Von Turnhalle zum schönen Hotel

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Das Gasthaus "Friesenturnhalle" (Folge 45)

Werdau.

Wir befinden uns im oberen Bereich der Zwickauer Straße. Nach dem Grundstück der ehemaligen Villa der Familie Hackebeil Haus Nr. 41 zweigt rechts der schmale unbefestigte Zwickauer Marktsteig ab. Auf der gegenüberliegenden Seite beginnen im Anschluss an größere Feld- und Wiesenflächen die Anlagen des heutigen Hotels und Restaurant "Friesen".

Die Anfänge dieser Einkehr-, Veranstaltungs- und Übernachtungs-Einrichtung liegen weit zurück und beginnen bereits im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit gab es in Werdau zwei Turnvereine, die "Turngemeinde" in der Turnhallenstraße und den Verein "Germania" mit seiner Sporthalle in der heutigen Ludwig-Jahn-Straße. Mitte 1888 gründeten mehrere Mitglieder aus dem Turnverein "Germania" den Turnverein "Friesen". Anfangs besaßen die Friesenturner noch keine eigene Sportstätte mit einer dazugehörenden Turnhalle. Zur Ausübung ihrer sportlichen Aktivitäten war man damals noch auf die großen Säle der umliegenden Gaststätten angewiesen. Bevorzugte Turnstätte war der Gasthof "Pleißental", in dem auch sämtliche Sportgeräte der "Friesenturner" untergebracht waren. Als 1889 der Gasthof vollständig abbrannte, wurden sämtliche Sportgeräte vernichtet. Nun waren die Turner gezwungen, sich nach anderen Sporteinrichtungen umzusehen. Man beschloss eine eigene Sporthalle zu errichten. Zu deren Bau erwarb der Verein ein größeres Gelände an der oberen Schützenstraße, auf dem schon am 6. Juli 1890 die erste "Friesenturnhalle" eingeweiht werden konnte. In den Anfangsjahren übernahm der Hallenwart die Bewirtung der Sportler. Erster fest angestellter Betreiber der Gaststätte war ab 1895 Albin Bley. In den Folgejahren bis 1909 wechselten die Hallenwarte und Wirte ständig. Danach aber gab es mit dem Wirt Emil Urban in der nun "Friesenturnhalle" genannten Gaststätte eine langjährige beständige Bewirtschaftung. Die Ansichtskarte von 1918 zeigt die Turnhalle in ihrem, der damaligen Zeit angepasstem und mit Klinkermauerwerk verzierten Fabrikbaustil. Mit den Jahren und der immer größer werdenden Mitgliederzahl reichte der Platz nicht mehr aus. Man beschloss einen Neubau zu errichten, der im hinteren Bereich quer an die alte Turnhalle gebaut wurde. Der Einbau einer großen Bühne erlaubte auch eine bessere Nutzung für Sport- und Kultur-Veranstaltungen.

Die Weihe der neuen Turnhalle fand Mitte 1921 statt. Gleichzeitig wurden Gast- und Wirtschaftsräume umgebaut und vergrößert, die durch Wirt Emil Urban zur Weihe miteröffnet wurden. 1942 wurde die Turnhalle für die Unterbringung von 80 kriegsgefangenen Russen genutzt. Diese waren vor allem in der Firma Schwalbe eingesetzt. Als Schlafraum für die Fremdarbeiter diente die Bühne. Das für die Betten benötigte Stroh wurde in zwei offenen Feldscheunen gelagert. Die Scheunen, die extra dafür errichtet wurden, waren auf der Ostseite neben der Turnhalle. Nach Kriegsende bis 1948 blieb die Einrichtung geschlossen. Ab 1949 wurde die Turnhalle durch Sportler wieder genutzt und die Gaststätte weiterbewirtschaftet.

Im Februar 1952 wurde die gesamte Sportanlage der BSG Fortschritt Werdau übereignet. Dabei wurde das Lokal als Sportgaststätte "Friesen" weiterbetrieben. Ab 1960 führte die HO Werdau die Gaststätte als Kommissionsgaststätte KG "Friesen" weiter und verpachtete sie an Betreiber. Als Pächter sind vor allem zu benennen: Familie Unger, Roland Höfer, Wilfried Fröhlich und Heidrun Dietert. Ende August 1982 wurde die Gaststätte kurzzeitig geschlossen, am 1. Mai 1983 mit dem neuen Betreiber Michael Jubelt wiedereröffnet und fortan von diesem geführt. Bereits in den 1970er-Jahren wurde die Sportanlage zusammen mit Volleyball- und Tennisplätzen als "Freizeit- und Erholungszentrum" genutzt. Mit der Wiedereröffnung 1983 wurde dieses erfolgreiche Sport- und Erholungskonzept für die Betriebssportgemeinschaften (BSG) und den Wohngebietssport weitergeführt. Erweiterungen und Modernisierungen, vor allem im Gaststättenbereich, verbesserten die gastronomische Vielfalt. 1994 erwarb Michael Jubelt das Anwesen von der Stadt. Die Außenanlagen und die Tennisplätze blieben vorerst weiter im Besitz der Stadt Werdau. Es begannen Umbauarbeiten zu einem modernen Hotel mit Restaurant und Tagungsräumen. Das Richtfest fand am 27. August 1995 statt. Die Restaurant-Eröffnung erfolgte ein halbes Jahr später am 17. Mai 1996. Der sich im Seitenbereich befindliche kleine, durch den wohlweislich erhaltenen alten Baumbestand schattige Biergarten lädt an sonnig warmen Tagen zum Verweilen ein. Ein großzügiges Parkplatzangebot zusammen mit erweiterten Wirtschaftsräumen ergänzt seit 2019 den Hotelkomplex. In den 1990er-Jahren hatte der Werdauer "Countryclub" hier sein "Domizil".

Das Hotel bietet heute eine Fülle an gastronomischen und der Jahreszeit bedingten Veranstaltungen an. Durch die Anbauten und den starken Baumbewuchs ist der Vergleich der heutigen Ansicht zu der von 1918 nur schwer möglich. Von der Seite des Biergartens aus, wie in der aktuellen Aufnahme zu sehen, ist der hintere Teil der alten Turnhalle noch gut erkennbar. Auch von der Seite der ehemaligen Tennisplätze sind die einzelnen Anbauten noch gut sichtbar. Übrigens ist es nicht verwunderlich, dass die damals aus dem Turnverein "Germania" ausgeschiedenen Turner ihren neu gegründeten Verein "Friesen" nannten. Dabei handelt es sich nicht um die norddeutsche Landschaft "Friesland" und deren Bewohner. Es war der allgemeinen sportlichen Entwicklung der damaligen Zeit geschuldet. Namensgeber des neuen Turnvereins war Karl Friedrich Friesen, der sich Anfang des 19. Jahrhunderts als Mitstreiter von Friedrich Ludwig Jahn aktiv für die Entstehung einer Sportbewegung in den deutschen Ländern und ab 1871 im vereinten Deutschen Kaiserreich einsetzte. Friesen, der selbst begeistert den Schwimmsport betrieb, kreierte sogar eine eigene Wettkampfart. Der nach ihm benannte Wettkampf, der "Friesenkampf", umfasst die Sportarten: Luftgewehrschießen, 1000 Meter Lauf, Kugelstoßen, 50 und 100 Meter Brust- oder Kraulschwimmen und Florettfechten.

Quellen Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben

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