18-Jährige packt das Glück beim Schopf

Eigentlich wollte die junge Glauchauerin Leonie Hoh nur eine neue Frisur. Stattdessen hat sie sich von all ihren Haaren getrennt - für krebskranke Kinder.

Glauchau/Zwickau.

Und dann waren sie einfach ab. All die Haare, die Leonie Hoh (18) zwei Jahre lang auf mehr als 50 Zentimeter wachsen ließ, zusammengerafft zu einer Handvoll Zöpfen, die jetzt mit der Post unterwegs nach Österreich sind, um dort zu einer Perücke für krebskranke Kinder zusammengesetzt zu werden. Ein Friseurbesuch, der tieferen Sinn ergibt.

Die junge Glauchauerin hat sich die Haare im Zwickauer Salon "Haarschwung" am Comeniusweg schneiden lassen, einem von nur vier Friseurstudios in Sachsen, die mit dem Verein Haarspender zusammenarbeiten. Die Haarspender aus Österreich fertigen aus den eingehenden Spenden anschließend Perücken für Kinder, die aufgrund einer Erkrankung oder Chemo-Therapie auf Ersatzhaare angewiesen sind. Normalerweise kosten Echthaar-Perücken mehrere Tausend Euro, bei den spendenfinanzierten Österreichern aber werden sie eigenen Angaben zufolge kostenlos an betroffene Kinder ausgegeben.

Leonie Hoh gefällt ihre neue Drei-Millimeter-Frisur. "Eigentlich war ich immer ein Langhaar-Mädchen", sagt sie. Auf einem Konzert hat sie dann aber eine Sängerin und eine Besucherin mit kurzer Stoppelfrisur gesehen und kam ins Überlegen. Ganz schick sei das ja, mal etwas anderes. Außerdem ging gerade die Schulzeit zu Ende und ihr Studium in Mittweida steht vor der Tür. Mit dem Lebensabschnitt sollte auch die Frisur wechseln. Leonie stieß im Internet auf die Initiative und war Feuer und Flamme. Nach einem Telefonat mit dem Vereinsgründer fährt sie am Dienstag zum Partnerstudio nach Zwickau. Es ging ganz schnell. Sind ihr keine Zweifel gekommen, als sie im Sessel saß? "Überhaupt nicht", sagt sie. "Zweifel hatte ich vorher, aber als es so weit war, habe ich mich nur noch drauf gefreut." Sie hatte sich vorher Gedanken gemacht, wie sie ohne Haare aussehen werde, "aber genau kann man sich das gar nicht vorstellen". Sie ist glücklich mit der neuen Frisur. Der Haarschnitt war kostenlos.

Ihr Vater Steffen Kühn (49) ist stolz auf seine Tochter. "Die Idee mit den Kinderperücken ist super, und ich finde gut, dass sie das durchgezogen hat." Wenn eine junge Frau mit so kurz geschorenem Kopf herumläuft, würden die meisten Menschen denken, sie sei krank. Das sensibilisiere einige, hofft er. Die beiden wollen andere ermuntern, ebenfalls ihre Haare einem guten Zweck zur Verfügung zu stellen. Das sei besser, als die abgeschnittene Mähne einfach wegzuschmeißen.

Welches Kind einmal die Perücke mit ihren Haaren bekommt, erfährt Leonie nicht. Jede Perücke besteht aus Haaren verschiedener Personen, außerdem stellt der Verein nur die Vornamen der Kinder ins Netz. Gründer Holger Thomas Möller, früher selbst Friseur, erzählt am Telefon, dass er gerade in Graz einer Dreijährigen eine Perücke geschenkt hat. Seit zwei Jahren existiert sein Verein, gerade hat er Perücke Nummer 99 fertig gemacht. Leonies Spende könnte in Nummer 100 eingebaut werden. "Wir bekommen nicht wenige Spenden aus Sachsen", sagt Möller, der seine Eltern durch Krebs verloren hat. "Aus Zwickau kommen immer wieder Pakete an. Aus Sachsen haben wir bestimmt schon 50, 60 Haarspenden erhalten." Bis zu sieben Zöpfe braucht er für eine Kinderperücke. Leonie hat fünf geliefert. Für die kommende Woche hat sich in Zwickau schon der nächste Spender angesagt.

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