Wie aus einer Bäckerei eine beliebte Schankwirtschaft wurde

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Gaststätte "Meistereck" (Folge 29)

Werdau.

Der Teil der Uferstraße, beginnend am heutigen Hotel Restaurant "Kristall" bis zum Wehrplatz, hieß von 1866 bis 1922 Gartenstraße. Vor allem auf der linken Straßenseite entstanden im 19. Jahrhundert mehrere große Textilfabriken, von deren gewaltiger Gebäudesubstanz kaum mehr etwas übrig ist. Auch der Gartenbetrieb Simon Rettner und die Autoreparaturwerkstatt Arno Freund nebst Tankstelle sind verschwunden. Die Flächen nehmen heute Verkaufsmärkte, eine Tankstelle und kirchliche Einrichtungen ein. Nur das Wohnhaus der Familie Freund steht noch größtenteils im alten Zustand erhalten gegenüber der "Teufelsbrücke".

Wir beginnen unsere Tour mit dem im Kreuzungsbereich zur Holzstraße liegenden "Stadt- und Dampfmaschinen-Museum". Das Gebäude im schlichten Barockstil ließ der Oberförster Friedrich August Baumgarten im Jahr 1871 als Oberförsterei errichten. Dazu gehörten noch zwei Nebengebäude als Scheunen. Ein davon erhaltenes, zum Museum gehörendes Gebäude, wird zurzeit saniert. Am Standort des anderen Gebäudes ließ die Familie Schmelzer eine Villa errichten, die heute als Stadtbibliothek genutzt wird.


Die Geschichte des Museums im Hauptgebäude beginnt Ende 1916, als bereits einige Räume museal genutzt werden konnten. Anfang 1917 fand eine erste Eröffnung statt. Es erfolgte dann die "richtige" feierliche Eröffnung im Mai 1917. Neben einer Fülle an historischen Zeitzeugnissen bewahrt das Museum eine einmalige Sammlung von Fraureuther Porzellan. Im Garten ergänzt eine Eisenbahn-Landschaft das museale Konzept. Den Abschluss bildet das Maschinenhaus der Schmelzerschen Fabrik mit einer gut gepflegten originalen Dampfmaschine.

Noch eine Bemerkung zu F. A. Baumgarten. Dessen Urenkel Georg Baumgarten erfand das erste lenkbare Luftschiff, nicht Graf Zeppelin, wie allgemein zu vermuten ist. Die Familie Baumgarten verzog später in die Nähe von Chemnitz. Im heutigen Stadtteil Grüna befindet sich noch deren denkmalgeschütztes Wohnhaus, das als Kindergarten den Namen Baumgarten trägt.

Schräg gegenüber vom Museum, auf der anderen Straßenseite neben dem Hotel und seinem Garten, befindet sich ein 1910 errichteter kirchlicher Versammlungsort namens "Lutherhaus". Nach 1990 stand das Haus lange Zeit leer. Vor wenigen Jahren kam wieder Leben in das Gebäude. Ein bekannter Sammler von Kutschen fand hier eine passende Unterstellmöglichkeit für seine außergewöhnlichen und prächtigen Sammelstücke.

