Warum in Beiersdorf der Salamander gerieben wird

Einmal im Jahr wird in dem 650 Einwohner zählenden Dorf ein ganz besonderes Fest gefeiert, wenn auch nur in kleinem Kreis. Dabei spielen Johannisbeeren und die Feuerwehr eine wichtige Rolle.

Beiersdorf.

Erika Seidel ist schon Wochen vor dem 6. August in Aufregung. Fast täglich kontrolliert die 74-Jährige das Wachstum der Johannisbeeren an den Sträuchern hinter dem Vierseithof der Familie. Wenn die Früchte Mitte Juni die richtige Reife erreicht haben, beginnt die Ernte und das Ansetzen des Johannisbeerlikör.

Sechs Wochen dauert es ungefähr, bis er schmeckt und abgezogen werden kann. Das ist alljährlich um den 1. August der Fall. Viel mehr Zeit bleibt der Seniorin auch nicht. Bis zum 6. August muss der edle Tropfen in der Flasche abgefüllt sein. An jenem Tag feiert Erika Seidel gemeinsam mit den anderen Mitgliedern aus der Pyramidengruppe das Stiftungsfest der Feuerwehr, auch wenn die Frauen und Männer der Runde mit der Löschtruppe nur wenig zu tun haben. Die Mitglieder der örtlichen Wehr feiern an dem Tag, nun ein paar Meter weiter am Gerätehaus, ihr eigenes Fest zur Gründung der Wehr im Ort. "Das sind hauptsächlich junge Leute. Die grillen und trinken dazu ein Bierchen. Wir sind alle im Rentenalter und sitzen auf dem Pyramidenplatz gemütlich bei einem Johannisbeerlikörchen zusammen und reiben den Salamander", sagt die 74-Jährige und lacht dabei herzlich.

Salamander reiben? Was hat es damit auf sich? Das Ganze hängt mit der Geschichte der Feuerwehr in Beiersdorf zusammen. Die wurde am 6. August 1887 gegründet. Die Wehr besitzt aus den Anfangsjahren noch eine Chronik, geschrieben in altdeutscher Schrift. Lesen können die Schrift heute nur noch wenige Bewohner im Dorf. "Meine Mutter kann das", sagte vor ein paar Jahren Udo Seidel zum damaligen Ortswehrleiter Ulrich Ullmann. Erika Seidel sagte zu und übersetzte die 456 Seiten umfassende Schrift. Dabei stieß sie auf den Satz "Und dann haben die Gönner der Wehr den Salamander gerieben."

Der machte die Seniorin neugierig. Sie wollte wissen, was es damit auf sich hat und baute auf die Unterstützung ihres Sohnes. Der befragte alte Einwohner im Ort, recherchierte in alten Chroniken und im Internet bis er einen alten Trinkspruch der Beiersdorfer Wehr fand. "In den Anfängen der Wehr ging es bis in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ziemlich militärisch zu. Erst danach lockerte sich das. Seitdem bestimmt auch die Geselligkeit mit den Alltag in den Wehren. Aus der Zeit dürfte der Trinkspruch stammen", vermutet Udo Seidel. In dem Spruch heißt es unter anderem auch "Stillgestanden. Aufstehen und feierliches Murmeln des Wortes: Salamander, Salamander, Salamander."

Warum nicht die alten Traditionen wieder aufleben lassen? Erika Seidel diskutierte den Vorschlag mit den anderen Mitgliedern der Pyramidengruppe. "Einen Grund zum Feiern finden wir immer. Wir sind nämlich eine lustige Truppe", sagt Erika Seidel. Die Idee kam an. Doch damit nicht genug. Schließlich musste das Ganze ja auch irgendwie mit der Feuerwehr in Verbindung gebracht werden. Also beschlossen die Pyramidenfreunde, sich bei den Mitgliedern der Wehr für ihr Fest alljährlich eine alte Feuerwehruniform auszuleihen. "Derjenige, der bei uns den Trinkspruch hält, muss die immer anziehen", sagt Erika Seidel. In diesem Jahr feiert die Truppe zum fünften Mal das Stiftungsfest. Jeder der Mitglieder bringt etwas zum Knabbern oder zum Trinken mit. Was, bleibt jedem selber überlassen. Nur bei einem gibt es keine Abstriche: dem Johannisbeerlikör von Erika Seidel. Der ist inzwischen zur Tradition geworden. "Weil der allen so gut schmeckt. Die Flasche ist immer ganz schnell leer", sagt die Beiersdorferin.

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