Züricher Fotografin in Crimmitschau: "Es ist ein liebevoller Blick"

Die Fotografin Susanne Stauss über eine ausführliche Spurensuche in Crimmitschau, Textiles, Fotografie und eine Stadt voller Kontraste

Crimmitschau.

Die Schweizer Fotografin Susanne Stauss hat Vorfahren aus einer Textilfabrikantenfamilie. Sie war zweimal längere Zeit zu Fuß in Crimmitschau unterwegs - auch auf den Spuren ihrer Familiengeschichte. Konrad Rüdiger hat mit ihr gesprochen.

Freie Presse: Wie kommen Sie dazu, nach Crimmitschau zu fahren, dort Fotos zu machen und diese im Internet und im sozialen Netzwerk Instagram zu veröffentlichen?

Susanne Stauss: Das ist eine sehr persönliche Sache. Die Familie meiner Mutter stammt aus Crimmitschau, sie ist noch da geboren. Sie ist als Teil der Zöffel-Familie 1952 regelrecht in den Westen geflohen. Ihr Bruder hat das damals von Ost-Berlin aus organisiert, sie flogen nach Berlin und zogen weiter nach Stuttgart. Es war der Familie klar, sie als Fabrikbesitzer Kapitalisten sind und dort weg müssen.

Sie haben eigentlich ihre Familiengeschichte erforschen wollen?

Genau. Ich war Mitte der 1990er-Jahre schon einmal für ein halbes Jahr für ein Gastsemester in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst und damit schon in der Nähe. Aber damals habe ich mich noch nicht getraut - wenn Sie so wollen - nach Crimmitschau zu fahren. Ich bin gelernte Textilgestalterin und das als einzige in der jüngeren Familie. Und es war wiederum nicht einfach, als Textilgestalterin zu arbeiten. Sowohl in deutschen wie in Schweizer Stickereien. Damit wollte ich danach dann auch lange nichts zu tun haben. In den letzten Jahren habe ich dann gemerkt, dass ich gern einmal auf Spurensuche gehen will und fotografisch schauen wollte, wie die Stadt aussieht. Wie ist es da? Und welche Spuren vom Textilen gibt es? Von den Fabriken unserer Familie steht nur noch eine.

Was ist Ihnen von den ersten Eindrücken aus Crimmitschau noch präsent?

Sehr viel, die Eindrücke sind extrem präsent. Mein Onkel hat mir schon einiges im Vorhinein über die Stadt erzählt, er fuhr bis vor wenigen Jahren noch zu Klassentreffen nach Crimmitschau und er hat mir gesagt, dass in der Stadt nicht gar zu viel los ist. Und ich wurde dann mit einem speziellen Charme empfangen. Gleich zu Beginn war ich ziemlich schockiert. Der Bahnhof ist nur noch ein Ein- und Aussteigepunkt. Es sah sehr düster aus, nicht im Sinne von dunkel, sondern einfach eine düstere Ecke. Dann geht man Richtung Fußgängerzone mit den Neubauten und dem Kaufhaus. Der Name ist mir gerade entfallen ...

... das Schocken...

Ja, genau. Und ja, es waren kaum Menschen unterwegs. Dann gab es dazu die Bilder von Crimmitschau im Internet, wo natürlich ein sauberes Bild gepflegt wird. Für mich war es zuerst andersherum. Und das hat alles schon einen ersten Eindruck ergeben.

Wie ist denn Ihr zweiter Eindruck entstanden?

Ich habe gesehen, dass es die andere Seite gibt. Crimmitschau ist ja nicht groß, ich bin gelaufen, gelaufen, gelaufen und das ging sehr gut, die Ränder abzulaufen und mir ein eigenes Bild zu machen. Ich war aber schon sehr erstaunt, wie viele Häuser scheinbar herrenlos sind, wie viele verfallen. Und das im großen Kontrast zu Leipzig, das ja eine Art Boomtown ist. Crimmitschau ist für Schweizer Verhältnisse schon recht groß, aber es da einfach nix los. Das hat mich ziemlich erschüttert. Aber es hat sich revidiert, denn es gab eben auch die andere Seite.

Die des zweiten Eindrucks.

