Vom alten Stadtgut zur Sonne

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Die Gaststätte "Goldene Sonne" (Folge 26)

Werdau.

Als früher der heutige Sportplatz des SV Sachsen 90 noch ein Schlackeplatz war, gab es zu diesem noch einen zweiten Zugang, der sich in unmittelbarer Nähe unterhalb der Stadtgutbrücke befand. So mussten die Besucher nicht erst den Bogen bis zum Haupteingang auf der anderen Sportplatzseite zurücklegen, sondern konnten hier gleich eine Abkürzung nehmen. Beim Verlassen des Sportgeländes durch diesen Nebeneingang befand man sich wieder auf dem Gelände der Werdauer Stadtgutsiedlung. Dieses architektonisch ausgezeichnet angelegte Wohngebiet entstand ab 1926 auf den zum ehemaligen Werdauer Stadtgut gehörenden Wiesen und Feldern. Hervorstechend war die Gestaltung der Gebäude um den heute denkmalgeschützten Damaschkeweg mit dem Torbogenhaus.

Jahrhundertelang bestand vor der Bebauung hier oben auf dem Berg lediglich das Stadtgut in Form eines Dreiseitenhofes. Zu den Resten dieses ehemaligen Gutes gelangt man von der Stadtgutstraße über den Jugendheimweg. Eine erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1560. Kurz nach 1600 erhielt der damalige Besitzer, Herr von Eckartsberge, "aus besonderen kurfürstlichen Gnaden" das Braurecht, welches üblicherweise nur die Bewohner innerhalb der Stadtmauer bekamen. Das Stadtgut, in manchen Landkarten später auch "Vorwerk" bezeichnet, nannte man damals "Eckardsberg". Im 30-jährigen Krieg wurde das Anwesen völlig zerstört.


Nach dem Wiederaufbau stellte der Eigentümer das Gesuch über eine Weiterführung des Braurechtes. Das wurde jedoch abgelehnt. 1835 wurde Leopold von der Mosel neuer Besitzer. Wie alte Chroniken berichten, stieg Herr von der Mosel oft von seinem Stadtgut aus in die Gaststätte "Bergkeller" zur Einkehr herab und erzählte den zahlreichen lauschenden Gästen gern von seinen Erlebnissen aus napoleonischer Zeit, den Befreiungskämpfen, von der Hungersnot 1817 und von der Arbeitsnot in den 1820er-Jahren.

Als letzter Besitzer erlebte Isolin Heuschkel den Brand am 9. Dezember 1924, bei dem das Stadtgut fast vollständig vernichtet wurde. Nur das heute noch erhaltene Wirtschaftsgebäude blieb übrig. Die Stadt Werdau übernahm das zerstörte Restgebäude und baute es 1926 zu einem Jugendheim um. Später entwickelte sich daraus die Werdauer Jugendherberge, die von 1986 bis zum Jahr 2010 durch Familie Kosak als Herbergsleitung betrieben und danach geschlossen wurde. Nach langem Leerstand ging das wahrscheinlich älteste Werdauer Gebäude 2018 in Privatnutzung über.

Folgt man dem sich schlängelnden Jugendheimweg, gelangt man auf die Ringstraße, die rechts weiterführt und in die Holzstraße mündet. Im dortigen Bereich steht ein mit gelben Klinkersteinen verblendetes Eckgebäude, welches einst eine Gaststätte beherbergte. Die heutige Holzstraße war noch bis kurz vor 1900 ein unbefestigter Weg, der höhengleich direkt über die Eisenbahnschienen bis hinaus in den Werdauer Wald führte.

Im Zuge der Verlegung der Eisenbahnstrecke in Richtung Langenbernsdorf und weiter kam es zur Aufschüttung der Holzstraße, die im unteren Bereich auch als "Schindgraben" bezeichnet wurde, zu einem Brückenbau über die Gleise und zur Befestigung des gesamten Straßenabschnittes. Ab diesem Zeitpunkt begann auch die Bebauung eines neuen Werdauer Stadtteiles. Als erstes Haus entstand 1901 das "Schällersche" Wohnhaus mit der Einkehrstätte "Zur Grünen Tanne" (heute Holzstraße Nr. 20). Bernhard Schäller betrieb selbst die Gaststätte, zu der auch eine Kegelbahn gehörte, bis zum Jahr 1920. Danach wurde die Gaststätte geschlossen und das Haus einschließlich Kegelbahn mit Wohnungen belegt. Heute ist das Gebäude ein Wohn- und Geschäftshaus. Der sich rechts am Haus befindliche turmartige Anbau zur weiteren Schaffung von Wohnraum wurde erst im Jahr 1926 realisiert. Die sich bergauf anschließenden Häuser entstanden, nachdem sich 1914 die Eisenbahn-Baugenossenschaft "Eigenheim" gründete. Ein weiteres etwas versteckt liegendes Restaurant befand sich in der links oberhalb abzweigenden Zeppelinstraße Nr. 27. Bereits 1913 erhielt hier Bruno Baumann die Erlaubnis zum Hausbau und der Eröffnung des Restaurants "Erholung". Als HO-Gaststätte wurde es bis 1966 weiterbetrieben und dann als Speiseeinrichtung für die Diesterweg- Schule genutzt. Ab 1976 wurden die Räume durch den Jugendklub "Werdau West" übernommen. Nach 1990 wurde das Gebäude lediglich für Wohnzwecke genutzt.

