1962 endet Zeit als Strafanstalt

Neun Jahrhunderte, erzählt in einem Jahr - Teil 72: Die Vereinigten Gefangenenanstalten (2)

Zwickau.

1923 wurden Gefangenenanstalten gegründet, die nicht dem Innenministerium, sondern dem Justizministerium unterstanden. In Zwickau gab es die Vereinigten Gefangenenanstalten mit dem Schloss Osterstein (Anstalt I) für Männer und das Untersuchungsgefängnis am Landgericht (Anstalt II) mit zusammen 178 Beamten und Hilfskräften (1937).

Das dreigeschossige, T-förmige Untersuchungsgefängnis an der Schillerstraße wurde am 1. November 1899 eröffnet. Es besaß damals 158 Zellen und eine Grundfläche von 0,43 ha und ist mit dem Landgericht durch einen Übergang verbunden. In der Anstalt II waren Untersuchungsgefangene und Häftlinge beiderlei Geschlechts mit Strafen bis neun Monate inhaftiert. Bei Normalbelegung konnten 176 Männer und 33 Frauen (Summe 209), bei Höchstbelegung 302 Männer und 52 Frauen untergebracht werden. Die wohl bekannteste Insassin war Rosa Luxemburg, die vom 26. August bis 24.Oktober 1904 wegen Majestätsbeleidigung hier inhaftiert war. Am 7. Juni hatte sie auf einer Versammlung in Mülsen St. Micheln anlässlich der Reichstagswahlen den Kaiser kritisiert. Sie war von der 2. Strafkammer des Königlichen Landgerichts verurteilt, allerdings schon am 15. Oktober vom neuen sächsischen König, Friedrich August III., wieder begnadigt worden. 1933 gab es 250 Inhaftierte, zwei Jahre später sogar 297. Die NS-Justiz arbeitete auf vollen Touren. Die Gefangenen wurden mit Tütenkleben, Borsten sortieren, Flick- und Hausarbeiten beschäftigt. Vom 1. Juli 1945 bis 27.Mai 1949 nutzte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland die am 13.Februar 1942 in Untersuchungshaftanstalt Zwickau umbenannte Anstalt II. In der DDR schließlich zielte der Strafvollzug als Hilfsmittel für eine hohe öffentliche Ordnung und Sicherheit auf eine Erziehung der straffälligen Bürger zum Sozialismus.

Ab September 1932 war im Nordgebäude (Zeughaus) der Anstalt I der Freiwillige Arbeitsdienst untergebracht. Ab 4. März 1933 wurde wegen Überfüllung der Untersuchungshaftanstalt und des Polizeigefängnisses im Rathausanbau die Landesgefangenenanstalt I im Schloss Osterstein zu einem Konzentrationslager umfunktioniert, das dem Landeskriminalamt Dresden unterstand. Der Freiwillige Arbeitsdienst (240 Männer) musste bis zum 13. Juli 1933 auf Anordnung der sächsischen Justizverwaltung das Objekt wegen Überfüllung des Schutzhaftlagers verlassen und kam in der Fröbelschule unter. Die Anstalt I war nun bis August 1935 Landesgefangenenanstalt, bis Juni 1936 Landesstrafanstalt und ab September 1935 Zuchthaus. Die durchschnittliche Insassenzahl der Anstalt stieg von 366 (1933) über 767(1934) bis auf 1369 (1936). Diese Zahlen künden vom zunehmenden Terror des NS-Regimes und von Verurteilungen, die auf immer geringfügigeren Tatbeständen basierten. Die Verpflegungssätze fielen von 72,91 Reichspfennigen pro Gefangenem und Tag (1929) auf 42,95 Reichspfennige (1936).

Die Verordnung des Reichspräsidenten von Hindenburg zum "Schutze des deutschen Volkes" ermöglichte Inhaftierungen ohne Gerichtsbeschluss. Der Straßenterror der SA-Trupps wurde jetzt staatlich sanktioniert. Nach den Razzien der Polizei, der SA und der SS am 1. März 1933 wurden zuerst zahlreiche Landtagsabgeordnete, Stadtverordnete und Funktionäre der KPD, aber auch der SAP, anderer linker Parteien und des "Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold" inhaftiert und gefoltert. Das Reichsbanner wurde 1924 durch die SPD, das Zentrum, die DDP und die Gewerkschaften gegründet und ab 1930 gegen den SA-Terror zur paramilitärischen Abteilung umstrukturiert.

Schon bei der Ankunft im Schloss wurden die Verhafteten mit Ohrfeigen, Gewehrkolben- oder Gummiknüppelschlägen und Beleidigungen der SS-Leute "empfangen". Oft konnten die Bewohner der anliegenden Straßen wegen der Schreie der gefolterten Häftlinge im berüchtigten Nordgebäude (Korn- und Zeughaus) nachts nicht schlafen, denn in der Nacht erschienen die Schläger in den Zellen und verprügelten die Gefangenen. Die anderen Gefangenen waren seelischen Qualen ausgesetzt, wenn sie das Geräusch der Gummiknüppel und die Schreie der Gemarterten hörten.