Ja, ich hatte Kontakt zu dem Ehepaar, das die Villa seit DDR-Zeiten bewohnt und wieder hergerichtet hat, in der meine Mutter in ihren ersten Lebensjahren gelebt hat. Sie haben mir viel gezeigt. Und dann sind mir eben auch die Häuser aufgefallen, die sehr farbig gestaltet waren - im Kontrast zu den Lücken dazwischen. Das Ehepaar hat mich auf den Maler Klecks hingewiesen, der eigentlich aus dem Westen herkam und viele dieser Fassaden gestrichen hat oder diese Rechtecke oder grafischen Muster, diese Buntheit.

Eine Frage, die zu ihrem ersten Eindruck passt und sich auf Ihre Bilder bezieht: Wo sind die Menschen? Ihre Bilder leben ja, trotzdem keine Menschen darauf zu sehen sind.

Diese Frage bekomme ich immer gestellt und früher habe ich immer gedacht: Oh, sind das vielleicht traurige Bilder? Oder müssen da jetzt noch Menschen drauf sein? Und ich hab mir dann überlegt, ob ich auch wie andere Fotografen Porträts dazustellen soll. Aber das ist bei mir alles noch offen, in welche Richtung das geht. Für mich bestimmend ist, dass ich ein Gegenüber suche. Und ein Bild von einem Haus oder eine Situation auf der Straße könnte ich dann auch als Porträt bezeichnen. Das ist das, was mich reizt. Trotzdem keine Menschen auf den Bildern sind, etwas zu erzählen von den Bewohnern oder wie einfach die Situation entstanden ist. Man kann ja das eigene Haus herausputzen - und dann gibt es aber noch die Nachbarschaft oder die Umgebung. Bei solchen Momenten interessiert mich das Warum und Was.

Sie waren bei Ihrem ersten Aufenthalt zwei Wochen in Crimmitschau. Wie viele Bilder sind dabei entstanden?

Ich habe mich in einer Pension eingemietet für zwei Wochen und habe dann die Stadt erlaufen. Ich habe mir einen Stadtplan gekauft und habe mich mal von dem leiten lassen oder eben auch treiben lassen. Alles zu Fuß und mit dem Rucksack auf dem Rücken. Und da kommen am Tag mehrere Hundert Bilder zusammen. Wenn ich einmal dran bin, und das Wetter und das Licht stimmt, dann kann es sein, dass ich wie eine Arbeiterin fotografiere. Auf meine größte Speicherkarte passen etwa 1200 Bilder.

Stichwort Licht: Sie haben viele Bilder offenbar mittags bei sehr hartem Licht gemacht oder bei bewölktem Himmel. Spielt das bei Ihrer Arbeit eine Rolle?

Ja, natürlich, ohne Licht gibt es keine Bilder. Früher hätte ich nie bei sehr viel Sonnenschein fotografiert. Da habe ich immer nach so etwas wie einem Weichzeichner gesucht, oder einen Diffusor, also eher bei bewölktem Himmel. Aber inzwischen fotografiere ich auch gern, wenn es extreme Schlaglichter gibt. Starkes Licht kann mittlerweile für mich ein Anreiz sein, genau da zu beginnen. Aber in Crimmitschau habe ich auch gemerkt, dass vieles mit meiner Textilerseele zusammenhängt, und dass bei mir das Textile und die Fotografie oft eins sind - diese Farben, Oberflächen, Texturen. In Deutschland gibt es schon eine andere Farbigkeit als in der Schweiz - auch mal Unkraut an den Bahngleisen - und in Crimmitschau bin ich da voll auf meinen Geschmack gekommen.

Haben Sie auch andere Städte so - wenn ich das mal so nennen darf - erreist oder erlaufen?

Seit über 20 Jahren mache ich das in Zürich, das habe ich mir so langsam erarbeitet. Hier trete ich aus der Haustür und versuche den Alltag und die Architektur zu fotografieren. Also ähnlich wie in Crimmitschau. Oder ich war einmal bei einem Freund in Macau zu Besuch. Das war auch so eine Zeit, drei Wochen, die ich mir genommen habe, zu fotografieren und eine eigene Arbeit entwickeln. Es ist aber eine ähnliche Haltung.

Warum haben Sie ihre Bilder auf Instagram veröffentlicht?

