Als Stadtführerin auf der Suche nach dem "Wow-Effekt"

Ehrensache! Seit mehr als 25 Jahren ist Hobbyhistorikerin Angelika Grau mit Besuchergruppen in Glauchau unterwegs. Die 69-Jährige denkt noch lange nicht ans Aufhören, zumal sie immer wieder neue Ideen entwickelt.

Glauchau.

Eine große Portion Enthusiasmus gehört schon dazu, wenn Angelika Grau individuelle Führungen auf nicht alltäglichen Wegen durch ihre Heimatstadt Glauchau organisiert. Dafür ist sie bekannt. Begonnen hatte alles im Sommer 1992, als die damals selbstständige Dozentin für Buch- und Kostenrechnung unter anderem für die Volkshochschule (VHS) tätig war. "Der VHS gingen so langsam die Ideen für neue Kurse aus. Man fragte mich, ob ich nicht einen Einfall hätte. Zu der Zeit war ich der Ortsgruppe ,Chronik' beigetreten und schlug vor, in einem Kurs auf die Stadtgeschichte Glauchaus einzugehen." Wenig später stand sie vor einer Gruppe mit 80 Senioren und hielt einen Vortrag über die Historie Glauchaus. Später entstand dann die Idee, Stadtführungen anzubieten.

Mit der Zeit ist die Recherche- arbeit aufwendiger geworden, sagt Grau. "Ich möchte meinen Teilnehmern immer wieder neue Fakten bieten." Dabei helfen ihr Einwohnerbücher, Chroniken, Stadt- und Kreisarchive, Museen und Zeit- zeugen. Danach arbeitet sie aus der Fülle der Recherche ein Konzept aus. "Ich frage mich vor jeder Führung - Was interessiert meine Teilnehmer. Welcher Fakt könnte einen Wow-Effekt bringen", so die gebürtige Gesauerin.

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Thorsten Dahlberg, langjähriger Leiter des Glauchauer Kulturamtes und später des Museums im Schloss Hinterglauchau, hat mit Angelika Grau schon öfter zusammengearbeitet - bei Stadtführungen, bei Nachtwächterführungen oder zum Thema Georgius Agricola. Dahlberg lobt die gute Zusammenarbeit. "Sie trifft bei ihren Führungen den Nerv des Publikums", sagt Dahlberg. Das liege aus seiner Sicht daran, weil sie sich akribisch auf die Rundgänge vorbereitet und gründlich recherchiert. "Eine Führung mit ihr ist Geschichtsunterricht", sagt Dahlberg.

Ein bisschen Aufregung ist schon immer dabei, wenn sie die Teilnehmer das erste Mal kennenlernt, erzählt die Rentnerin. "Manche sind etwas reservierter, mit anderen wiederum kann ich etwas lockerer umgehen." In Glauchau ist die Stadtführerin, die gern auch in ihren zwei Gärten werkelt, bereits bekannt wie ein bunter Hund. "Ich kam durch meine Arbeit als Dozentin und Stadtführerin mit einer Menge Leuten in Kontakt. Mein Sohn muss manchmal tief Luft holen, wenn wir durch die Stadt laufen und wieder einmal nicht vorankommen, weil ich in ein Gespräch verwickelt werde", erzählt Grau schmunzelnd.

Ideen holt sich Angelika Grau, indem sie während ihrer Reisen selbst an Führungen teilnimmt. "Da sieht man, wie andere das so machen. Nicht jedem gelingt es, das Interesse bei den Teilnehmern zu wecken." Das Credo der Stadtführerin ist es, individuell auf Gruppen einzugehen. Beispielsweise geht Grau bei Geburtstagskindern auf Lebenssta-tionen ein oder bei Klassentreffen auf die besuchten Schulen. "Ich hatte auch schon Führungen im Umland, wo die Beteiligten diese mit einer Kutschfahrt oder einer Fahrt in einem Oldtimerbus kombinierten."

Ans Aufhören denkt die Glauchauerin noch nicht. "Als Rent- ner hat man viel Zeit. Außerdem erhalte ich ständig Anfragen für Klassentreffen und Familienfeiern." (mit sto)16285


Für Rollifahrer geht's schon mal über eine Laderampe in historische Gebäude

Ein bis zwei Stunden dauern Graus Touren, die auch für Rollstuhlfahrer geeignet sind. Zudem hat sie Strecken für Kinder und Schulklassen parat. Der Zeitfaktor spielt bei der Vorbereitung eine wichtige Rolle. "Ich möchte ja schließlich keine Doktorarbeit schreiben", sagt die Glauchauerin.

Führungen für Kinder baut Angelika Grau kürzer und kleinteiliger auf. "Unter anderem habe ich eine Führung in den Ferien, die sich über drei Tage erstreckt. In den kurzen Rundgängen vermittle ich den Kindern, wie klein Glauchau damals war. Dazu laufen wir entlang der Stadtmauer."

Ein besonderes Erlebnis war die erste Führung mit einer Rollstuhlfahrergruppe. "Mein Plan war es damals, den Teilnehmern den Zutritt zum Postgebäude zu ermöglichen. Ich hatte vorher mit der Post telefoniert, ob wir über eine Laderampe in das restaurierte Gebäude gelangen könnten. Als wir dann im Innern waren, flossen Tränen. Wenn ich noch heute daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut", sagt Angelika Grau. In den darauffolgenden zehn Jahren organisierte sie für diese Gruppe immer wieder Stadtführungen. (stsu)

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