Von Hasenhaus und Weinschank

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Das Restaurant "Alt Heidelberg" (Folge 63)

Werdau.

Die Kranzbergstraße war bis Mitte des 19. Jahrhunderts ein schmaler und sich nach Osten windender Feldweg, der nur mit wenigen kleinen Häusern und einem Bauerngut, das dem Landwirt Kranz gehörte, bebaut war. Er war auch der Namensgeber für die Straße, die ab 1866 Kranzberggasse und später Kranzbergstraße hieß.

Versetzen wir uns noch einige Jahrhunderte in diese Gegend zurück. Am unteren Ende der Kranzbergstraße, etwa im Bereich des heutigen großen Eckgebäudes August- Bebel-Straße 13, betrieb um 1600 Balthasar Schlegel eine Nagelschmiede. Zusätzlich braute und schenkte er Bier aus, allerdings ohne offizielle Genehmigung. Ständig gab es deshalb Beschwerden. Vor allem der Wirt des Gasthofes "Zum Löwen" auf dem Werdauer Markt pochte auf sein exklusives Schankrecht in der gesamten Stadt Werdau. Daraufhin entschied jedoch 1618 der sächsische Landeskommissar kurzerhand zugunsten von Schlegel und erteilte ihm die Konzession. Schlegel nannte seine Schankwirtschaft "Hasenhaus". In den 1630er-Jahren, also während der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, übernahm Schlegels Schwiegersohn Hans Schnorr die Schankwirtschaft. In diesen, auch für die Stadt Werdau schlimmsten Kriegsjahren, hatte das "Hasenhaus", vor allem von den durchziehenden Truppen aller Nationen regen Zuspruch. 1648 wurde die Schankwirtschaft geplündert und völlig zerstört. Erst 1669 konnte das Gebäude wieder aufgebaut werden. Der neue Besitzer Martin Graubner, ein Schankwirt aus Neu- Schönfels, wollte hier einen großen vorstädtischen Gasthof eröffnen. Der damalige Bürgermeister Esaias Lippold, die brauende Bürgerschaft und die Leipziger Juristenfakultät machten ihm aber dieses Recht streitig. Bereits 1674 musste er vom Schank- und Herbergsrecht absehen. Die Schankkonzession, die man sinnigerweise "Hasenhaus-Gerechtigkeit" nannte, war in der Zwischenzeit auf ein anderes Haus in der niederen Vorstadt übergegangen. Jahrhunderte lang wurde noch um diese sogenannte "Hasenhaus- Gerechtigkeit" gestritten, denn deren Erwerb war die Voraussetzung zur Eröffnung einer zweiten Schankwirtschaft in Werdau. Es dauerte aber noch bis Anfang des 19.Jahrhunderts, ehe neben dem Gasthof "Zum Löwen", der Ratskellerwirtschaft und dem Schützenhaus weitere Schankeinrichtungen eröffnen durften.

Durch den großen Stadtbrand von 1756 wurde auch das ehemalige "Hasenhaus" komplett vernichtet, wenige Jahre später wiederaufgebaut und dann von der brauenden Bürgerschaft übernommen. Der Fabrikant Ferdinand Naundorf übernahm 1860 das Gebäude, wollte es aufstocken und ebenfalls einen Vorstadtgasthof einrichten. Sein Vorhaben wurde aber abschlägig beschieden. Danach war Johann Trommer mit einer Schmiedewerkstatt ansässig. 1894 ließ der Fabrikant Rudolf Hupfer das alte Haus abbrechen und das heute noch vorhandene große Eckgebäude errichten. Später zogen hier die Fleischerei Rudolf Hupfer, danach die Fleischerei Martin Windisch und das Schokoladengeschäft von Klara Winter in die Räume ein. Zu DDR-Zeiten betrieb die HO diese Fleischerei weiter. Im Hinterhof- bereich befand sich dazu ein Fleischerei-Auslieferungslager. In den 1980er-Jahren folgte dann ein Diätgeschäft der HO. Nach der Wende konnte man hier Haushaltswaren und Kinderartikel erwerben. Heute stehen die Geschäftsräume leer.

Der obere Teil der Kranzbergstraße wurde einst linksseitig bis hinauf zur Uhlandstraße und weiter fortführend in den Bereich der Zwickauer Straße vollständig von der Firma Schwalbe-Spinnereimaschinenbau & Eisengießerei eingenommen. Heute befindet sich auf diesem Gelände das Schwalbe-Einkaufscentrum. Mit der 1992 erfolgten Schließung der noch bestehenden Eisengießerei, verschwand aus Werdau erneut ein Unternehmen mit langjähriger Tradition. Carl Eli Schwalbe gründete 1849 hier eine anfangs einfache Reparaturwerkstatt für Textilmaschinen. Ab 1885 wurde die Fabrikanlage durch die Söhne Carl Richard und Hans Eli Schwalbe zu einem international bekannten Unternehmen des Spinnereimaschinenbaus erweitert. Von Felix Schwalbe bis kurz nach 1945 weitergeführt, wurde die Firma schließlich verstaatlicht und dem VEB Nähmaschinenwerk Altenburg als Werk Werdau zugeordnet. Nach der Wende erfolgte die Umbenennung in Werdauer Maschinenfabrik. Mitarbeiter der 1992 noch existierenden Eisengießerei sicherten mit dem Guss der Bodenplatte für die Annoncenuhr den Fortbestand eines der wichtigsten Werdauer Wahrzeichen.

Kurios ist die Hausnummerierung im unteren rechten Straßenbereich der Kranzbergstraße. Nach dem Eckgebäude mit der Hausnummer 2 folgt ein Gebäude mit der Nummer 15, und dann erst kommt die Schwerathletikhalle mit der Hausnummer 4. Die Zählweise ist flurstücksbedingt, da das Haus Nummer 15 zur dortigen ehemaligen "Kranzbergdrogerie" an der August-Bebel-Straße gehört. Aber das Haus Nummer 2 hat auch eine interessante gastronomische Geschichte. Otto Neumann erwarb 1919 dieses Haus, in dem der Goldschmiedemeisters Franz Gnauck seine Werkstatt hatte und errichtete in den Parterreräumen eine "Wein- und Spirituosenhandlung". Neumann fungierte gleichzeitig als Vertreter von Weinen aus den Anbaubereichen des Neckargebietes. Als Otto Neumann 1929 eine Weinschank-Konzession erhielt, eröffnete er ein Café und Wein-Restaurant. Geprägt von der Region, deren Weine er ausschließlich vertrat, nannte er sein Restaurant "Alt Heidelberg". Die abgebildete alte Zeichnung datiert aus dem Jahr 1929. Sie war die Vorlage für einen noch im selben Jahr geplanten umfassenden Hausumbau. Es erfolgte eine Aufstockung um ein Geschoss, die Parterreräume erhielten größere Fenster. Und das Gebäude bekam links einen Anbau mit einem Gesellschaftsraum, der vom Restaurant aus bequem zugänglich war. 1933 wurde das Restaurant von Paul Blechschmidt übernommen. Er und seine Frau Gertrud bewirtschafteten das nun Gaststätte genannte Restaurant "Alt Heidelberg" bis 1942 weiter. Unter ihrer Regie wurde das Gebäude so umgebaut, wie es heute noch im Wesentlichen erkennbar ist. Ab 1943 wurde die Gaststätte für einige Jahre geschlossen. Ende 1945 eröffnete dann Gertrud verw. Blechschmidt die Gaststätte erneut. Anfang April 1953 gab Frau Blechschmidt schließlich ihr Gewerbe altersbedingt auf.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und Quellenangaben.


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