Das ewig junge Elektromobil

Am 6. Mai 1894 brachte die Elektrische die ersten Fahrgäste vom Hauptmarkt zum Bahnhof. Seitdem ist das öffentliche Verkehrsnetz immer wieder gewachsen und manches Mal geschrumpft. An diesem Wochenende feiern die Städtischen Verkehrsbetriebe Zwickau in ihrem Betriebshof die Beständigkeit - aber auch die beständige Veränderung.

Zwickau.

Früher, da war die Straßenbahn ein bloßerGebrauchsgegegenstand: Menschen saßen dort, tropfnass vom Regen oder schmutzig vom Straßenstaub. Stiefel scharrten über die Dielen. Heute, mehr als 100Jahre später, tragen die Fahrer zur schwarzen Uniform weiße Handschuhe, um das auf Glanz polierte Messing und das liebevoll gepflegte Holz des altehrwürdigen Fahrzeugs zu schonen.

Die alten Uniformen sind ganz neu - und sie sind ein Geschenk des Vereins "Freunde des Nahverkehrs" an sich selbst. Oder besser: an die acht Männer, die die historischen Straßenbahnen heute noch fahren. Nicht nur an diesem Wochenende, wenn Zwickau das Jubiläum "125 Jahre Straßenbahn" feiert, sondern mehr als hundertmal pro Jahr, wenn Geburtstags- und andere Gesellschaften eine Sonderfahrt mit der Elektrischen durch die Stadt buchen. Dann schlüpfen die Freunde des Nahverkehrs in ihre den alten Zeiten nachempfundenen Uniformen und holen eine von zwei historischen Bahnen aus dem Depot: einen Triebwagen aus dem Jahr 1912 aus der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (heute MAN) oder einen Gotha-Wagen von 1960, der bis 1995 noch im Linienbetrieb im Einsatz war.


Martin Kubala ist mit seinen 31Jahren gerade ein knappes Viertel so alt wie die Straßenbahn in Zwickau. Dennoch steuert der junge Mann diese historischen Bahnen versiert durch die Muldestadt. Er hat sein Herz an die Elektrische verloren - an die alten Wagen mit ihrem Charme, aber auch an die modernen, die Tag für Tag tausende Menschen an ihr Ziel bringen. "Ich bin als Kind schon gern mit der Straßenbahn gefahren", sagt er. "Da mussten Oma und Opa immer herhalten." Weil die alte Liebe nie erlosch, lernte Martin Kubala nach seiner Berufsausbildung noch einmal um, ist jetzt Fachkraft im Fahrbetrieb und hat dabei die Städtischen Verkehrsbetriebe Zwickau (SVZ) in so ziemlich jeder Abteilung kennengelernt. Er ist in Bussen wie in Straßenbahnen gleichermaßen sicher unterwegs und weiß über die Abläufe im Zwickauer Nahverkehr Bescheid. Die Rolle des Straßenbahnfahrers legt der 31-Jährige auch in seiner Freizeit nicht vollständig ab. Für die Freunde des Nahverkehrs besteigt er regelmäßig einen der historischen Triebwagen, um Menschen darin durch die Stadt zu kutschieren. Diese Sonderfahrten erleben Kubala und seine Gäste völlig anders als eine normale Fahrt im Alltag. "Man wird ganz anders wertgeschätzt. Die Menschen machen viele Fotos, erzählen Geschichten von früher - und sie sehen die Stadt mit ganz anderen Augen."

