Braucht Zwickau mehr Sozialwohnungen?

Die Gewerkschaft IG Bau fordert mehr günstigen Wohnraum. Aber ist das für die Muldestadt wirklich nötig?

Zwickau.

Während im Bund über Mietpreisbremsen und Wohnungsbauprojekte diskutiert wird, wissen viele Städte in der Region nicht, wohin mit ihren leer stehenden Wohnungen. Jetzt hat die Gewerkschaft IG Bau auch für den Landkreis Zwickau den Bau von mehr Sozialwohnungen gefordert. Sehr zum Unverständnis der Zwickauer Stadtverwaltung. Denn drängende Gründe für einen Strategiewechsel sieht man im Rathaus anhand der Prognosen nicht.

Nach Angaben der IG Bau hat sich der Wohnungsbau in der Region im vergangenen Jahr bemerkenswert negativ entwickelt. Demnach wurden im Jahr 2018 im kompletten Landkreis Zwickau mit seinen 318.000 Einwohnern lediglich 310 Wohnungen neu gebaut. 240 davon befinden sich der Gewerkschaft zufolge in Ein- und Zweifamilienhäusern. Das entspreche einem Rückgang von 47 Prozent im Vergleich zu 2017. Bauherrn hätten insgesamt 65 Millionen Euro investiert. Angesichts der überschaubaren Zahlen sieht der Bezirksvorsitzende Andreas Herrmann "Luft nach oben" und fordert: "Die Wohnungen müssen zum Portemonnaie und zur Lohntüte der Menschen passen. Es kommt darauf an, vor allem bezahlbare Wohnungen und Sozialwohnungen zu bauen." Herrmann fordert die Regierung auf, ihre Versprechen für mehr Wohnungsbau einzulösen. Die Branche sein ein wichtiger Motor der Binnenkonjunktur. "Auch im Kreis Zwickau", sagt er.


In der Stadt Zwickau geht man dagegen nicht davon aus, dass es großen Bedarf an zusätzlichen günstigen Wohnungen gibt, im Gegenteil. "Wir haben fast Vollbeschäftigung, wir haben bei Wohnungen eine Leerstandsquote von mehr als zehn Prozent, wir haben keinen Einwohnerzuwachs", rechnet Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) vor. Die Wohnungen müssten nicht mehr werden, sondern hochwertiger und für die jeweilige Lebenssituation passender.

Zwar weisen Erhebungen aus, dass die Mietpreise durchschnittlich auch in Zwickau in den vergangenen Jahren angestiegen sind. Der Median der Angebotsmieten (Preisvorstellungen der Vermieter) in Zwickau ist von 4,82 Euro pro Quadratmeter im Jahr 2013 auf 5,10 Euro im Jahr 2016 gestiegen. Das geht unter anderem auf den Abriss günstiger, aber leer stehender Wohnungen zurück, die nicht mehr nachgefragt waren. Sachsenweit lag der Median der Angebotsmieten 2016 bei 5,46 Euro pro Quadratmeter.

In der aktuellen Wohnbedarfsprognose der Stadt Zwickau, die Ende 2017 erstellt wurde, ergibt sich aus der voraussichtlichen Bevölkerungsentwicklung eine stärkere Nachfrage für Ein- und Zweifamilienhäuser. Bis zum Jahr 2030 werden demnach 160 Wohnungen in entsprechenden Gebäuden fehlen. Mit der Folge, dass ein Preisanstieg zu erwarten ist, auf den die Nachfragegruppen mit Abwanderung ins Umland reagieren könnten. Hier ist dem Bericht zufolge geboten, mehr Eigenheimstandorte zu schaffen.

Mehrfamilienhäuser dagegen haben in Zwickau keine guten Prognosen. Statistisch stehen zurzeit mehr als 6000 Wohnungen im Stadtgebiet leer. Unbekannt ist, wie viele davon sich überhaupt auf dem Markt befinden und wie viele dagegen in unbewohnbaren Abbruchhäusern liegen, die erst aufwendig saniert werden müssten. Abrisse dieser Wohnruinen seien dringend nötig, heißt es in der Analyse. Die Empfehlung lautet: "Jeder zusätzliche Neubau erfordert langfristig einen Rückbau an anderer Stelle." Bis 2030 müssten insgesamt 2400 weitere Wohnungen abgerissen werden.

Großer zukünftiger Bedarf an Sozialwohnungen in Zwickau lässt sich aus dem Papier nicht ableiten. OB Findeiß steht dem Vorhaben trotz möglicher Mittel vom Bund auch aus einem anderen Grund skeptisch gegenüber. Die Politik könne nicht alles Geld für Bauprogramme in den Städten ausgeben. "Wie soll denn da die Zukunft für den ländlichen Raum aussehen?"


Wo Wohnungen gefragt sind

Gute Perspektiven werden in der städtischen Wohnbedarfsprognose den Stadtteilen des Bezirks Mitte vorausgesagt. Dort steige der Bedarf an Wohnungen weiter an. In den Neubaugebieten wird weiterer Rückgang erwartet. Die höchsten Leerstandsquote gibt es in Marienthal-Ost (22 Prozent) und Pölbitz (18 Prozent). Die Studie empfiehlt vor allem altersgerechten Umbau von Wohnungen.

Am günstigsten wohnen Zwickauer demzufolge mit durchschnittlich 3,64 Euro je Quadratmeter in Neuplanitz. Am höchsten sind die Angebotsmieten mit 6 Euro in Weißenborn. (ael)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...