Badespaß mit Tradition

Neun Jahrhunderte, erzählt in einem Jahr - Teil 62 (1): Baden in Flüssen und Teichen

Zwickau.

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts (und wahrscheinlich früher) nutzten die Menschen in der warmen Jahreszeit die kühlende Zwickauer Mulde auch zum Baden. Dafür gab es keine festgelegten Badeplätze; nur außerhalb der Sichtweite der Einwohner sollten sie liegen. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war das Baden in der Zwickauer Mulde oder im Mühlgraben zwar geduldet, aber von der Obrigkeit wegen der Unfälle und der "Schicklichkeit" nicht gern gesehen.

Dennoch trauten sich immer mehr Männer und vor allem Knaben ins Wasser, obwohl das Baden bei den Anwohnern wegen des großen Lärms der Beteiligten, der nicht erwünschten Übertretung der Flurgrenzen und des Anblicks der von den Kleidern (bis auf die Badehose) entblößten Menschen ein Ärgernis darstellte und als gefährlich, ungesund und sogar als sündhaft galt.

Für die Frauen war das Baden im Fluss wegen "Erregung öffentlichen Ärgers" grundsätzlich verpönt oder sogar verboten. Es fehlten nämlich Auskleideräume und gefährlich war es auch, da sich die Tiefe des Flusses ständig änderte. Die später ausgewiesenen Badeplätze waren auf gefährliche Strömungen und Untiefen untersucht worden und sollten Badeunfälle vermeiden. Gegen die freie Sicht auf die Badenden sollten Holzzäune oder aufgespannte Stofflaken schützen. Sieben Badeplätze für die Jugendlichen und Männer gab es 1835 in der Zwickauer Mulde und im Mühlgraben. Einer der Badeplätze für Männer blieb noch bis Mitte der 1870er-Jahre erhalten. Er wurde im Adressbuch beschrieben als "öffentlicher Badeplatz in der Mulde am Röhrensteg".

Am 8. Juli 1852 wurde die vom Maler Conrad Otto gegründete kleine Bade- und Schwimmanstalt am späteren Dr.-Friedrichs-Ring 111 in Betrieb genommen. Sie befand sich auf seinem Gartengrundstück. Der Monatspreis für das Baden betrug einen Taler. Die Bade- und Schwimmanstalt von Otto ging aber im folgenden Jahr schon wieder ein. Der Grund des Scheiterns waren die Beschwerden des Nachbarn bei der Königlichen Kreisdirektion, da Otto "sein Grundstück nicht mit Leinwand genügend und von allen Seiten eingefasst" habe. Otto verkaufte daraufhin sein Grundstück an Gotthilf Ferdinand Ebert, einen Nachbarn. Ebert ließ dann etwa 1853 ein Etablissement, die Gastwirtschaft "Zum Badegarten", errichten, die über einen großen Saal, ein Varieté-Theater, einen Musikpavillon, eine Veranda am Fluss, eine Gaststube, eine Billardstube und vier Gesellschaftszimmer verfügte. Etwa 1863/64 wurde Oswald Trobsch (danach sein Sohn Georg Trobsch) Eigentümer dieses Grundstücks. Trobsch bot bis Anfang der 1870erJahre neben Kaltbädern auch Warmbäder in einem kleinen Badehaus an.

Auch Privatleute priesen 1853 ihre kleinen Grundstücke am Schlossgrabenweg mit Zugang zum Fluss zum Baden an. Schon ein Jahr vorher (1852) hatte der Anstalts-Gärtner Johann Gottlieb Jeschke ins Zwickauer Wochenblatt eine Anzeige setzen lassen: "Das Flußbad auf dem Graben (Schlossgraben 209/552) kann von heute an besucht werden." Am 27. Juli inserierte Friederike Gansauge: "Daß ich ein neues gedieltes Fluß-Schwimmbad in der Mulde errichtet habe, zeige ich einem geehrten Publikum zur gefälligen Beachtung ergebenst an." Der Begriff "gedielt" deutet darauf hin, dass neben dem Steg noch ein Zugang zum Badehäuschen im Fluss vorhanden war.

Hinzu kamen als Bademöglichkeiten noch Wellenbäder in den Mühlen. Als Wellenbäder wurden die unterhalb der Wasserräder der Mühlen angebrachten Holzhäuschen oder Becken bezeichnet, da die Wasserräder Wellen erzeugten, in denen gebadet wurde. Ein zeitgenössischer Bericht beschreibt ein Wellenbad: "Unterhalb der mächtigen, grünbemoosten Wasserräder lag das sogenannte Wellenbad, ein Bretterhäuschen mit drei Abteilungen. Die erste Klasse lag dicht unterhalb der beiden großen Wasserräder. Wenn die Mühle im Gange war und das Wasser über die Räder strömte, sie bewegend, dann stürzte es in tosenden, schäumenden Wellen direkt ins Badehäuschen hinein.

Im kleinen Vorraum jeder Abteilung oder Klasse kleidete man sich aus und stieg dann hinein in die Wellen, die in der ersten Abteilung so mächtig waren, dass man Kinder kaum hineinlassen durfte. Ein Erwachsener musste sich schon kräftig festhalten an den Seitenstangen, um nicht umgeworfen zu werden. Kinder konnten eigentlich nur in die zweite oder dritte Klasse kommen. Das Bad kostete einen Silbergroschen, für Kinder die Hälfte." Im Jahre 1850 ist das Wellenbad in der Graupenmühle von Friedrich Leonhardt in der Zeitung erwähnt ("Daß meine Wellenbäder wieder im Gange sind, zeige ich einem geehrten Publikum ergebenst an."). Leonhardts Graupenmühle Nr. 39 existierte wahrscheinlich bis 1862/63. Im Jahre 1854 sind im Zwickauer Adressbuch außerdem die Treppenmühle (Nr. 34) und die Lerchenmühle (bis 1860) genannt. Johann Ferdinand Falke besaß um 1865/1879 am Silberhof 3 ebenfalls ein derartiges Wellenbad.

Es entzieht sich heute unserer genauen Kenntnis, welche Form des Badens (Badehäuschen, Schwimmbad mit Steg, beheiztes Warmbad) in den einzelnen Badeanstalten gepflegt wurde. Vielleicht gab es auch verschiedene Möglichkeiten wie zum Beispiel bei Friederike Gansauge, die neben dem gedielten Flussschwimmbad auch über Badehäuschen verfügte. Um dem Badewunsch aller, auch dem der verschämten Bürger, entgegen zu kommen, wurden direkt im fließenden Wasser hölzerne Badehäuschen aufgestellt, in denen "in gesitteter Art und Weise" gebadet werden konnte. Somit war eine Einsicht der Neugierigen nicht möglich und die "Schicklichkeit" gewahrt. Auch im Mühlgraben sollen einige wenige Badehäuschen gestanden haben wie "Ein Freund des reinen Wassers" im Jahre 1857 schrieb. Die Witwe Wilhelmine Schüffner annoncierte am 30. Mai 1850 im "Zwickauer Wochenblatt": "Daß ich meine Badehäuser in die Mulde eingesetzt, mache ich hiermit dem badenden Publikum bekannt, und kann von heute an gebadet werden."

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