Wechselvolle Geschichte des "Löwen" endet im Steakhaus

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Steinpleis.

Auf einer alten Landkarte von Steinpleis aus dem Jahr 1840 ist oberhalb von Kirche und Schule ein Gehöft eingezeichnet, das mit "o. Gasthof" ("Oberer Gasthof") beschriftet ist. Vermutlich bestand der Gasthof, der zu einem Mehrseitenhof gehörte, an dieser günstigen Stelle - hier trafen sich der Steinleiser Fußweg und die Durchfahrtstraße Werdau-Zwickau - bereits seit vielen Jahrzehnten. Der einst unscheinbare "Obere Gasthof" etablierte sich im Laufe der Zeit derart, dass er zu einer der gefragtesten gesellschaftlichen Adressen für Honoratioren und Vereine in Steinpleis und Umgebung wurde.

Die weitere Entwicklung des gastronomisch-kulturellen Lebens im ehemaligen "Löwen", wie der alte Gasthof auch heute noch liebevoll genannt wird, begann dann nach 1945 vor allem mit der ab 1949 begonnenen Umfunktionierung des Gasthofes zu einem weit über die Grenzen von Steinpleis hinaus bekannten Kulturhaus.

Aber der Reihe nach. In der Zeit der Ersterwähnung bewirtschaftete Carl Weber den "Oberen Gasthof". Weber bemühte sich schon damals, mit Veranstaltungen Gäste zum Besuch seiner Schankwirtschaft zu animieren. Neben üblichen Bekanntmachungen im Ort warb Weber auch im "Werdauer Wochenblatt". 1858 platzierte er zum Beispiel die Einladung zum damals sehr beliebten "Vogelschießen".

Nicht verwunderlich ist auch, dass der Gasthof von den damals zahlreichen Haus- und Scheunenbrände nicht verschont blieb. In der Feuerwehrchronik von 1865 ist dazu vermerkt: Großbrand des Weberschen Gutes mit Gasthof. Danach übernahm Webers Sohn Hermann Gastwirtschaft und Gehöft, ließ die Brandstelle beräumen und errichtete in den Folgejahren an Stelle des linken Gebäudes einen neuen, größeren Gasthof. Ein im Obergeschoss angefügter Ballsaal ergänzte den neuartigen Bau. Weber nutzte ebenfalls die Tageszeitung zur Werbung. So lud er 1885 zum "Schmaus für Unverheiratete" ein. Die im Gebäude separat eingerichteten Gesellschaftsräume wurden gern von verschiedenen Steinpleiser Vereinen genutzt. Allen voran die Freiwillige Feuerwehr, deren Chronik für 1900 vermerkt: Einladung zur Jahrestagung im "Weberschen Gasthof".

1903 übernahm der Gastwirt und Fleischer Max Seifert den Gasthof, der nun den Namen "Zum Goldnen Löwen" trug. Seifert hatte zu seiner Schank-Concession auch die Erlaubnis für Übernachtungen. Sein gesamtes Angebot für den Gasthof geht aus einer Anzeige von 1903 hervor. Im damaligen Adressbuch warb er: Gasthaus "Zum Goldnen Löwen" - Ballsaal - Gesellschaftszimmer für 100 Personen - Schattiger Garten - Gute Betten - Größere Stallungen für Pferde. Die alte Ansichtskarte aus dem Jahr 1906 zeigt hinter dem Gasthaus das alte Kantorat und darüber die 1889/90 erweiterte Dorfkirche. Das rechte rote Klinkergebäude ist das sogenannte Treuner-Haus, das von 1897 bis 1915 die Steinpleiser Postagentur beherbergte. Der am unteren Kartenrand sichtbare Bereich des heutigen Landtechnik-Platzes war damals noch mit Bäumen bepflanzt.