Am 12. April 1933 waren im Konzentrationslager Zwickau 108 Häftlinge eingesperrt. Bis zum Sommer 1933 stieg die Zahl auf 275. Die SA als Bewachung wurde im April 1933 durch die SS, damals noch eine Unterabteilung der SA, abgelöst. Im Ergebnis war das für die Häftlinge egal - sie wurden genauso misshandelt. Zum "Einstand" der SS-Leute gab es für die Häftlinge eine wahre Prügelorgie. In der Nacht vom 10. zum 11.Mai 1933 ermordeten SS-Leute der Bewachungsmannschaft nach Folterungen den KPD-Sekretär der Unterbezirksleitung Zwickau, Martin Hoop, im Zellenhaus des Gefängnisses Schloss Osterstein. Vor dem Mord war er unter anderem in der berüchtigten "0 oder 00-Zelle" (dunkles, kaltes und feuchtes fensterloses Verlies in den Abmessungen von zwei Metern Länge und einem Meter Breite) schwer verprügelt worden.

Die Lagerakte über die Zu- und Abgänge, die noch überliefert ist, wurde ab 19. Mai 1933 geführt. An diesem Tag saßen bereits 105 Häftlinge im KZ Schloss Osterstein ein. Bis zum 20. Dezember 1933, kurz vor Schließung des KZ, mussten weitere 778 Personen die schreckliche Zeit im KZ erleben. Zählt man die unbekannte Zahl der vor dem 19.Mai entlassenen und die nach Sachsenburg und Colditz überführten hinzu, dann kommt man auf eine mögliche Gesamtzahl von bis zu 1200 Häftlingen. Am 23. Oktober 1933 wurde das Konzentrationslager Schloss Osterstein per 23. Dezember aufgelöst.

1935 ereignete sich der seltene Fall, dass ein Gefangener aus dem Zuchthaus Schloss Osterstein entweichen konnte. Der am 27.März verhaftete Kommunist Herbert Dietzsch entschloss sich wegen der Beweislage für die Verurteilung zum "Hochverrat", die zu einer längeren Haftstrafe geführt hätte, zu einer abenteuerlichen Flucht, die am 17. Juni 1935 auch gelang. Mit einer eingeschmuggelten Eisensäge sägte er das Fenstergitter durch und kletterte die sieben Meter aus der ersten Etage herab, seinen befestigten Strumpf und zwei Fahnenmastringe nutzend. Dietzsch kletterte über die Mauer an der Katharinenstraße und entwich mithilfe von KPD-Genossen in die Tschechoslowakei.

Im Februar 1935 nahm man den ersten Spatenstich für den Bau der Südkampfbahn (heute Westsachsenstadion) an der Geinitzstraße vor. Nach einer Unterbrechung begannen am 24. August 1937 mit 220 Strafgefangenen aus dem Schloss Osterstein und mehreren Baufirmen die Arbeiten von Neuem, die sich bis 1942 hinzogen.

Am 17. April 1945 befreiten die amerikanischen Truppen die Gefangenen des Zuchthauses. Am 1. Juli 1945 marschierte die sowjetische Armee in Zwickau ein. Bis 27. Mai 1947 hatte die Sowjetische Militärverwaltung in Deutschland die beiden Gefangenenanstalten in Zwickau in ihrem Besitz und inhaftierte darin zahlreiche Deutsche, vor allem Nationalsozialisten.

Am 31. Dezember 1962 wurde nach 187 Jahren die Strafanstalt im Schloss Osterstein geschlossen. Auch in der DDR wurden zahlreiche Menschen inhaftiert, die nach heutigen Maßstäben keine Verbrechen begangen hatten. Die Gebäude und die Liegenschaften gingen in die Hände des Rates der Stadt Zwickau über. Fortan beherbergten sie unter anderem in einem Seitenbau am Dr.-Friedrichs-Ring eine Waschanstalt. Das ehemalige Niedere Magazin und das Zellenhaus dienten dem Steinkohlenbergbau als Betriebsarchiv und verschiedenen Zwickauer Betrieben als Magazinräume. Der Traum vieler Zwickauer, dass das Schloss Osterstein jetzt eine Stätte von Kultur und Forschung werden würde, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil, der historische Bau verfiel zusehends. Erst am 7. November 2008 konnte im neu aufgebauten Schloss Osterstein eine Seniorenresidenz eingeweiht werden.

In der ehemaligen Anstalt II befindet sich heute die Justizvollzugsanstalt (JVA) Zwickau. Der Strafvollzug ist seit 1990 menschenwürdig geworden. Das ist der wesentliche Unterschied zu früher.

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