Vom Mauerblümchen zur gefragten Wohnadresse

Wie sich Werdau verändert hat. Heute: die Stadtgutsiedlung (Folge 47)

Werdau.

Namensgebend für die Siedlung war das ehemalige Stadtgut, ein einzeln stehender Vierseithof weit außerhalb der Stadt auf der Höhe des Holzberges, der 1531 als "Badersberg" bezeichnet wurde. Jenes wurde 1560 erstmals urkundlich erwähnt und diente als städtisches Vorwerk von der Richtung des Werdauer Waldes her. Das Stadtgut wurde durch Pächter bewirtschaftet. Von der Stadt aus war es über den Schindgraben (den heutigen Postberg) und über den Rahmenberg erreichbar.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts geriet das Gelände der heutigen Stadtgutsiedlung erstmals ins Visier der Stadtväter. Die Stadt Werdau plante, auf der Höhe des Rahmenberges einen kommunalen Schlachthof zu errichten. Die heutige Stadtgutstraße wurde bereits trassiert und erhielt den Namen "Schlachthofstraße". Doch die Vergrößerung des Werdauer Güterbahnhofs 1898/99 führte zur Veränderung aller Pläne. Die seit 1876 bestehende Bahnstrecke nach Wünschendorf nämlich, die ursprünglich über das Gelände der späteren Bahnmeisterei und Leubnitzer Flur nach dem Werdauer Wald führte, wurde verlegt. Sie lief nunmehr ein Stück parallel zur Hauptstrecke nach Leipzig und machte danach einen großen Bogen um den Holzberg. Somit war westlich der Stadt ein halbkreisförmiges Terrain entstanden, das perspektivisch als Wohnhaus-Gartensiedlung gestaltet werden sollte.

Am nördlichsten Ende dieses Kreisbogens, dem Übergang zum Landwehrgrund, wurde 1916 der Haltepunkt Werdau-West eröffnet, vor dem sich zwei Eisenbahnbrücken befinden. Die erste dieser Bogenbrücken eingangs der Stadtgut- straße ist im Vordergrund des Fotos zu sehen. 1937 wurde die Strecke nach Wünschendorf zweigleisig ausgebaut, aber bereits 1946 ging das zweite Gleis als Reparationsleistung in die Sowjetunion. 1999 wurde die Eisenbahnstrecke Werdau-Wünschendorf stillgelegt.

Allerdings war der Bereich nördlich der Holzstraße erst als zweite Bauzone mit einem gitterförmigen Straßennetz vorgesehen. 1914 gründeten Eisenbahner die "Baugenossenschaft Eigenheim". So entwickelte sich nach dem Ersten Weltkrieg das neue Wohnviertel Werdau-West zu einer Mischform aus Wohnhaus- und Kleinwohnhaus-Gartensiedlung. Eine wichtige Zäsur bildete dabei der Brand des alten Stadt- gutes am 9. Dezember 1924, als sämtliche Wirtschaftsgebäude vernichtet wurden. Lediglich vom Wohnhaus blieb noch ein Großteil erhalten. Das Wohnhaus wurde in Stand gesetzt und 1926 als städtische Jugendherberge eröffnet (sichtbar im Bild ganz links). Die von der Stadtgutstraße dort vorbeiführende Querverbindung zur Ringstraße erhielt den Namen "Jugendheimweg". Die Jugendherberge wurde 2010 geschlossen. Gründe dafür waren unter anderem rückläufige Gästezahlen. Mehrere Jahre stand das Gebäude leer. Zwar gab es genug Interessenten mit verschiedenen Konzepten, die jedoch alle an der Umsetzung scheiterten. Das Objekt wurde kürzlich von Lutz Mahnke aus Zwickauer erworben.

In den Jahren der Weimarer Republik bildete sich unter anderem die "Allgemeine Heimstätten-Ver- einigung", die von der Stadtver- waltung bei der Schaffung bezahl- baren und gesunden Wohnraums besonders für kinderreiche Fa- milien unterstützt wurde. 1926 wurde am damaligen Ebertplatz, dem heutigen Platz "Am Torbogen", ein zweigeschossiges Achtfami- lienhaus errichtet. Dessen Torbogen bildete den Durchgang zum Damaschkeweg - benannt nach Adolf Damaschke (1865-1935), dem Begründer der Bodenreformbewegung. Am Damaschkeweg entstanden zwei Fünfgruppenhäuser, deren kleinste Wohnungen eine Fläche von 54 Quadratmetern hatten. Am 9. Oktober 1926 schließlich erfolgte die Grundsteinlegung der ersten beiden Einfamilien-Doppelhäuser und eines Dreigruppen- hauses.

1927 wurden 13 Einfamilien-Doppelhäuser an der Kantstraße, am Gartenweg und am Grünen Weg errichtet, außerdem zwei weitere Einfamilien-Doppelhäuser für Kinderreiche am Damaschkeweg. 1928 erfolgte dann die vollständige Bebauung des Gartenweges. In jenem Jahr entstanden auch die meisten Häuser an der Ringstraße, ganz im Vordergrund des Bildes zu sehen. Insgesamt waren es 14 Einfamilien-Doppelhäuser, ein Dreigruppenhaus und ein Einzelhaus. Zwei Viergruppenhäuser für kinderreiche Familien entstanden ebenfalls 1928 noch an der Damaschkestraße, 1929 weitere Häuser an der Ringstraße und am Gartenweg. Ebenfalls 1929 entstanden die ersten beiden Einzelhäuser an der "Schönen Aussicht". Die Weltwirtschaftskrise führte 1930 zu einer starken Einschränkung des Baus von Eigen- heimen. In jenem Jahr jedoch wurden die großen Mehrfamilien-Mietshäuser an der Stadtgutstraße fertiggestellt, die in der Bildmitte sichtbar sind.

Im Hintergrund sichtbar ist der Turm der 1929 geweihten katholischen St.-Bonifatius-Kirche, der eigentlichen städtebaulichen Dominante des Stadtteils Werdau-West. Jene stand jahrzehntelang allein auf freier Flur. Erst Mitte der 1950er-Jahre begann die Bebauung des Areals zwischen der Zeppelinstraße und der Rosa-Luxemburg-Straße mit Mehrfamilien-Wohnblocks. Nach 1933 und seit den 1970er-Jahren erfolgte dann die weitere Bebauung beider Enden der Ringstraße in Richtung Holzstraße vorwiegend mit Einzelhäusern.

Heute präsentiert sich der grüne Stadtteil Werdau-West als ein begehrter Wohnsitz mit hoher Lebensqualität, als Adresse zahlreicher bedeutsamer Persönlichkeiten der Stadt Werdau.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...