Adolf Förster, der wiederum 1906 neuer Eigner des "Löwen" wurde, erweiterte das Gasthaus im Erdgeschoß um weitere Gesellschaftszimmer. Nach dem Tod Försters fand sich ab 1919 für lange Zeit kein Interessent zur Übernahme. Erst 1928 kam es zu einer Neueröffnung durch den ehemaligen "Römer- Wirt" Emil Zahn. Auch war zu dieser Zeit in dem Gebäude das "Café Buschbeck" eingerichtet. Durch die guten Verbindungen von Zahn zu namhaften Orchestern und Theatervereinen sorgte der Wirt für weitere kulturelle Bereicherungen in Steinpleis. 1932 übernahm die Familie Hölig den "Goldenen Löwen". Marie Hölig führte nun mit ihrem Mann Paul und ihrer Adoptivtochter Elfriede den Gasthof weiter.

Mit der Etablierung eines neuen Gesellschaftssystems nach 1945 brach für das ehemalige Gasthaus "Zum Goldenen Löwen" eine neue, auch wieder bemerkenswert erfolgreiche Zeit an. 1949 wurde das Gebäude zum Kulturhaus des Trägerbetriebs MAS (Maschinen-Ausleih- Station), der sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand. Erster Leiter im Kulturhaus war Heinz Lehmann. Gemeinsam mit der ehemaligen Besitzerin Elfriede Hölig entwickelte Lehmann das Kulturhaus zu einer der vielfältigsten Veranstaltungs- und Begegnungsstätten im gesamten Kreis. 1955 übernahm der FDGB (Freie Deutsche Gewerkschaftsbund) das Kulturhaus nun als Klubhaus "MTS" (Maschinen-Traktoren-Station). Um den großen Tanzsaal direkt zu erreichen, wurde rechts am Gebäude ein steiler, aber breiter Treppenzugang errichtet. Die Gaststätte im Erdgeschoss mit dem Eck-Zugang bestand dabei unter dem Namen "Zum Goldenen Löwen" weiter. Sie wurde bis 1982 durch Familie Daul betrieben.

Vielfältig waren die Aktivitäten im neuen Klubhaus: Neben der Klubhausbücherei, hatte nun auch der 1955 gegründete Steinpleiser Kulturbund hier seinen Sitz. Filmvorführungen und ein "Fernsehraum" ergänzten das Angebot. An Kinderfilm-Nachmittagen wurden DEFA-Streifen wie "Das singende klingende Bäumchen" vorgeführt. Die Verkehrspolizei lud unter dem Motto "Achtung - Stopp - Weiße Mäuse" zu Diskussionsrunden ein. Neben Tanzveranstaltungen, bei denen das Tanzorchester MTO Meerane Anfang der 1960er-Jahre die ersten Beatklänge ertönen ließ, gab es Kulturabende mit dem satirischen Kabarett "Die Wespen" aus Werdau.

1961 kam das Kulturhaus in die Trägerschaft der Gemeinde. Leiterin wurde Elfriede Hölig. Nach umfassender Sanierung wurde das Gebäude 1968 festlich neueröffnet. 1983 wurde Margit Schneider als Leiterin eingesetzt, danach übernahm ihr Ehemann das Amt. Nach der Wende erwarb 1991 die Familie Pelka das gesamte Objekt und eröffnete am 21. Oktober 1992 die Gaststätte mit einer dazugehörigen Pension. Ab 1996 wurde das Obergeschoss zu einer Bowling-Bar umgebaut. Der Tanzsaal wurde in einen seitlichen Anbau in das Erdgeschoss verlegt. Aber bereits 2002 zog in diese Räume ein Steakhaus mit eigenständiger Bewirtschaftung ein.

Mit dem Tode von Michael Pelka im Jahr 2010 kam es zur urplötzlichen Schließung des "Löwen". Nach mehrjährigem Leerstand kam das Gebäude 2016 in den Besitz einer Immobilienfirma. 2017 spekuliert man noch in der "Freien Presse" über die mögliche Eröffnung eines "Griechischen Restaurants". Nur zwei Jahre später haben sich dann alle Hoffnungen zerschlagen. Seit dieser Zeit deuten immer wieder hier parkende Pkw auf eine eventuelle neue Gastlichkeit. Leider fehlgedacht, denn es sind nur die Fahrzeuge von Gastarbeitern, die im ehemaligen "Löwen" Quartier bezogen haben.

Quellen:Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Wilfried Schaarschmidt Feuerwehrchronik.

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