Grünmühle und die der Nachbarmühle mit Wasser. Der Neubau der Grünmühle erfolgte kurz nach 1800. Ein über der Eingangstür befindlicher Schlussstein weist die Jahreszahl 1812 auf. 1908 vernichtete ein Brand nahezu zwei Drittel der Mühlengebäude, die danach nicht wieder aufgebaut wurden.

Das wunderschöne und aufwendig sanierte Nachbargebäude, Haus Nr. 30, war ebenfalls Teil einer ehemaligen Mühle. Als sogenannte "Walkmühle" war sie eine besondere Einrichtung für die Werdauer Textilindustrie. Schwere derbe Stoffe wurden auf breiten Tischen ausgelegt, gewässert und solange mit großen Hämmern bearbeitet, also "gewalkt", bis sie ein filzartiges Material ergaben. Die Hämmer wurden dabei wie in einem üblichen Hammerwerk über ein Wasserrad in Bewegung versetzt. Das Wasser wurde dabei über den Mühlgraben von der "Grünmühle" aus zugeführt. Zwischen beiden Mühlen befand sich ursprünglich ein weiteres Gebäude. In diesem wurde das durch Zusätze zum Walken kontaminierte Wasser entfettet. Betreiber war die sogenannte "Werdauer Walkwasser Entfettungsgesellschaft". Das gesäuberte Wasser floss dann wieder in den Mühlgraben zurück, der unmittelbar hinter diesem Gebäude in die Pleiße mündete.

Nun geht es zurück in Richtung Turnhallenstraße. Hier kann man Reste des ehemaligen Fußweges durch die Pleißenfurt nach Langenhessen sehen. Erkennbar ist dieser an dem rechts zwischen den Gebäuden 11 und 9 verlaufenden schmalen wegähnlichen Streifen. Der Zugang ist zwar versperrt, aber über den Parkplatz am Haus Nr. 11 gelangt man hinunter zur Pleiße und erkennt die ursprüngliche alte Wegführung. Bei den Treppenstufen aus Eisenbahnschwellen die ins Wasser führen, endet dieser Weg. Man befindet sich direkt am Wasser in einem durch die Baum- und Buschbewachsung anmutenden wildromantischen Flussbereich.

Weiter geht es vorbei an drei großen Wohn- und Geschäftshäusern. An dem mittleren ist im oberen Bereich das Baujahr 1926 ersichtlich. Unmittelbar nach der neuen Brücke über die Pleiße beginnt die Turnhallenstraße. Bis 1866 hatte diese Verbindung zum Grünanger den Namen Fallgasse. Gleich links bergaufführend zweigt eine schmale Straße, die sogenannte Selbsthilfe, ab. Auf dem ehemals unbebauten Selbsthilfegelände schufen sich Bauherren ihr Wohneigentum. Das Baufeld reicht bis hinauf zur Königswalder Straße. Die ersten vier Doppelhäuser wurden 1922 bezogen. Wegen der damals beginnenden Inflation musste der Weiterbau unterbrochen werden und erst 1926 fortgeführt. Die weiter oben linksseitige Bebauung an der Martin-Hoop-Straße und Haydnstraße erfolgte viel später. Interessant ist dabei das zu DDR-Zeiten für diesen Wohnbezirk 15 geschaffene "Kulturheim" in der Josef- Haydn-Straße 7. Die im NAW (Nationales Aufbauwerk) 1979 fertiggestellte barackenähnliche Einrichtung bestand bis 1990. Sie diente vor allem dem Wohnbezirk als Versammlungsraum und konnte auch für Familienfeiern genutzt werden. Nach 1990 verfiel das Kulturheim und wurde 2017 abgebrochen. Auf dem Gelände im Eckbereich Turnhallenstraße/Selbsthilfe errichtete die Stadt Werdau den städtischen Milchhof, der 1938 geplant und 1939 in Betrieb genommen wurde. Nach 1990 geschlossen, in den Folgejahren saniert und erweitert, ist das Gelände heute Hauptsitz der Wolfgang Mehner Anlagentechnik GmbH, Turnhallenstraße 20.

