Wüste Gelage im "Dreierhäusel" und Einkehr in Waldsiedlung

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Der "Stiefelknecht" (Folge 23)

Werdau.

Kurz nach 1945 war es erst einmal mit der Idylle am "Jägerhaus im Leubnitztal" vorbei. Da die sowjetischen Besatzungstruppen für den Transport von Reparationsgütern riesige Mengen an Holzkisten benötigten, wurde kurzerhand der Wald, vor allem im Bereich der heutigen Siedlung Leubnitz-Forst abgeholzt. Erst als durch die 1948 durchgeführte Bodenreform wieder etwas Ruhe einzog, entwickelte sich auch das Gebiet um das "Jägerhaus" bis hin zum neuen Waldrand, der nun ab etwa der Höhe des "Rohrteiches" begann, wieder zu einer Ausflugs- und Erholungsgegend zu werden. Die gerodete Fläche wurde parzelliert und an Siedler als vererbbares Eigentum übergeben. Allmählich entwickelte sich die Siedlung zu einem riesigen, vor allem in der Freizeit genutzten Erholungsgebiet. Aus den Gärten mit hölzernen Unterstellbaracken entstand eine eigenständige Siedlung mit vielen Einfamilienhäusern und neben dem leider 2002 abgebrochenen "Jägerhaus" weitere Einkehrmöglichkeiten.

Vom Leubnitzer Bad kommend führt die Wettinerstraße links vorbei am ehemaligen Forsthaus weiter den Berg hinauf bis zur Buswendestelle an der Friedensstraße. In dieser Straße befindet sich die Ausflugsgaststätte "Erdbeerschänke". Als sich Anfang 1958 der Siedlervorstand Leubnitz-Forst zu einer Sitzung im dortigen ehemaligen Düngemittelschuppen traf, beschloss man den Bau eines Vereinsheimes mit integrierter Bewirtschaftung. Nach der Errichtung eines Gebäudes und ausgestattet mit einem Kommissionsvertrag seitens der Konsum-Genossenschaft wurde am 27. Juli 1961 die Gaststätte als "Siedlerheim" feierlich eröffnet. Anfangs wurde die Gaststätte noch durch einzelne Siedler bewirtschaftet. In den folgenden Jahren entschloss sich der Vorstand zur Verpachtung des gesamten Geländes. Zur Wendezeit war die Gaststätte des Öfteren nicht bewirtschaftet. Danach einige Jahre durch die Familie Lang bewirtschaftet, übernahm ab 1994 Familie Ackermann die Gaststätte. Mit neuen Ideen wie Erweiterung des Biergartens, Aufbau einer Garteneisenbahn und Einrichtung eines altertümlichen Gastraumes im Obergeschoss fanden die Wirtsleute großen Anklang. Mit dem neuen Wirt Ronald Otto zog ab Oktober 2013 ein neues Angebotskonzept in die Gaststätte ein. Der Name "Erdbeerschänke" ist geblieben. Woher er stammt ist nicht sicher. Mancher vermutet, der Grund waren die in den Anfangsjahren noch vermehrt wachsenden Walderdbeeren, oder der Name leitet sich von den vielen großen Erdbeerfeldern in den Gärten ab.


Zurück geht es zur Wettinerstraße, die jetzt als Langenbernsdorfer Straße ins Tal hinunter weiterführt. In einem Seitenweg, dem Perlquellweg, liegt eine weitere kleine Einkehrstätte: Die Gaststätte "Zur Perlquelle". Die gemütliche Einkehrstätte am Wanderweg in den Werdauer Wald besteht seit 1992 und wird durch Familie Beyreuther auch als Pension angeboten. Der Perlquellweg hat seinen Namen nach der vom nicht allzu weit entfernten Tischberg entspringenden Perlquelle. Schon Ferdinand Geidel, Inhaber der Feldschlösschen-Brauerei in Werdau, schätzte die Qualität dieses Wassers für den Geschmack seiner Gebräue, sodass er eine Leitung vom Quellverteiler bis in sein Firmengelände verlegen ließ. Die Langenbernsdorfer Straße führt weiter über einen ehemaligen Bahnübergang der Eisenbahnstrecke Werdau-Weida-Wünschendorf, die am 29. August 1876 eröffnet und im November 2000 stillgelegt wurde, bis hin zum Waldtreffpunkt "Cottaeiche" (die Eiche wurde 1866 gesetzt). Gedacht wird hier an Heinrich Cotta (1763 bis 1844), den Mitbegründer der modernen Forstwirtschaft. Auch hier gab es einmal eine "gastronomische" Einrichtung. Auf dem Platz gegenüber der Cottaeiche stand noch im 19. Jahrhundert eine uralte Schankwirtschaft, die nach dem in der Nähe vorbeifließenden Bächlein "Drei" einfach als "Dreierhäusel" bezeichnet wurde. Schon in den 1830er-Jahren war diese Einkehr "durch manch wüsteres Gelage im dunklen Walde und bei tiefsten Nächtens" in schlimmen Verruf geraten. Als es 1858 in diesem Bereich zu einem großen Waldbrand kam, wurde die Schankwirtschaft zerstört. Der Wald wurde wieder aufgeforstet, das "Dreierhäuschen" war Geschichte.

Vorbei an einer kleinen Ruhebank mit einer fantastischen Aussicht ins Vogtland und Erzgebirge geht es weiter in Richtung Leubnitzer Waldsiedlung. Die zu Pfingsten 1948 für Neubauern übergebenen Grundstücke entpuppen sich in den letzten Jahren immer mehr zu einem ruhigen Eigenheimstandort. Auch hier gab es bis vor einigen Jahren eine Gaststätte "Zur Alten Schäferei". Meik Novosatko, von Beruf Schäfer, eröffnete diese 1994 im Haus Waldsiedlung Nr. 17. Seit einigen Jahren ist diese Einkehrstätte aufgegeben worden. Dafür lockt nach wenigen Hundert Metern die nächste Schankwirtschaft. Ebenso wie auf Leubnitzer Seite wurde auch hier in dem abgeholzten Gelände "Am Stiefelknecht" 1948 eine Siedlergemeinschaft gegründet und die Fläche an die Siedler als vererbbares Eigentum übergeben. Auch hier in der "Werdauer Waldsiedlung" begannen die Anfänge einer Schankwirtschaft mit der Errichtung einer einfachen Baracke. Paul Hölzel erhielt hier am 10. August 1949 die erste Schankerlaubnis. Ihm folgte ab 1953 Frau Belaschky. Zwei Jahre später wurde dann eine größere Baracke, wie in der älteren Aufnahme aus dieser Zeit zu sehen ist, aufgestellt und als Schankwirtschaft mitgenutzt. Der Anbau eines massiven Gebäudes mit einer Einliegerwohnung für die jeweilige Wirtsfamilie erfolgte 1958. Mehrfach saniert und umgebaut ist die Gaststätte "Stiefelknecht" am Rand des Werdauer-Greizer-Waldes heute ein beliebtes Ausflugsziel und Startpunkt für ausgedehnte Waldausflüge.

Quelle: "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Broschüre Schul- und Heimatfest Leubnitz 2011

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