Vor 130 Jahren: Als die Pleiße zum reißenden Strom wurde

Es war ein Hochwasser, wie es seither noch nicht wieder erlebt worden ist. Grund war ein Wolkenbruch über Lauterbach. Der Schaden war enorm. Elf Menschen kamen in den Fluten ums Leben.

Crimmitschau.

Geht man in der Zwickauer Straße vom Kreisverkehr stadteinwärts, so ist auf dem ersten Blick nichts Außergewöhnliches zu erblicken. Doch fällt bald dem Betrachter auf der linken Seite, vor der ersten Kurve, das Haus Nr. 40 mit einer schönen restaurierten Fassade auf. Beim genaueren Hinsehen erblickt man in 2,59 Meter Höhe ein kleines gegossenes Metallschild, das der Besitzer des Hauses dankenswerterweise erhalten hat. Es handelt sich um eine Hochwassermarke, die an ein verheerendes Ereignis erinnert, das vor 130 Jahren die Stadt Crimmitschau heimsuchte.

Der 20. Mai 1889 ist ein Montag gewesen, ein mäßig warmer Tag, wie oft in dieser Jahreszeit. Ein kühler Wind blies aus Nordost, und die Temperatur hatte sich am Nachmittag auf 19 Grad Celsius erwärmt. Es herrschte völlige Windstille, doch schon ab 15 Uhr war in der Ferne Donnergrollen zu hören. Kurz vor 19 Uhr begann ein heftiges Gewitter, ohne dass es zunächst regnete. Erst eine halbe Stunde später goss es in Strömen, und es wurde stockdunkel. Das Wasser stieg außerordentlich schnell, sodass die Straßen überschwemmt wurden und das Wasser in die Keller lief. Der Pleißepegel stieg so rasant an, dass die Stadt in zwei Hälften geteilt wurde. Wer gerade unterwegs war, konnte seine Wohnung nicht mehr erreichen.


Keiner ahnte zu jener Zeit, was sich im Südosten, einige Kilometer von Crimmitschau entfernt, abspielte. Zwei Wetterfronten waren über der Gegend von Oberrothenbach und Lauterbach zusammengestoßen und entluden sich in einem verheerenden Wolkenbruch. Während sich durch die Wasserscheide der eine Teil in das Muldental ergoss, wälzten sich die anderen Fluten in Richtung Pleißental.

20.30 Uhr läuteten in der Stadt die Sturmglocken, denn Sirenen waren zu dieser Zeit noch unbekannt. Die Feuerwehren rückten aus, um irgendwie zu helfen, aber keiner wusste so recht, was eigentlich geschehen war. In der Stadt war es völlig dunkel, denn es war bei dem Unwetter unmöglich gewesen, die Gaslaternen anzuzünden, was damals noch durch den Laternenanzünder manuell geschah. Überall war ein mächtiges Rauschen und ein Getöse zu hören, das die noch immer steigende Flut verursachte. Das Wasser riss alles mit, was sich ihm in den Weg stellte. Die Strömung war übersät von Balken, Brettern, Fässern, Wollsäcken und Wollballen sowie unzähligen Hausgegenständen. Die Wassermassen hatten bald die Pleißenübergänge überschwemmt, und das Treibgut wurde von den stabilen, eisernen Konstruktionen der Brücken aufgefangen. Die Thieme-, Albert- und Neumarktbrücke bildeten so Staumauern, die das Wasser auf über zwei Meter steigen und in die höher gelegenen Stadtteile eindringen ließen. Die unmittelbar an der Pleiße stehenden Häuser waren bis zu den oberen Stockwerken überschwemmt, einige gar von der Flut weggespült. Die Bewohner waren in ihren Häusern eingeschlossen und hatten sich in die oberen Stockwerke gerettet. Der Regen hatte längst aufgehört, und endlich begann gegen 23 Uhr der Wasserstand wieder zurückzugehen.

Am nächsten Tag wurde das volle Ausmaß der nächtlichen Katastrophe ersichtlich. Überall lag fußhoher, stinkender Schlamm, nicht nur auf den Straßen und Wiesen, sondern auch in den Wohnungen, den Fabriken und Stallungen. Am schlimmsten hatten die Fluten entlang des Pleißebettes gewütet. Eingestürzte Uferbefestigungen, zerstörte oder fortgespülte Häuser und entwurzelte Bäumen prägten ein furchtbares Bild. Einige Brücken waren völlig zerstört. Ladeneinrichtungen und Wohnungen waren unbrauchbar, was für die Betroffenen eine Tragödie bedeutete, denn ein umfassender Versicherungsschutz war damals noch unbekannt.

Das Hochwasser hatte in der Stadt ein Opfer gefordert; ein älterer Mann war ertrunken. In Lauterbach, wo sich der Wolkenbruch am heftigsten entladen hatte, sind drei Erwachsene und sieben Kinder samt ihren Häusern von den Fluten mitgerissen worden. Tage darauf fand man ihre leblosen Körper in der Pleiße. Aufgerissene Straßen, eingestürzte Häuser, übersandete und verschlammte Gärten, Wiesen und Felder zeugten vom Unheil in Lauterbach. Zahlreiche Kühe, Schweine und Schafe waren ertrunken.

Auch der Eisenbahnverkehr war unterbrochen. Aus Richtung Gablenz hatten sich gewaltige Fluten gewälzt. Den Wassermassen des Paradiesbaches konnte die Eisenbahnbrücke keinen genügenden Durchfluss mehr bieten, so stieg der Pegel dort über vier Meter und riss die Brücke und den Bahndamm mit fort, sodass nur noch die Schienen in der Luft hingen. Große Teile der dort befindlichen Fabrik der Gebrüder Uhlig (später Wärmegerätewerk) zerstörte die Strömung. Der Zugverkehr endete an der Kitscherstraße, und die Reisenden mussten in einen anderen Zug, der von Ponitz an die Unglücksstelle geschoben wurde, umsteigen. Betroffen war auch der Prinz Friedrich August, der spätere letzte König von Sachsen, der sich auf der Reise von München nach Leipzig befand. Er nahm bei dieser Gelegenheit die Schäden in Augenschein. Den Postverkehr übernahm wieder eine alte Postkutsche.

Auch das Sahntal und Frankenhausen wurden vom Hochwasser in jener Mainacht stark in Mitleidenschaft gezogen. Um die Verluste zu mildern, gründete man ein Hilfskomitee. Wohltätigkeitsveranstaltungen, Sammlungen und Spenden sollten die Not der Betroffenen lindern. Heute, nach 130 Jahren, ist dieses Desaster längst vergessen, nur das kleine Schild an der Zwickauer Straße 40 erinnert noch daran.

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