Cainsdorfer Gemeindeamt: So marode ist es wirklich

Bis das örtliche Turnerheim ausgebaut ist, müssen Ortschaftsrat und Vereine noch im alten Gemeindeamt aushalten. Gerd Drechsler führt durch die Räume.

Zwickau.

Sie geben sich die Klinke in die Hand: Die Senioren verlassen nach einem gut besuchten Arztvortrag ihre gemütlichen Räume, da steigen die frisch gewählten Ortschaftsräte durch das weiß geputzte Treppenhaus zu ihrer Sitzung. Auf den ersten Blick wirkt hier alles recht adrett, wenn auch mit dem Charme der 90er-Jahre versehen.

Doch Gerd Drechsler, der als Ortsvorsteher die Schlüsselgewalt über das Gemeindeamt bekommen hat, muss nicht lange suchen, um die Schwachstellen im Gemäuer zu finden. Auch wenn man das Offensichtliche - die abbröckelnde bräunliche Fassade - außer Acht lässt, ist das Haus alles andere als repräsentativ. Drechsler weist auf die Holzfenster, die ebenfalls hölzernen und seit Langem nicht mehr gestrichenen Fensterbretter. In den Räumen, in denen der Heimatverein seinen Sitz hat, ziehe es im Winter so sehr durch die Ritzen, dass drinnen Schnee liegt, sagt Drechsler. "Und dabei haben die Vereinsmitglieder dort viele Unterlagen, die sie über die Häuser in Cainsdorf gesammelt haben. Die sollen sich doch nicht eines Tages in Feuchtigkeit auflösen."

Oben der Schnee, unten ist es der Regen, der regelmäßig seine Spuren hinterlässt. Bei starken Niederschlägen stehe das Wasser in der ehemaligen Sparkasse. Ganz unten, im Keller, ist es noch heikler, dorthinein darf man nur mal einen kurzen Blick werfen.

Lange und hartnäckig hat Drechsler um den Ausbau des leer stehenden Turnerheims gekämpft. Es waren mehr als zwei Anläufe nötig, um von der Stadt das Geld zu bekommen. Geht es so gut voran wie es der Projektant zum Baustart am Montag versprochen hat, sind die Räume im kommenden Sommer bezugsfertig. Umziehen sollen Ortschaftsrat und Vereine aber erst dann, wenn die Cainsdorfer mit der Verwaltung ein Betreiberkonzept gefunden haben. Drechslers Forderungen: Betreiber wird der Ortschaftsrat. "Das ist aber mit finanziellen Rahmenbedingungen verbunden." Er meint damit eine Personalstelle, die im Haushalt der Stadt verankert ist.

Ganz so ausgeprägt wie bei Gerd Drechsler ist die Vorfreude auf das neue Domizil bei Doris Löscher nicht. Die zweite Vorsitzende des Heimatvereins blickt in den Raum, den sie mit den rund 40 Vereinsmitgliedern gestaltet hat. Stühle stehen ordentlich an Tischen mit Tischdecken, in der Küchenecke macht schon die Tapete Appetit auf Kaffee. Was wird aus unseren Sachen, fragt sie. Denn Tische, Herd und auch die Bücher in den Regalen - all das haben die Senioren selbst zusammengetragen. "Wir gehen ein bisschen mit Freude, aber auch mit Wehmut", sagt sie. Denn wenn Drechsler sagt, dass in dem alten Gemeindeamt seit drei Jahrzehnten kaum mehr etwas getan wurde, stimmt das nur zum Teil. Offiziell gab es keine Investitionen. Aber die Cainsdorfer haben mit angepackt. Auch das weiß geputzte Treppenhaus ist Ergebnis der Eigeninitiative. Damit sieht es ein bisschen vorzeigbarer aus. Vielleicht nutzt das der Stadt etwas - die möchte die ehemalige Schule, Sparkasse und Post nämlich lieber verkaufen als abreißen.

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