Als sich die Arbeiterklasse spaltete

Neun Jahrhunderte, erzählt in einem Jahr - Teil 64: Novemberrevolution.

Zwickau.

Heute vor 100 Jahren, am 9. November 1918, ist in Berlin die Republik ausgerufen worden. Kaiser Wilhelm II. dankte ab. Auch in Zwickau waren die Zeiten turbulent.

Schon im Herbst 1918 zeichnete es sich ab: Der Erste Weltkrieg war für die Mittelmächte verloren. Die Menschen hatten den Krieg mit den Toten, den Entbehrungen und der Not satt. Der Auslöser der Novemberrevolution war die Meuterei der deutschen Matrosen in Kiel, die sich dem Befehl der Obersten Seekriegsleitung widersetzten, gegen die Royal Navy eine Entscheidungsschlacht zu schlagen. Der Kieler Matrosenaufstand breitete sich dann über das ganze Deutsche Reich aus.

In Zwickau und in der näheren Umgebung kam es zu Protestaktionen. Anfang September 1918 streikten die Bergleute der Bürgerschächte für eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln. Die neu gegründete Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) verstärkte die Opposition, und die Namen der Kriegsgegner Wilhelm Stolle und Fritz Heckert waren bekannt. Am 8. November 1918 herrschte unter den Truppen der Zwickauer Garnison Unruhe. Im Kriegsgefangenenlager nördlich der Kaserne kam es zur Verbrüderung zwischen deutschen Wachmännern und ausländischen Kriegsgefangenen. Als in der Nacht Abgesandte des Leipziger Soldatenrates in Zwickau eintrafen, ließen sie gegen 2 Uhr die Wachen in der Kaserne und in den Massenquartieren (zum Beispiel Konzert- und Ballsaal "Neue Welt", "Goldener Becher") ohne Gegenwehr entwaffnen, darunter auch 25 Offiziere. Der Kommandeur, Generalleutnant Richard von Kaden, kam in Arrest.

Am 9. November in der Nacht übernahm ein provisorischer Vollzugsausschuss die öffentliche Gewalt. Er besetzte die Dienststellen der Stadt, richtete einen Ordnungsdienst ein und befreite Soldaten. Sie saßen wegen Fahnenflucht und Widerstands gegen die Obrigkeit ein. Das "Sächsische Volksblatt" der SPD titelte am 9. November: "Zwickau in den Händen des Soldatenrats". Um 12 Uhr fand auf dem Hindenburgplatz eine Volksversammlung statt, auf der ein Arbeiter- und Soldatenrat gewählt wurde. Der Arbeiter- und Soldatenrat übernahm im Bezirk Zwickau im Namen der Republik die Gewalt und kümmerte sich um Sicherheit, Militärwesen, Wirtschaft, Ernährungsfürsorge, Volksbildung, Verwaltung und Demobilisierung. Ihm unterstellten sich, "dem Druck der Verhältnisse und der Gewalt folgend", Oberbürgermeister Karl Keil, das Personal der Stadtverwaltung und die Polizei.

Am 10. November 1918 wehte ab dem Mittag eine rote Fahne auf dem Rathaus. Die Zeitung "Zwickauer Tageblatt und Anzeiger" vermeldete, dass USPD-Mitglieder aus Berlin und ein Matrose aus Kiel in der Stadt weilen würden. Am 11. November wurden die Waffenstillstandsvereinbarungen im Wald von Compiègne unterzeichnet. Das 9. Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 133 unter dem Kommando von Major Wolf kehrte von Senzeille (Belgien), größtenteils marschierend, nach Zwickau zurück. Glockengeläut kündete von der Ankunft in Zwickau. Alle Regimenter wurden bis zum zweiten Halbjahr 1919 demobilisiert. Das 9. Infanterie-Regiment Nr. 133 hatte bei seiner Heimkehr aus dem Weltkrieg am 23. und 24. November 3493 Tote zu beklagen, darüber hinaus 3198 aus dem Reserve-Regiment, 1812 aus dem Landwehr-Regiment und 2371 aus dem Infanterie-Regiment Nr. 243 (zusammen 10.874 Tote, davon 1654 aus Zwickau).

Ab dem 2. Dezember 1918 galt für die städtische Arbeiterschaft der Acht-Stunden-Arbeitstag. Bald folgten die Bergleute, die zusammen mit den Arbeitern der Automobilwerke die Revolution mit Streiks unterstützt hatten. Sofort wurde auch die Versammlungs- und Pressefreiheit durchgesetzt. Am 18. November trat der Bürgerrat in der Gaststätte Penzler am Moritzgrabenweg 8 (Dr.-Friedrichs-Ring 20) zusammen, um eine Bürgerwehr gegen revolutionäre Ausschreitungen zu gründen. Nach der Revolution versuchten die bürgerlichen und monarchistischen Kräfte, die Situation zu ihren Gunsten zu verändern. In den ländlichen Gemeinden wurden Bauernräte, Orts- und Ernährungsausschüsse gegründet, in denen meist Gutsbesitzer die Mehrheit bildeten.

Am 7. Januar 1919 wurde das Verhältnis zwischen SPD einerseits und USPD und Spartakisten andererseits noch schlechter. Da das "Sächsische Volksblatt" die SPD unterstützte, besetzten USPD-Mitglieder, Spartakusbundmitglieder und Soldaten die Druckerei in der Bosestraße 16. Am 9. Januar entwaffneten regierungstreue Truppen die revolutionären Soldaten und enthoben den Arbeiter- und Soldatenrat seiner Funktion. Beim Straßenkampf gab es drei Tote und elf Verwundete.

Die USPD-Mitglieder und die Mitglieder der Ende November 1918 gegründeten Ortsgruppe des Spartakusbundes strebten jetzt eine Vereinigung an. Am 16. Januar 1919 schlossen sich in der Gaststätte "Germania" (heute Gebäude der IHK) beide Gruppen zur Zwickauer Ortsgruppe der KPD zusammen. Jetzt war die Spaltung der Arbeiterklasse perfekt. Von nun an bekämpften sich die beiden Arbeiterparteien SPD und KPD - zum späteren Vorteil der Nationalsozialisten. Erstere strebte eine bürgerlich-demokratische Republik, letztere im Bündnis mit den Bolschewiki eine sozialistische Diktatur des Proletariats an.

Die Auflösung des Soldatenrates erfolgte am 1. April 1919, die des Arbeiterrates im Juni 1920. Am 11. August 1919, mit Verabschiedung der Weimarer Verfassung, fand die Novemberrevolution ihr Ende.

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