Ich fange mal anders herum an. Wenn ich Bilder auf meine Webseite stelle, frage ich mich immer: Ist das gut genug? Ist das schon eine Serie? Und dann bearbeite ich die und lade die hoch. Und da kam mir Instagram sehr entgegen, weil es für mich wie ein mobiles Archiv ist. Also dass ich sehr leicht für mich selbst Bilder hochladen und mit Schlagworten verbinden kann und schauen kann, was passiert. Das heißt, es ist so eine Zwischenform. Neben dem, dass man mit anderen Leuten, die ähnlich fotografieren, in Kontakt tritt. Früher haben wir Fotografen uns im Labor getroffen, dann plötzlich wurde alles digital und jeder sitzt vor dem Rechner. Jetzt konnte ich auch wieder ganz gute Kontakte zu Fotografen knüpfen, die ich überhaupt nicht kannte oder dass man Verbindungen merkt. So wie Sie, Sie sind ja auch so auf die Bilder aufmerksam geworden. Es ging aber nicht darum, soundso viele Likes zu bekommen.

Mit welcher Ausrüstung sind Sie unterwegs?

Es ist eine digitale Spiegelreflexkamera, die vergleichsweise schwer ist, aber ein normales 50-Millimeter-Objektiv. Wenn ich einen größeren Ausschnitt von der Situation haben möchte, muss ich mich dann eben bewegen, und trete ein paar Schritte zurück. Und wenn ich schaue, sehe ich auch ohne Kamera vor dem Auge schon die Bildausschnitte. Es ist ein liebevoller Blick.

Als "Google Street View" geplant war, gab es einen Aufschrei, als der Konzern die deutschen Straßen in 3D kartieren wollte und gefühlt 80 Prozent der Menschen ihre Häuser verpixeln ließen. Und dann kommen Sie mit einer Kamera und machen einfach so Bilder ...

Ich bin schon aufgefallen. Und ich wurde auch oft angesprochen, was ich denn da mache. Die Leute hatten offenbar Angst, dass ich von irgendwoher komme und die Häuser aufkaufen möchte. Ich habe ein paar unschöne Szenen erlebt, in denen ich gemerkt habe, was den Menschen alles widerfahren ist. Von wegen die Handwerker kommen und wollen teure Reparaturen machen. Ich habe da wirklich gemerkt, dass es nicht einfach so locker ist.

Sie haben die großen Widerstände erwähnt, bevor Sie nach Crimmitschau gereist sind. Jetzt waren Sie zweimal dort. Ist die Stadt jetzt ein Ort, den Sie zu Ihrem Ort gemacht haben?

Ja, auf jeden Fall. Die Widerstände hatten viel mit meiner Familiengeschichte und meiner eigenen textilen Vergangenheit zu tun. Darüber haben wir in unserer großen Familie schon öfter gesprochen und da habe ich immer gemerkt, dass da viel Schmerzhaftes dabei ist, was eben nicht angesprochen wird. Und ich wollte mit meiner Erkundung auch endlich Fragen beantwortet haben, die ich eigentlich schon als kleines Kind hatte.

In Crimmitschau startet just heute die textile Schau zur Landesausstellung ...

... ja, ich war auch in der Tuchfabrik und habe einige Informationen gesammelt, vieles ist wohl an Unterlagen nach Chemnitz gegangen. Vielleicht ist das noch ein lohnenswertes Projekt, die familiäre Geschichte von der wirtschaftlichen Seite zu beleuchten. Ich möchte auch meine Mutter noch einmal dazu bringen, nach Crimmitschau zu kommen. Ich bin gespannt, ob das klappt. (kru)


Susanne Stauss wurde 1965 in Stuttgart geboren, seit 1971 lebt sie als Deutsche in der Schweiz. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Textilgestalterin an der Schule für Gestaltung in Zürich und war danach in Stickereien in Deutschland und der Schweiz tätig.

Sie studierte Fotografie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich und war dabei auch in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst zu Gast. Seit dem Abschluss 1996 ist Stauss als freie Fotografin in Zürich tätig. Seit 2010 ist sie Dozentin für Fotografie an der Neuen Schule für Gestaltung in Langenthal. (kru)

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