AfD muss ohne Star auskommen

Wahlen 2019 Beatrix von Storch schaffte es am Montagabend nicht rechtzeitig zur AfD-Veranstaltung nach Glauchau.

Glauchau/Zwickau.

Die Moderatorin animiert das Publikum, ein wenig mehr zu applaudieren. "Klatschen Sie ruhig noch ein bisschen", sagt sie, "wir brauchen Zeit." Die 500Leute in der Glauchauer Sachsenlandhalle klatschen brav. Ein paar Sekunden vergehen. Thomas Seifert atmet durch, bevor die nächste Frage gestellt wird. Der AfD-Direktkandidat für den Wahlkreis 8 (Zwickau 4) muss den Abend alleine bestreiten. Ohne seinen Stargast.

Seifert ist Friseurmeister in Zwickau, ein Politikneuling. Eigentlich sollte neben ihm die AfD-Bundespolitikerin Beatrix von Storch auf der Bühne stehen. Ihretwegen sind viele Zuschauer extra gekommen. Doch von Storch steht im Stau auf der A 4. Seifert beantwortet die nächste Frage, der Saal applaudiert ausgelassen, und als der Applaus abebbt, werden wieder alle zum Klatschen aufgefordert. Zeit gewinnen. Die vorher eingereichten Fragen werden auch knapp.


Der Besuch von Storchs sollte eigentlich der Höhepunkt in Thomas Seiferts Wahlkampf sein. Seifert selbst hatte, wie bisher alle AfD-Direktkandidaten im Landkreis Zwickau, bei der von der Landeszentrale für politische Bildung und der "Freien Presse" organisierten Kandidatendiskussion gefehlt. Eine kurzfristige Erkrankung, schrieb er damals, als er sich für die Veranstaltung in Meerane entschuldigte. Am Montag ist es dann der schwere Autobahnunfall, der das Programm durcheinanderbringt. Die Veranstaltung beginnt eine halbe Stunde später als geplant, aber auch alle Verzögerungen helfen nicht. Von Storch kommt stundenlang nicht voran. Erst am Dienstag schafft sie es nach Zwickau, besucht Seifert in dessen Friseursalon und schlendert mit ihren Leibwächtern durch die Innenstadt.

In 100 Metern Entfernung zum Parkplatz der Sachsenlandhalle hat sich am Montag eine kleine Gruppe zum Protest versammelt. 50 Leute, darunter mehrere Punks sowie Glauchauer Lokalpolitiker. Die aus Leipzig angekündigte Antifa-Gruppe besteht in Wahrheit nur aus einer Handvoll Personen. "Vielleicht tun sich viele schwer, Gesicht zu zeigen", mutmaßt der neue Glauchauer Grünen-Kreisrat Torsten Dahlberg. Die Punks skandieren: "AfD-Rassistenpack, wir haben euch zum Kotzen satt." Unmittelbar vor der Halle steht wie versteinert ein einzelner Mann mit einem selbstgemalten Schild, auf dem steht: "EkelhAfD". "Das ist mein stiller Protest gegen diese zutiefst rassistische Partei", sagt der Zwickauer. Mehrere Personen sprechen ihn an, schimpfen teils mit ihm, aber alles bleibt gewaltfrei. Ein Mannschaftsbus der Polizei steht unmittelbar daneben. "Schlimm", sagt AfD-Kandidat Seifert über den Antifa-Protest draußen. "So werden Menschen in Schubladen gesteckt und Diskussionen unmöglich gemacht."

Die Stimmung unter den AfD-Anhängern ist blendend. Auf der Bühne antwortet Seifert zunächst auf vorher eingereichte, später auf spontane Publikumsfragen. Für jede Antwort erhält er Beifall. Seine persönliche Devise? "Es gibt Menschen, die Fische fangen, und solche, die nur das Wasser trüben." Er möchte gerne einer der ersteren sein. Was kann man tun, damit man die Enkel abends wieder sorglos draußen spielen lassen kann? "Schnellere Strafverfahren, damit wir zurück zur Ordnung und inneren Ruhe finden", sagt er. Wie steht er zur Asylpolitik? "Ich bin für großzügige Hilfe, aber durch Asylbetrug werden jährlich 50 Milliarden Euro verschwendet", antwortet er, ohne eine Quelle für diesen Betrag zu nennen. Riesenapplaus. Wie die AfD eigene Wahlversprechen finanzieren will? Die Hälfte aller Steuern werde zum Fenster hinausgeworfen, das sei bekannt. "Mit diesem Geld ließe sich viel finanzieren." Und Steuerverschwendung solle ein Straftatbestand werden. Wie steht er zum rechten Flügel um Björn Höcke? Der Bundesvorsitzende Jörg Meuthen sei ihm näher, sagt Seifert, aber: "Auch Herr Höcke hat mit vielen Dingen Recht, setzt sie aber rhetorisch ins Unrecht." Großer Applaus.

Nach 50 Minuten bedankt sich Seifert beim Publikum und sagt: "Wir brauchen es jetzt nicht unnötig in die Länge ziehen." Als die 500 Besucher zu ihren Autos gehen, sitzt Beatrix von Storch auf der A 4 immer noch in ihrem fest.

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