Nun wieder zurück zur Holzstraße. Diese führt über die neue Eisenbahnbrücke nach rechts abbiegend steil in die heutige Untere Holzstraße. Was für ein Name! Dabei hatte sie doch schon bessere Bezeichnungen wie: Waldstraße, Bismarckstraße und Straße der Befreiung. Gleich im ersten rechtsseitigen Gebäudekomplex Nr. 43 fällt dem aufmerksamen Spaziergänger an der dortigen Giebelwand ein "komisches" Gebilde auf. Näher betrachtet erkennt man einen Kessel, aus dem Flammen aufsteigen. Es handelt sich hierbei um das alte Firmenzeichen der bis um 1900 dort ansässigen Eisengießerei von Hermann Reinhard Dotzauer. Später übernahm die Bierbrauerei Riebeck & Co. Leipzig-Reudnitz das Gebäude und das Nachbarhaus Nr. 41 für ihren Biervertrieb. Als Biervertreter fungierte Albert Neider, der wie bekannt seine Villa in der Holzstraße Nr. 31 bewohnte. Die Biervertretung gab es bis zum Anfang der 1960er-Jahre, nun aber unter der Firmierung VEB Riebeck Brauerei. Später wurde das Gelände am Haus Nr. 43 durch Teile des Bauhofes genutzt. Beide Häuser sind heute unbewohnt. Nur die Nebengebäude am Haus Nr. 43 wurden aufwendig bewohnbar gestaltet.

An der nächsten Kreuzung zweigt rechts und links die Johannisstraße ab. Als im Jahr 2013 die auf der linken Seite stehenden unbewohnten, stark verfallenen Häuser abgebrochen wurden, verschwand damit ein weiteres Zeugnis Werdauer Gaststättengeschichte. Dabei beherbergte das Eckhaus Johannisstraße Nr. 22 sogar ein Hotel. Das Gebäude wurde 1887 errichtet und als Wohnhaus mit dem Restaurant "Zur Goldenen Sonne" vom Besitzer Ernst Regel noch im selben Jahr eröffnet. Bereits 1894 erweiterte Regel das Restaurant zu einem Hotel. Drei Jahre später wurde der Hotelbetrieb wieder eingestellt. Die historische Ansichtskarte datiert aus dem Jahr 1908. Zu dieser Zeit bezeichnete der damalige Besitzer Ernst Schiebold die Einrichtung als Restaurant und Café "Goldene Sonne".

Auch in diesem Restaurant hinterließen die Auswirkungen des 1.Weltkrieges seine Spuren. Edmund Rosenhahn als neuer Besitzer übernahm 1918 hoffnungsvoll das Restaurant. Aber auf Grund der allgemeinen wirtschaftlichen Probleme in Deutschland musste es schon 1920 wieder geschlossen werden. Und das für immer. Wegen der zu dieser Zeit herrschenden großen Wohnungsnot wurde das gesamte Haus mit Mietern belegt. Nach 1990 bis zum Abbruch stand das Haus komplett leer. Der rechts abzweigende kurze Teil der "Johannisstraße" birgt an ihrem oberen Teil noch ein Stück wertvolle und erhaltenswerte Industriegeschichte. In einem Oberteil der teilweise zerstörten großen Fenster der ehemaligen Motorenfabrik, später Chemische Fabrik "Wilhelm Schön", danach VEB Chemie Werk ist immer noch der markante Spruch: "Du bist Dir nicht zu eigen noch Dein, was Du getan in der Geschlechter Reigen bist Enkel Du und Ahn" zu lesen. Wünschenswert ist, dass dieses wundervoll bleiverglaste Detail für die Zukunft würdevoll aufbewahrt wird.

Quelle: "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Broschüre Schul- und Heimatfest Leubnitz 2011

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