Wo auf der Martinstrompete die Herz-Schmerz-Polka ertönt

Da ist Musik drin Westsachsen, wie es singt und klingt. Heute: Die Schalmeienkapelle aus Stöcken.

Langenbernsdorf.

Schalmeienkapellen gab es um 1930 fast in jedem Ort. Heute gehören sie zu den Exoten. "Dabei lässt sich eine Schalmei ganz einfach spielen. Da das Instrument robust konstruiert ist, keine besondere Anblastechnik und nur geringe Notenkenntnisse erforderlich sind, ist es bestens geeignet, um auch von Anfängern erlernt und gespielt zu werden", sagt Herbert Götz.

Der 72-Jährige weiß, wovon er spricht. Seit 1990 ist er Spielleiter der Schalmeienkapelle in seinem Heimatdorf Stöcken, einem Ortsteil von Langenbernsdorf. Die Martinstrompete, auch Schalmei genannt, spielt der Senior seit seinem 18. Lebensjahr. "Ich habe daran heute noch genau so viel Freude, wie damals als Jugendlicher." So wie ihm geht es auch den elf anderen Mitgliedern in der Kapelle. Die Akteure im Alter zwischen 57 und 88 Jahren kommen nicht nur aus der Gemeinde, sondern auch aus Zwickau und Teichwolframsdorf. "Wir treffen uns alle 14 Tage immer freitags zu den Proben im Reiterhof Stude in Langenbernsdorf, im Sommer auch manchmal bei einem der Musiker im Garten." Stolz ist der Spielleiter, dass zu den Mitstreitern auch vier Frauen gehören. Was ihm jedoch Sorgen bereitet, ist die Mitgliederzahl. "Wir suchen dringend weitere Spieler. Das Alter ist egal. Große musikalische Vorkenntnisse sind nicht notwendig. Nur die Lust am Musizieren", sagt Herbert Götz. Er hofft, dass der traditionsreiche Klangkörper noch etliche Jahre weiter besteht.

Die Schalmeienkapelle Stöcken hat seit ihrer Gründung 1927 alle Höhen und Tiefen durchlebt, die die unterschiedlichen politischen Systeme mit sich gebracht haben. Mit wie viel Euphorie die Urväter der Kapelle einst bei der Sache waren, zeigt sich allein schon daran, dass seinerzeit zwei Mitglieder des Turnvereins "Germania Stöcken" in die Instrumentenschmiede Klingenthal radelten, um dort die ersten fünf Schalmeien abzuholen. Entsprechend der finanziellen Möglichkeiten kamen Schritt für Schritt weitere Instrumente hinzu. Von Festen und Umzügen waren die Musiker bald nicht mehr wegzudenken. Mit der Machtergreifung durch die Nazis erfolgte der erste gravierende Einschnitt. Der Kapellmeister wurde seines Amtes enthoben, Schalmeienmusik zwar nicht direkt verboten, aber auch nicht mehr so richtig erwünscht. "Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges löste sich die Kapelle auf. Erst 1950 wagten ein paar junge Männer aus Langenbernsdorf den Neubeginn. Leider erwies sich die Sache als Strohfeuer", berichtet Herbert Götz.

Dafür aber wurde zwei Jahre später in Stöcken ein 20-köpfiger Schalmeienzug ins Leben gerufen. Zu hören war er unter anderem bei Sportveranstaltungen, Umzügen und Kinderfesten. Neben den jährlichen Maidemonstrationen in Gera durften die Musiker sogar einmal im Berliner "Palast der Republik" spielen. Das Ende der DDR hätte beinahe auch das Aus für die Schalmeienkapelle Stöcken bedeutet. Um das zu verhindern, übernahm Herbert Götz die Funktion des Spielleiters. "Das war quasi die dritte Neugründung", sagt der 72-Jährige.

Mit ihrem Repertoire, das vom Volksliedern, Märschen bis hin zu Bergmannsliedern reicht, gehört die Schalmeienkapelle seit Jahren zu den Stammgästen beim traditionellen Dorf- und Kinderfest in Trünzig. Wenn die Musiker dann mit ihren Martinstrompeten die Herz-Schmerz-Polka erklingen lassen, kommt selbst bei der jungen Generation gute Laune auf. "Wir spielen auch bei Geburtstagen und Familienfeiern und treten in den Nachbargemeinden auf", sagt Herbert Götz. Dabei geht es ihm und seinen Mitstreitern nicht so sehr darum, im Rampenlicht zu stehen und Applaus zu bekommen. "Die Geselligkeit steht im Vordergrund. Wir sind so etwas wie ein Familie."


Fünf Fragen an Herbert Götz

Was ist Ihr Lieblingslied?

Da fehlt mir auf Anhieb kein besonderes Lied ein. Querbett höre ich alles gern.

Welches Lied würden Sie verbieten?

Verbieten? Kann man ein Lied verbieten? Ich weiß nicht, welches.

Können Sie Noten lesen?

Klar, das ist kein Problem.

Welchen Musiker würden Sie gern wiederbeleben?

Ich habe früher immer gern Peter Alexander gehört und ihn nicht nur als Sänger gemocht. Er war, wie man heute sagt, ein guter Entertainer.

Wie lange hält bei Ihnen ein Ohrwurm?

Meistens nur kurze Zeit.

Singen Sie in der Dusche/ Badewanne?

Singen ist nicht so mein Ding, egal wo. Ich spiele lieber. Ich glaube, das kann ich auch besser.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...