Wenn die Nebensache zur Nebensache wird

Die Wochenendrebellen Jason und Mirco von Juterczenka lasen beim Fanprojekt Zwickau aus ihrem Buch. Dabei ging es nicht nur um Fußball.

Zwickau.

Hätte Sepp Herberger einen Sohn wie Jason von Juterczenka gehabt - er hätte einige seiner unsterblichen Sätze wohl anders formuliert. Zum Beispiel den: "Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht." Das mag für andere Leute zutreffen, für Jason ist das oft zweitrangig. Jason geht ins Stadion, weil er nicht weiß, welcher Verein sein Lieblingsverein ist. Sein Vater Mirco, genannt Papsi, begleitet den 13-Jährigen bei seiner Suche.

Am Dienstagabend ist das Duo zu Gast im Fanprojekt Zwickau. Vater und Sohn lesen aus dem Buch, das aus ihren Aufzeichnungen über die Stadionbesuche entstanden ist. Für alle, die dachten, dass im Sinne Herbergers ein Spiel 90 Minuten dauert und eine Lesung wohl nicht viel länger - die lernen an diesem Abend etwas dazu. Mehr als drei Stunden brauchen die beiden Gäste, um Einblick in ihr Leben als Wochenend- rebellen - so auch der Titel des Buches - zu geben. Das liegt vor allem an Jason. Der junge Mann (ein Kind ist er nach eigener Aussage nicht) braucht Zeit. Zeit, sich für einen Verein zu entscheiden. Zeit auch, um aus dem Buch zu lesen und sich mit seinem Vater über das Gelesene zu verständigen. Denn Jason ist Asperger-Autist. Seine Welt funktioniert anders als die der meisten Menschen. Er braucht Regeln, und er kommt nicht damit klar, wenn Regeln gebrochen werden.

Das ist auch der Grund, warum er keinen Lieblingsverein hat. Denn Jason sucht einen Verein, der kein Maskottchen hat, dessen Spieler keinen Kreis bilden, um sich anzufeuern, und dessen Stadion in der Natur liegt. Bisher hat der junge Groundhopper fast 100 Spiele in neun Ländern besucht: erfolglos. Jedenfalls, was seine Suche betrifft. Die zahlreichen Erlebnisse, die gemeinsame Zeit mit seinem Vater und vor allem die geliebten Zugfahrten nimmt ihm keiner mehr. Warum der Fan in spé keine Maskottchen mag, erklärt sich aus seinem Wesen: Er kommt mit Körperkontakt nicht klar. "In Berlin bin ich mal von Herthinho umarmt worden." Die unvermutete Nähe zum plumpen Bären hat ihm gar nicht gepasst. Aus dem gleichen Grund sollen auch die Spieler keinen Kreis bilden.

Das Vater-Sohn-Duo geht offensiv und humorvoll mit den Besonderheiten Jasons um. Die Gäste hören es und amüsieren sich, manchmal bleibt ihnen auch ein Kopfschütteln im Halse stecken. Dann, wenn durchscheint, wie schwierig das Leben manchmal ist. Etwa, wenn die Stadiontoilette nicht den Kriterien entspricht, der junge Mann aber schon sehr dringend muss. Angesichts solcher Erlebnisse gilt für den Vater: Das nächste Spiel ist immer das Schwerste. Zumal es sein kann, dass der Sohn aus lauter Wut das mühsam erreichte Spiel gar nicht anschaut, sondern eine Betonwand anstarrt.

Übrigens: Der FSV Zwickau ist noch im Spiel als möglicher Lieblingsverein. Wobei das Westsachsenstadion nach Jasons Kriterien mehr Chancen hätte als der Neubau.

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