Übrigens: Um einen der historischen Wagen fahren zu dürfen, muss man mindestens einmal im Vierteljahr mit einer modernen Straßenbahn im Zwickauer Linienbetrieb Dienst schieben. Straßenbahnen steuern kann bei den Freunden des Nahverkehrs also nicht jeder. Trotzdem ist jeder im Verein willkommen. Peter Pauker beispielsweise arbeitet im Krankenhaus in Greiz. Für ihn ist die Straßenbahn reines Hobby. Auch wenn er sagt, seine Liebesgeschichte zu den Stahlkolossen habe ganz ähnlich begonnen - in der Kindheit und in großelterlicher Begleitung. Heute steckt der 33-Jährige seine Nase mit Vorliebe in die Geschichte des öffentlichen Nahverkehrs in Zwickau. Er erklärt, wie alles begann: "Der Grund dafür, dass wir eine Straßenbahn haben, ist der Bahnhof. Der lag recht weit außerhalb und war nicht gut zu erreichen." Für eine damals übliche Pferdebahn war die Bahnhofstraße allerdings zu steil - um die Tiere zu schonen, verzichtete die Stadt auf solche Gefährte. Da kam ihr ein Angebot aus Franken gerade recht: Eine Nürnberger Firma unterbreitete der Stadt den Vorschlag, in Zwickau eine elektrische Straßenbahn zu bauen und zu betreiben. Obendrein sollte die Stadt auch mit elektrischem Licht versorgt werden. Das war - so steht es in der Festschrift zum 100. Jubiläum - im Februar 1892. Der Rat stimmte im November zu, beschloss wenige Monate später die endgültige Linienführung, und am 6. Mai 1894 rollte die erste Elektrische vom Hauptmarkt zum Bahnhof. 14 Minuten dauerte die Fahrt. Sie führte über die Hauptstraße und den Schumannplatz (damals Wilhelmstraße und Kaiser-Wilhelm-Platz) weiter über die Bosestraße zum damaligen Bahnhof hinauf. Der stand noch nicht dort, wo er heute steht, sondern wenige hundert Meter versetzt in Richtung des heutigen Gewerkschaftshauses. Gute fünf Monate nach der feierlichen Einweihung wurde eine zweite Linie in Betrieb genommen. Auf ihr fuhr die Straßenbahn in 25 Minuten nach Schedewitz.

Die Linienführungen haben sich im Laufe der vergangenen 125 Jahre immer wieder verändert. Zwischenzeitlich fuhr die Elektrische sogar bis Wilkau-Haßlau, bekam dann Konkurrenz von Kraft- und Oberleitungsomnibussen, während nach dem Zweiten Weltkrieg der Mangel an Reparaturmaterial dafür sorgte, dass der Busbetrieb teilweise ganz eingestellt wurde. Die Straßenbahn aber fuhr und fuhr und fuhr. Anfangs fuhr sie für 10Pfennige. Während der Inflation kostete ein Fahrschein bis zu 350 Milliarden Mark. Dagegen nimmt sich die Preissteigerung nach 1990 recht milde aus. 1991 wurde der Preis für einen Einzelfahrschein von 20 auf 50Pfennige angehoben, ein reichliches Jahr später kostete die Fahrkarte 1 D-Mark. Noch ein knappes Jahr später mussten die Zwickauer 1,40 D-Mark für eine Fahrt zahlen. Inzwischen kostet das Vergnügen 2,20 Euro für eine Zone.

Apropos Vergnügen: Das war eine Straßenbahnfahrt nicht immer. Zumindest nicht für den Fahrer. "Wenn man den ganzen Tag steht, ist das schon anstrengend", sagt Martin Kubala über sein Hobby - die Sonderfahrten im älteren der beiden historischen Wagen. Vergleichbar mit den Arbeitsbedingungen anno 1894 ist das aber nicht. Denn damals fuhren die Bahnen bei Wind und Wetter. Heute ist der Wagen von 1912, der 1969 aus Plauen nach Zwickau verkauft wurde, nur bei trockenem und einigermaßen warmem Wetter im Einsatz. "Wir lieben unsere Bahn ja. Sie soll noch lange halten", sagt Kubala. Sie ist längst kein Gebrauchsgegenstand mehr. Und die Fahrer verdienen damit nicht mehr ihren Lebensunterhalt. Damit können die riesigen Filzstiefel auch dort bleiben, wo sie sind: in den Räumen des Vereins im SVZ-Depot, die einem Museum gleichen. Die Stiefel wirken klobig und schwer. Die Fahrer stiegen in die Filzungetüme mit ihren eigenen Schuhen hinein. Denn im Winter standen sie ungeschützt im Freien an der Kurbel, während die Fahrgäste im Inneren des hölzernen Wagens Platz fanden.

Heute ist das alles längst viel bequemer. Die Fahrer verrichten ihre Arbeit im Sitzen in modernen Triebwagen, die komplett verkleidet und verglast sind. Die Straßenbahnen haben sich im Laufe der vergangenen 125 Jahre immer wieder gewandelt. Und doch ist das eigentliche System Straßenbahn, das Funktionsprinzip, immer gleich geblieben. Es vermittelt Beständigkeit in einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint. Kein Wunder, dass sich Martin Kubala, Peter Pauker und ihre 36 Mitstreiter vom Verein "Freunde des Nahverkehrs" so für die Stahlkolosse begeistern. Sie sind halt weit mehr als bloße Gebrauchsgegenstände.


