1775 wurde Schloss zu Strafanstalt

Neun Jahrhunderte, erzählt in einem Jahr - Teil 71: Die Vereinigten Gefangenenanstalten (1)

Zwickau.

Die Strafrechtsreform in Sachsen (1770) beendete die Folter, den Staupenschlag (Schlagen des Verurteilten am Pranger) und die Landesverweisung als Strafe und führte die Zuchthausstrafe ein. Deshalb wurde der Oberkonsistorial-Präsident Freiherr Peter von Hohenthal beauftragt, nach Torgau und Waldheim auch in Zwickau eine Strafanstalt, ein Zucht- und Arbeitshaus, einzurichten. Auch mithilfe von Lotterien wurden die 7346 Taler für die Umgestaltung des Schlosses beschafft. Am 15. September 1775 konnte die Strafanstalt im kurfürstlichen Schloss Osterstein mit 14 Häftlingen eröffnet werden. Als erster "Hausverwalter" (ab 1833 Direktor) fungierte Johann Gottlob Kölz, der bisher dem Zuchthaus Luckau vorgestanden hatte.

Die Anstaltsordnung sah graue Tuchhosen und -jacken als Bekleidung vor. Die Kost bestand meist aus Gemüsesuppe. Achtmal im Jahr gab es Fleisch und Bier. Nach dem Wecken um 5 Uhr, Gebet und Frühstück, musste von 6 bis 11.45 Uhr gearbeitet werden (in Haus und Garten, sowie Wolle klopfen und kämmen); nach dem Mittagessen nochmals von 13 bis 20 Uhr. Der Sonntag war nach der Inspektion durch den Direktor der Freizeit vorbehalten. Die zum zweiten Mal hier Einsitzenden erhielten als "Willkommen" 45 Rutenhiebe auf den nackten Rücken. Neben Stockschlägen waren für die Sträflinge auch Hungerstrafen vorgesehen. Eine andere Maßregelung stellte das Laufen in einer Tretmühle vor. Ein englischer Ingenieur erfand diese Tretmühle, die etwa zwischen 1825 und 1837 als Strafe auch von den Insassen des Zwickauer Zuchthauses betrieben werden musste. Im Käfig laufend (Pause zehnminütig), trieben sie die Mahl-, Walk- und Schneidemühle und ein Pumpwerk an.

Im Lauf der Zeit wurde das Anstaltsgelände durch einen Garten an der Biergasse (1787) und einen Stadtgrabenabschnitt erweitert. Zwischen 1804 und 1812 wurde der westliche Verbindungsflügel errichtet, in dem etwa 100 Gefangene unterkamen. 1817 wurde die Gärtnerei durch den Bleyschen Garten erweitert. Drei Jahre später konnte am Eingang der Anstalt eine katholische Kapelle eingeweiht werden. Sie wich 1887 der heute noch dort stehenden katholischen Kirche. In den 1822 und 1824 errichteten Gebäuden außerhalb der Anstalt wohnten der Hausprediger, der Anstaltsarzt und der Werkführer.

1829 wurde im Schloss für 400 Korrektionäre eine Landes-Arbeitsanstalt untergebracht. Die Zuchthäusler wurden in das Zuchthaus Waldheim gebracht. 1830 wurden die verzierten, baufälligen Schlossgiebel durch schmucklose ersetzt. Zwei Jahre später errichtete man den Ostflügel des Schlosses (mit Mangelkammer, Kohlelager, später Waschhaus).

1836 wurde wieder ein Zuchthaus eröffnet. Die 200 Korrektionäre wurden nun im Zeughaus (heute Kornhaus) untergebracht. Der andere Teil des Schlosses Osterstein diente zur Vollstreckung von Strafen, bei denen die Zwangsarbeit auch als Mittel der Bestrafung galt. Da der Bet-Raum zu klein war, wurde vom vor dem Nordgebäude eine Kirche errichtet, in der 600 Personen evangelisch-lutherischen Glaubens Platz fanden. Am Dr.-Friedrichs-Ring 73 wurde 1853 eine kleine Kaserne erbaut. Das militärische Wachkommando wurde am 25. Februar 1894 durch Wachbeamte ersetzt.

Im Jahre 1850 trat in der Strafanstalt ein Mann den Dienst an, der sich große Verdienst auf dem Gebiet des Gefängniswesens erwarb: Oberleutnant Eugéne d'Alinge (1819-1886). Er wollte die Sträflinge auf dem Weg der Individualisierung bessern. Er beseitigte die Massenunterkünfte, wollte die Häftlinge fortbilden und durch Vergünstigungen und Hafterleichterungen auf deren Persönlichkeit einwirken. Seine Tätigkeit beendete er hochgeachtet als Geheimer Regierungsrat.

1863 wurde der Ostflügel des in Kreuzform geplanten dreietagigen Zellenhauses errichtet. Ein Jahr später folgten der Süd- und der Nord- flügel. Der Westflügel sollte erst 1882 erbaut werden. Ein Glasdach und große Fenster in den Stirnseiten ließen viel Licht in die Korridore. In diesem Gebäude konnten in 208 Einzel- und fünf Doppelzellen 222 (höchstens 364) Strafgefangene untergebracht werden.


Bekannte Persönlichkeiten saßen im Schloss Osterstein ein

Karl May: 14. Juni 1865 bis 2. November 1868, Diebstahl, Hochstapelei, Betrug, Schriftsteller

August Bebel: 2. Juli 1874 bis 1. April 1875 (Majestätsbeleidigung); 18. November 1886 bis 17. August 1887 wegen Zugehörigkeit zu einer verbotenen Organisation, SPD-Mitglied

Johann Most: März 1873 bis 6. Oktober 1873 wegen Majestätsbeleidigung und Widerstands gegen die Staatsgewalt, SPD-Mitglied, später Anarchist

Ritter Georg auf Veltheim von Vollmar: 17. Juli 1878 bis 25. April 1879 wegen Majestätsbeleidigung, SPD-Mitglied

Dr. Georg Gradnauer: 14. Mai 1895 bis 15. Oktober 1895 wegen Beleidigung, SPD-Mitglied, 1919 Ministerpräsident von Sachsen

Hermann Axen: 1935 bis 1938 wegen Vorbereitung zum Hochverrat, KPD-Mitglied, später Politbüromitglied der SED

Den politischen Gefangenen wurden bis 1933 zahlreiche Vergünstigungen zugestanden. So wurde ihnen zum Beispiel die Nutzung eigener Kleidung erlaubt, längere Lichtbenutzung zugestanden. Selbstbeschäftigung und Selbstbeköstigung waren möglich, mehr Spaziergänge und Zeitungslektüre erlaubt.

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