Warum Anschreien eine gute Sache ist

Selbstverteidigung für Kinder bietet ein Verein in Schulen an. Dabei geht es um eines nicht: ums Zuschlagen.

Wilkau-Haßlau.

Schreie dringen aus der Turnhalle durch die halbe Schule. Mindestens. Aber Tino Klemm schüttelt mit dem Kopf: Das war ihm nicht laut genug. Noch einmal sollen die Kinder schreien. Richtig laut, sodass ihrem Gegenüber die Luft wegbleibt - und damit auch die Lust, diesem schreienden Mädchen oder Jungen etwas anzutun.

Selbstverteidigung für Kinder - das ist für Tino Klemm schon seit Langem ein Anliegen. Mit dem glücklich ausgegangenen Entführungsversuch in Mülsen trifft das Thema nun auch bei Menschen auf offene Ohren, die sich bislang darüber noch nicht so viele Gedanken gemacht haben. Andere Kinder zum Beispiel. Klemm ist Instructor für Krav Maga und mit seinem Verein, dem Kontaktsportclub Wilkau-Haßlau, in einigen Schulen Westsachsens unterwegs. Sein Ziel: Er möchte Kinder stark machen. Stark genug, um sich gegen Größere, auch Erwachsene zu behaupten.


Kurz vor den Ferien waren die Kontaktsportler in der Zwickauer Dittesgrundschule zu Gast. Auch die Grundschule in Neukirchen/Pleiße besuchen sie regelmäßig, und für die Ferien ist auch ein Besuch im Rödlitzer Hort geplant. Bei diesen Unterrichtseinheiten darf es dann gern einmal laut zugehen. Denn das ist eines der Mittel, die gegen einen Angriff helfen: schreien.

Die Dittesschüler fragt Klemm, was sinnvoller ist: kämpfen oder weglaufen? Ein Mädchen ist für weglaufen - Klemm stimmt ihr zu. "Gegen einen Erwachsenen kommt ihr nicht an", das sagt er gleich am Anfang der Übungsstunde. Er sagt aber auch, dass Kinder durchaus Möglichkeiten haben, sich vor Übergriffen zu schützen. Die erste Übung geht daher den Kindern durch Mark und Bein - und durchs Schulhaus. Während die eine Hälfte der Viertklässler auf die anderen Kinder zustürmt, treten die ihnen mit ausgestreckten Armen entgegen und schreien: "Stop!" Die Stürmer bremsen abrupt, aber Tino Klemm schüttelt den Kopf. Das war ihm zu leise. Immer lauter und bestimmter bremsen die Kinder ihre Schulkameraden aus. So lange, bis der Instructor zufrieden ist, weil er glaubt, das könnte einen Angreifer zurückhalten. Denn Lautstärke, erklärt er, schafft Zeugen. Und darauf haben Übeltäter keine Lust.

Es ist nicht das erste Mal, dass an der Zwickauer Grundschule über Selbstverteidigung gesprochen wird. Doch das Thema ruhte einige Zeit. Erst nach dem Vorfall in Mülsen, sagt Schulleiterin Grit Jakob, wollte man die Sache wieder angehen. "Die Schüler waren von dem Vorschlag begeistert." Für die Wiederaufnahme solcher Kurse hat die Leiterin die vierten Klassen ins Visier genommen. "Auch mit Blick darauf, dass die Schüler künftig allein in die Oberschule oder ins Gymnasium gehen."

Die Sache mit dem lautstarken Stoppen - und anschließendem Wegrennen - ist aber nur ein Teil dessen, was Tino Klemm und seine Sportfreunde den Kindern zu erzählen haben. Aufmerksamkeit, so sagen sie, ist der erste Schritt hin zu mehr Sicherheit. Wieder festgemacht an dem Fall aus Mülsen erklärt er, dass fremde Autos, die in der Nähe von Schulen stehen, durchaus etwas sind, das man den Lehrern melden sollte. Gleiches gelte für Männer, die Kindern Bonbons anböten. Außerdem sollten sich Schüler angewöhnen, sich in einem neuen Raum zunächst umzuschauen: Wo sind die Notausgänge? Die grünen Schilder weisen den Weg, wenn man schnell ein Gebäude verlassen muss. Die Kinder hören aufmerksam zu. Was sie hier lernen, erscheint ihnen einleuchtend - und nicht schwer umzusetzen.

Krav Maga ist eine Art der Selbstverteidigung, die aus unterschiedlichen Sportarten entwickelt wurde. Vor allem das israelische Militär lehrt diese Kunst. Die Wilkau-Haßlauer lehren quasi die zivile Spielart von Krav Maga -da kommt es nicht aufs Angreifen an, sondern vor allem auf die Wehrhaftigkeit. Deswegen suchen die Sportler auch den Weg an die Schulen. Selbst wenn sie dafür jedes Mal einen Tag Urlaub oder wenigstens frei nehmen müssen. Die Sicherheit der Kinder, sagen die Männer, ist ihnen diesen Aufwand wert. Auch wenn sie dafür dann angeschrien werden.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...