Über eine kleine Brücke, auch "Siechensteg" genannt, die nach dem "Lutherhaus" nach rechts die Pleiße überquert, gelangt man links an ein mit seinem Garten direkt an der Pleiße liegendes winzig kleines, aber schmuckes Häuschen mit der Anschrift Neugasse Nr. 15. Es ist das im Sprachgebrauch sogenannte "Siechen- oder Leichenhäuschen". Vermutlich hat es seinen Namen nach den dort wohnenden Friedhofsmitarbeitern. Es wird berichtet, dass noch in den 1830er-Jahren der Totengräbergehilfe und Leichenwäscher Pröhl in diesem Haus eine sogenannte "Winkelschule" betrieb und 40 bis 50 Kinder in Allgemeinwissen unterrichtete. Nach 1860 ging das Haus in städtischen Besitz über, wurde als Dienstwohnung für Mitarbeiterinnen des städtischen Friedhofs genutzt und nach 1945 zu einem Wohnhaus umgebaut. Dabei verschwand der ursprüngliche Baustil des bereits im 17. Jahrhundert erwähnten Häuschens vollständig. Die Neugasse, die kurz nach 1800 angelegt wurde, war vorwiegend aus zweigeschossigen einfachen Häusern und einigen Fabrikanlagen bebaut, von denen durch die städtebauliche "Erneuerung" nach 1990 kaum mehr etwas übriggeblieben ist. Bemerkenswert ist das noch erhaltene und sanierte Haus- Nr. 12, das Stammhaus der Firma Gabriel Schön, die später ihr Unternehmen in die Plauensche Straße 37 verlegte. Auch in der kleinen verwinkelten Neugasse entstanden einst einige Schankwirtschaften. Im Haus Nr. 4 bestand von 1869 bis 1902 die Restauration "Zum Eckstein". Danach viele Jahre nur noch als Wohnhaus genutzt, wurde das Gebäude 1994 abgebrochen. Heute befindet sich an jener Stelle ein Parkplatz.

Einige Häuser weiter war in dem ebenfalls nicht mehr existierenden Gebäude Nr. 8 das Restaurant von "Heinrich Kramer" eingerichtet. Der betrieb die Schankwirtschaft von 1876 bis 1883. Dann übernahm er die spätere "Meisterecke" am Brühl. Mit dem Haus Neugasse 17 erwarb Carl Gustav Naundorf 1865 ein Gebäude der ehemaligen Tuchfirma Christian Gotthelf Schmelzer. Im Jahr darauf eröffnete Naundorf darin die Restauration "Zur Guten Quelle". Nach deren Schließung im Jahr 1887 übernahm der Tuchfabrikant Gottlieb Lippoldt das umliegende Gelände und nutzte das Haus für seine Firma. Heute befindet sich hier neben einer gepflegten Rasenfläche das "Wohn- und Betreuungszentrum "Herbstblüte".

In diesem Bereich mündet die Neugasse in den Brühl. Direkt gegenüber erblickt man das am 6. Mai 1995 nach langer Sanierung eröffnete Gasthaus "Meistereck". Ab 1863 betrieb Hugo Ehrlich hier in seinem neuerbauten Haus eine Bäckerei. Als diese im Jahr 1869 aufgegeben wurde, erwarb Carl Friedrich Mittenzwei das Gebäude und eröffnete eine Schankwirtschaft. In den folgenden Jahren wechselten die Pächter und Besitzer sehr häufig. Dabei gaben sie der Schankwirtschaft jeweils ihren eigenen Namen. Den Namen "Meisterecke" erhielt die Restauration erst, als Emil Tröger und Frau 1919 die Schankwirtschaft übernahmen. In der Ansichtskarte aus dem Jahr 1920 erkennt man deutlich, wie das Gasthaus damals rechts und links zwischen Industriegebäuden eingekeilt war. Von 1930 bis 1950 gab es erneut Pächterwechsel. Mit der Abmeldung des Gaststättengewerbes durch Emil Gläser im Jahr 1950 endete vorerst eine Ära der Bewirtschaftung. 1954 erwarb Bruno Fox das Grundstück einschließlich Gebäude. Die Familie bezog die oberen Räume, und im Erdgeschoß richtete die HO Werdau einen Getränkestützpunkt ein. Fast alle vom baulichen Verfall betroffenen Gebäude in unmittelbarer Umgebung wurden nach der Wende abgebrochen. Dieses glücklicherweise nicht. Familie Fox übernahm 1990 das Haus in Privatbesitz und baute es nach altem Vorbild vollständig um. 1994 konnten aus einem kleinen Kiosk am Haus Imbiss und Getränke verkauft werden. Nach fünfjähriger Bauzeit wurde die Gaststätte "Meistereck" (jetzt ohne "e" am Ende) neu eröffnet. Wer Muße hat, kann eine detailgetreue Nachbildung des Gastraumes als Bestandteil eines riesigen Modell-Kaufhauses bei "Kalitzkis Puppenstubenausstellung", August- Bebel-Straße 34, bestaunen.

Quelle: Buch "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben.

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