Warum Bordsteine für Sehbehinderte wichtig sind

Barrierefreiheit bedeutet mehr als eine Rollstuhlrampe. So hat der Kreisverband der Blinden und Sehbehinderten viele offene Wünsche.

Zwickau/Werdau.

Es würde helfen, wenn die Menschen mehr aufeinander achten: An mehreren Stellen des Gesprächs mit Vertretern des Blinden- und Sehbehindertenverbands Zwickau fällt dieser oder ein ähnlicher Satz. Denn auch, wenn sich in Sachen Inklusion in den vergangenen Jahren einiges getan hat, ist der Alltag für Menschen mit Sehschwäche noch immer voller Hürden. Das gilt für Zwickau, das gilt aber auch für andere Städte des Landkreises sowie für den ländlichen Raum, sagt Verbandsvorsitzender Lutz Beuthan.

Für Menschen, die schlecht oder gar nicht sehen können, bedeutet Barrierefreiheit, dass sie sich im Alltag ohne Angst bewegen können. Dafür nötig sind unter anderem Bordsteine, sagt Heike Schröter aus dem Verbandsvorstand. Sie selbst ist mit einem Hund unterwegs, der sich an Bordsteinen orientiert. "Andere brauchen das, um sich mit ihrem Stock zu orientieren", ergänzt André Brendle, der sich beim Landesverband in der Fachgruppe Umwelt, Verkehr und Tourismus engagiert. Ohne Kanten oder Bodenindikatoren, wie sie in Zwickau unter anderem bei der Sanierung von Haltestellen eingebaut werden, kann er sich kaum sicher in der Öffentlichkeit bewegen. Doch auch, wenn besonders in der Kreisstadt mehr und mehr solche Kanten auf Fußwegen zu finden sind: Es bleiben Tropfen auf dem heißen Stein.

Auf der Wunschliste der mehr als 100 Kreisverbandsmitglieder stehen unter anderem auch Hell-Dunkel-Kontraste bei Stufen. "Ich verstehe gar nicht, warum immer alles Grau-in-Grau gebaut wird", sagt Beuthan. Er versteht aber auch nicht, warum die Behindertenbeauftragten solche Maßnahmen immer anmahnen müssen und nicht gleich nach diesen Richtlinien gebaut wird. Und noch ein Verständnisproblem haben die Sehbehinderten: "Es ist sogar schwierig, im Verwaltungszentrum in Zwickau den Weg zur Behindertenbeauftragten zu finden. Wir warten seit Langem, dass ein Lageplan als Tastmodell installiert wird", sagt Brendle und sieht den Landkreis in der Pflicht. Doch er mahnt nicht nur die Kreisbehörde. Auf allen Ämtern, in denen er eine Nummer ziehen muss, ohne dass die Nummer dann angesagt wird, kommt er ohne fremde Hilfe nicht zurecht.

Diese Hilfe, sagt Heike Schröter, die findet sich oft. Bestes Beispiel: die Drogerie in den Zwickau-Arcaden. "Die haben einen sehr guten Begleitservice, die Angestellten haben immer Zeit und sind immer freundlich." Das ist jedoch nicht überall so. "In Ämtern erlebe ich beides: Hilfsbereitschaft, aber auch herablassende Behandlung", sagt Brendle. Ähnlich ergeht es ihm, wenn er immer wieder auf mangelnde Absicherung von Baustellen hinweist. Da ein Stock seine Sehkraft ersetzt, ist es für ihn wichtig, dass Hindernisse auch am Boden gekennzeichnet sind. Absperrungen in Brusthöhe kann er erst wahrnehmen, wenn es unter Umständen schon zu spät ist.

Das Gespräch, das von der Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann (Linke) organisiert wurde, zeigt, dass Vorschriften nur die eine Seite der Medaille sind - denn sie werden bei Weitem nicht immer eingehalten. "Im Landkreis sind nur elf Prozent der Hotels barrierefrei erreichbar", sagt sie. Selbst viele Arztpraxen würden den Anforderungen nicht gerecht.

Die Abgeordnete hat sich die Sorgen und Nöte notiert und möchte sich für die Belange von Sehbehinderten stark machen. Unter anderem geht es ihr um die Inklusion an Schulen, die auch bedeuten kann, dass eben zwei Lehrer für den Unterricht nötig sind. Was der Verband tun will: "Ich möchte gern mehr in Schulen gehen, um dort aufzu- klären und Kinder wie Lehrer zu sensibilisieren", sagt Heike Schröter. Denn Wissen schafft Akzeptanz.

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