Warum aus dem Lokal kein prächtiger Kulturtempel wurde

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Steinpleis.

Noch Anfang des 19. Jahrhunderts sind Einkehrmöglichkeiten oftmals lediglich für durchreisende Händler, Fuhrleute und Handwerksgesellen von Bedeutung. Doch allmählich bieten Gasthöfe auch für die einheimische Bevölkerung vor allem an Wochenenden Abwechslung und gemeinsames Beisammensein. Hinzu kommt, dass nun verschiedene Vereine gegründet werden, die für ihre Zusammenkünfte einen Gasthof mit separatem Vereinszimmer und ausreichendem Angebot zur Verköstigung benötigen. Einer dieser Gasthöfe in Steinpleis ist der in einem Ortsplan von 1840 eingezeichnete sogenannte "Mittlere Gasthof". Vermutlich besteht dieser Gasthof damals schon seit mehreren Jahrzehnten.

Der Gasthof hat einen besonders günstigen Standort nahe dem uralten Weg nach Lichtentanne und unmittelbar neben einer Fußgängerbrücke über die Pleiße. 1864 wird als Gasthofbesitzer Fleischermeister Johann August Erler benannt. Zu dieser Zeit fügt Erler dem bereits bestehenden kleinen Gasthofgebäude einen Anbau hinzu. In dessen Erdgeschoss sind ein Pferdestall mit Schlachthaus sowie ein Gewölbe. Im Obergeschoss wird ein Tanzsaal eingerichtet. 1878 wird Friedrich Wilhelm Luckner neuer Besitzer. Luckner führt in den Folgejahren weitere umfangreiche Umbauarbeiten aus, bis er schließlich 1885 den Gasthof auf seine heutige Gebäudegröße erweitert. Der Tanzsaal im Obergeschoss wird enorm vergrößert, im Erdgeschoss entstehen weitere Gast- und Gesellschaftsräume. Der Eingang in den Gasthof, der jetzt den Namen "Gasthof zu Steinpleis" erhält, wird dabei in den linken Eckbereich verlegt. 1887 fügt Luckner an die rechte Gebäudeseite noch eine einfache Kegelbahn hinzu. Mehrere quer angeordnete Oberlicht- Fenster sorgen dabei tagsüber für die notwendige Helligkeit. Reicht das Tageslicht nicht aus, verwendetet man zur Beleuchtung Öl- und später Petroleumlampen. Effektivere Beleuchtungsarten ersetzen die alten "Rußampeln" erst 1902 mit dem Anschluss des Ortes an das Gasnetz beziehungsweise 1906 an das Elektronetz. Die Wasserversorgung sichern bis zum Bau des Wasserwerkes im Jahr 1911/12 in der heutigen Alfred- Krapp-Straße hauseigene Tiefbrunnen. Luckner besitzt den "Gasthof zu Steinpleis" bis 1896. Um die Jahrhundertwende betreibt Otto Paschen einige Jahre den Gasthof. Aus dieser Zeit stammt auch die abgebildete Lithografie einer Ansichtskarte. Gut zu erkennen sind auf der rechten Seite im Obergeschoss die oben abgerundeten Fenster des großen Tanzsaals. Links daneben befinden sich Gesellschaftszimmer und die Wohnung der Wirtsleute.

1912 wird Arno Louis Glaßmann neuer Besitzer. Er plant riesige Erweiterungsbauten, die sich bis an das Pleißenufer erstrecken sollen. Das Vorhaben ist bereits bauseitig genehmigt. Doch der Bau kann wegen des Ersten Weltkrieges nicht realisiert werden. 1918 muss Glaßmann den Gasthof sogar verkaufen.

1921 nimmt Gastwirt Arno Liebing die alten Pläne zur Erweiterung wieder auf. Der vorgesehene Umbau zu einer prächtigen Kultureinrichtung scheitert aber erneut. Ursache ist diesmal die aufkommende Inflation. Mit der anschließenden Aufgabe der Bewirtschaftung ist auch der Weiterbestand des "Gasthofs zu Steinpleis" Geschichte.

Der Steinpleiser Turnverein nutzt bis 1922 noch einige Räume als Vereinslokal und eine freie Fläche neben dem Gasthof als Turnplatz. Nachdem das Gebäude von der im Nachbargrundstück ansässigen Maschinenfabrik Hugo Riedel übernommen wird, müssen die Turner ausziehen. Denn Riedel benötigt die Räume im Erdgeschoß für sein Unternehmen.

Das gesamte Gebäude wird entsprechend umgebaut. Im Obergeschoss entstehen dazu noch einige Mietwohnungen. In Nebenbereichen hat der Tischlermeister Max Kuhn Werkstatträume angemietet. Später verlegt Kuhn sein Gewerbe in die Thanhofer Straße 32. 1932 bis 1934 lässt Hugo Riedel im Erdgeschoss drei weitere Wohnungen einbauen. Dazu wird ein Laden eingerichtet, den Lydia Scherf als Lebensmittelgeschäft betreibt.

1934 zieht eine Geschäftsstelle der "Deutschen Arbeitsfront" ins Erdgeschoss. Der Steinpleiser Kunstmaler Otto Schmidt hat sein Atelier im Haus. Nach 1946 und der Enteignung von Hugo Riedels Unternehmen übernimmt die Konsum-Genossenschaft Zwickau Riedels Verkaufsladen. Im April 1949 wird die Maschinen-Ausleih-Station (MAS) Steinpleis neuer Hauseigentümer, wobei nun auch der Verkaufsladen für Wohnzwecke umgebaut wird.

Nach Aufgabe jeglichen Gewerbes ist das Gebäude bis heute mit Wohnungen belegt. Am Eingangstor des Grundstückes befindet sich ein kleiner Schaukasten in dem ein historisches Bild des ehemaligen "Gasthofes zu Steinpleis" bewundert werden kann.

Quellen:Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2.

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