Auf dem Weg in die Katastrophe

Neun Jahrhunderte, erzählt in einem Jahr - Teil 66: Wie die Nazis an die Macht kamen (2)

Zwickau.

Am Nachmittag des 8.März 1933 wurde Polizeidirektor Georg Thoering, der zwei Stunden zuvor noch die Polizei-Parade in der Kaserne anlässlich der Fahnenhissung abgenommen hatte, seines Amtes enthoben. Statt eines vorhandenen ranghöheren Majors wurde der nationalsozialistisch eingestellte Polizeioberleutnant Helmut Dünnebier kommissarisch als Polizeipräsident eingesetzt. Außerdem hatte "der Standartenführer Rabe in allen Fällen das Oberkommando". Die später als fadenscheinig erkannte "Annahme, die Marxisten planten Sabotageakte oder den Generalstreik" veranlasste in den Nachmittagsstunden des 8. März in Zwickau die SA, unter Mithilfe der Polizei die Polizeigewalt durchzusetzen, die sie bis zum 13. März behielt.

Am Abend des 8. März erhielt schließlich Oberbürgermeister Richard Holz Besuch. Stadtverordnetenvorsteher Erich Kunz (1897-1939), sein Stellvertreter Georg Piskurek und der Stadtrat und NSDAP-Kreisleiter Ewald Dost teilten ihm mit, dass der seit 1909 in Diensten der Stadt stehende und seit 1924 als Bürgermeister fungierende Ernst Barth (Staatspartei), der 1919 in den Stadtrat gewählte Sozialdemokrat Otto Mylau und der Stadtbaudirektor Siegfried von Tiling durch den von Adolf Hitler eingesetzten Reichsbeauftragten für öffentliche Sicherheit und Ordnung in Sachsen, Baron Manfred von Killinger, "aufgefordert wurden, sich der Ausübung ihres Amtes zu enthalten". (Stadtrat Otto Mylau wurde übrigens später verhaftet und am 30. Juni 1933 in das KZ Schloss Osterstein eingeliefert). Auch die Stadtverordneten der KPD und der SPD traten daraufhin zurück. Mit dieser erzwungenen Niederlegung der Mandate durch KPD- und SPD-Stadtverordnete wurde der Wählerwille mit Füßen getreten.

Auf der Basis des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 wurden umgehend alle Beamten entlassen, die der SPD angehörten oder die einfach nur Anhänger der Weimarer Republik waren, und durch NSDAP-Anhänger ersetzt. In diesem Gesetz wurde übrigens erstmals auch der "Arierparagraph" angewendet (keine Juden als Beamte). Im Laufe des Sommerhalbjahres 1933 wurden systematisch sämtliche Personen im öffentlichen Dienst auf ihre politische Vergangenheit überprüft. Alle nach der Schnüffelei Verbliebenen mussten eine Erklärung unterschreiben, deren Wahrheitsgehalt nachprüfbar sein sollte. Anderenfalls drohte dem Betreffenden die fristlose Entlassung und die Einlieferung in ein KZ.

Dagegen winkte den NS-Anhängern eine steile berufliche Karriere. Deshalb brachte der Sieg der "nationalen Revolution" der NSDAP eine beträchtliche Erhöhung der Mitgliederzahlen. Die Neuen wurden von den "alten Kämpfern" (Eintritt in die Partei bis 1928) und den "alten Parteigenossen" (Eintritt bis 30. Januar 1933) spöttisch als "Märzgefallene" bezeichnet. Am 3. Mai 1933 wurde das Gesetz zur Änderung der Gemeindeordnung verabschiedet. Darin wurde die Listenwahl aufgehoben. Alle wichtigen Funktionen des Stadtrates und der Ausschüsse gingen mehrheitlich an NSDAP-Anhänger oder Deutschnationale. Die Machtfrage war auch in Zwickau entschieden.

Am 11. Juli 1933 veröffentlichten die Tageszeitungen ein Rundschreiben des Reichsinnenministers Wilhelm Frick an die Reichsstatthalter und Landesregierungen. Es wurde bekanntgegeben, dass "der Herr Reichskanzler eindeutig festgestellt hat, daß die deutsche Revolution abgeschlossen ist. Soweit neben der NSDAP noch politische Parteien bestanden, haben sie sich selbst aufgelöst. Eine Wiederkehr oder Neubildung ist für alle Zeiten ausgeschlossen. Die NSDAP ist damit der alleinige Träger des Staates geworden. Alle Macht des Staates liegt in den Händen der von dem Herrn Reichskanzler allein geführten Reichsregierung, in der alle wichtigen Ämter mit zuverlässigen Nationalsozialisten besetzt sind."

Im ersten Halbjahr 1935 lief die Welle der Verbote von Organisationen immer noch. Jetzt erschienen in den Bekanntmachungen diejenigen, die vorher geglaubt hatten, sie würden verschont bleiben: 23. FebruarAllgemeiner Schriftstellerverein, Bund der Runenforscher (Naturheilkundler und Heilpraktiker), 2. März Deutscher Bund für krisenlose Volkswirtschaft, 22. März Kriegswissenschaftliche Studiengesellschaft, 23. März Deutsche Jungenschaft, 4.Mai Verein Ehrenbund Sächsischer Weltkriegsteilnehmer, 13. Mai Weltbund der Friedenskämpfer, 22.Mai Bund freireligiöser Gemeinden Deutschlands.

In der Zwischenzeit hatte sich auch das Verhältnis der NSDAP zum NSDFB (Stahlhelm), ihrem anfänglichen Verbündeten, getrübt. Am 8.September 1934 hatte die Kreishauptmannschaft Zwickau an den Reichsinnenminister gemeldet: "Die Entwaffnung des NSDFB (Stahlhelm) wurde im Berichtsbezirke anstandslos durchgeführt. Sie löste aber unter den Angehörigen des Stahlhelms eine gewisse Erbitterung aus, weil man glaubt, daß die Regierung zum Stahlhelm kein Vertrauen hat, der doch immer hinter ihr gestanden hat." Das Dritte Reich hatte jeden Widerstand im Keime erstickt und trat den Marsch in die Katastrophe an.

(Dieser zweiteilige Beitrag stützte sich unter anderem auf Originalakten im Stadtarchiv Zwickau und im Staatsarchiv Chemnitz.)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...