Die relativ tief liegende Pleiße, an deren Windungen sich ganz eng die Turnhallenstraße anschmiegt, ließ nur eine einseitige Bebauung auf der ebenen Fläche bis hin zum steil aufragenden Berghang zu. So siedelte sich hier Mitte des 19. Jahrhunderts die Firma Eduard Dix Vigognespinnerei an. Später firmierte die Spinnerei als VEB Grotex. Nach der Wende belegten kleinere Gewerbe die freistehenden Räume. Auch eine Diskothek mit dem Namen "Fabrix" bot hier vor allem für jüngeres Publikum Unterhaltung und natürlich auch Livemusik. Diese Einrichtung ist aber schon seit Langem geschlossen.

Die Villen im hinteren Bereich sind wieder in Privatbesitz, saniert und dienen Wohnzwecken. Das große Gebäude mit Haus Nr. 5 direkt an der Straße beherbergte einst die Tuch- und Wollgroßhandel Wilhelm Ullrich & Co. Heute ist es ein Wohn- und Geschäftshaus.

Wir nähern uns der ehemaligen Turnhalle der Werdauer Turngemeinde, eines der dominantesten Gebäude der Stadt Werdau. Für den bereits 1846 im Gasthof "Bergkeller" gegründeten Werdauer Turnverein erfolgte die Grundsteinlegung für eine eigene Turnhalle erst 1864. Bauplatz war das brachliegende Gelände zwischen Pleiße und dem sogenannten Grimmelsberg. Bereits am 28. November 1864 konnte die neuerbaute Turnhalle eingeweiht und seiner Nutzung an den Turnverein übergeben werden. Auch die Werdauer Feuerwehr, die bis dahin ebenfalls im "Bergkellerlocal" Nebenräume nutzte, zog wegen der besseren Übungsbedingungen an diesen Standort. Ein eigener Holzturm zum Trocknen der nassen Schläuche wurde neben der Turnhalle errichtet. Im Gebäude war von Anfang an die Restauration "Turnhalle" mit eigenständiger Bewirtschaftung einbezogen. Erster Wirt war Carl Billep, der drei Tage vor der Turnhallenweihe die Restauration eröffnete. 1865 erhielt das Gebäude eine Gasbeleuchtung. In der Zeit des Ersten Weltkrieges war hier ein Teil des in Werdau kasernierten 1. Inf. Reg. Ersatzbataillon Nr. 105 stationiert. Die Ansichtskarte von 1917 zeigt die Soldaten posierend am Eingang stehen. Während des 2. Weltkrieges waren im Saal und in den Nebenräumen französische Kriegsgefangene untergebracht. In dieser Zeit wurde das Restaurant nur noch sporadisch betrieben und als letzter Wirt war Emil Gläser bis 1945 tätig. Dann folgte der Umbau zu Wohnungen. In den nächsten Jahren verfiel das Gebäude durch Reparaturstau zusehend und musste in den 1980er-Jahren leergezogen werden. In der Folge drohte schon der Abbruch, bis sich im Jahr 1993 die Gebäude- und Grundstücksverwaltung (GGV) Werdau entschloss, das Haus denkmalgerecht zu sanieren. Mitte 1995 war der Bau abgeschlossen und erste Unternehmen und Gewerbetreibende konnten einziehen. Übrigens: Im Berghang hinter dem Gebäude existiert auch heute noch eine große Anzahl an Bergkellern, von denen aber nur wenige noch begehbar sind. Auf der anderen unbebauten Seite der Turnhallenstraße ist unter anderem die Stützmauer zur Pleiße hin komplett erneuert worden. Leider verschwanden dabei auch die vielen kleinen, mit Säulen und schmiedeeisernen Geländern verzierten "Flussbalkone", von denen man gemütlich unter anderem das emsige Wassergeflügeltreiben beobachten konnte.

Quelle: Buch "Werdauer Gaststättenchronik", zwei Bände mit historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben.

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