Mit der Elektrischen zum Straßenbahn-Jubiläum

Zwei Tage lang feiern die Städtischen Verkehrsbetriebe (SVZ) und die Freunde des Nahverkehrs das Straßenbahnjubiläum in Zwickau. Der Großteil des Festes spielt sich auf dem SVZ-Gelände an der Schlachthofstraße ab. Das können die Gäste während der Tage der offenen Tür erkunden. Doch auch in anderen Stadtteilen wird das Jubiläum nicht zu übersehen sein - immerhin

gehen regelmäßig die historischen Bahnen auf Sonderfahrt.

Die Sonderfahrten bedienen drei Routen: Stadthalle, Eckersbach und Klinikum. Immer im Wechsel starten dabei im Halbstunden-Takt ein Trieb- und ein Beiwagen aus dem Jahr 1912 sowie ein Gespann aus dem Jahr 1960. Die erste Fahrt beginnt jeweils 11.15 Uhr, die letzte startet 15.45 Uhr. Fahrkarten verkauft das Schaffnerpersonal direkt an den Wagen. Jeweils 17 Uhr setzt sich zum Abschluss des Tages ein Korso über die Schienen in Bewegung.

Auf dem Betriebsgelände an der Schlachthofstraße stehen den Besuchern viele Türen offen. An beiden Tagen bietet sich mehrmals die Gelegenheit, an einer Werkstattführung teilzunehmen. Das ist kostenlos, weil aber die Plätze beschränkt sind, müssen sich Interessenten am Stand des Service-Centers eine Karte besorgen. Zudem tritt die Zwickauer Feuerwehr am Samstag ab 13 Uhr zu einer besonderen Einsatzübung an: Trainiert wird unter anderem, wie man eine entgleiste Straßenbahn wieder in die Spur bringt.

Kulturell wird an diesem Wochenende ebenfalls einiges geboten. So sind die Tanzsportgemeinschaft Rubin und der Theaterjugendclub eingeladen, sich mit Teilen ihrer Programme zu präsentieren. Am Sonntag ist ab 14 Uhr die Folkband Saitenspiel zu hören.

Für Kinder warten nicht nur Stationen wie Hufeisenwerfen und Entenangeln. Es gibt auch eine Bonuskarte, mit der sie sich an unterschiedlichen Stationen bis zu fünf Stempel abholen können. Wer mindestens vier Stempel vorweisen kann, darf einmal am Glücksrad drehen und auf einen kleinen Preis hoffen.

Um die Ehre, aber auch um Preise geht es für Mannschaften beim Straßenbahn-Tauziehen. Der Wettbewerb startet am Sonntag, 13 Uhr. Einige Teams sind bereits angemeldet. Für sie sowie auch für Kurzentschlossene gilt es, eine Straßenbahn über eine festgelegte Strecke zu ziehen. Gesucht werden also Frauen und Männer, die zu

einem kräftigen Ruck fähig sind.

Ein neues Buch wird am Samstag und am Sonntag vorgestellt. Vereinsmitglied Steffen Schranil hat das Werk "Verkehrs- und Technikgeschichte der Zwickauer Straßenbahn" verfasst. Darin geht es um Infrastruktur, Fahrzeuge und Betrieb der Bahn, zudem blickt er in die Zukunft des Transportwesens. Ergänzt werden die Ausführungen durch mehr als 200 Abbildungen.

Ein Shuttleverkehr vom Bahnhof zur Schlachthofstraße wird an beiden Tagen eingerichtet, weil um das Betriebsgelände herum nur wenige Parkflächen vorhanden sind. Die Zubringerbahn startet im 40-Minuten-Takt am Hauptbahnhof, vormittags das erste Mal ab 10.40 Uhr, dabei ist der übliche VMS-Tarif zu zahlen. Zum Festgelände

an der Schlachthofstraße fahren

die Bahn 4 und der Bus 28.

www.nahverkehrsfreunde-zwickau.de


Einfach erklärt: So funktioniert eine Straßenbahn

Zum Straßenbahnfahren benötigt man vor allem zwei Dinge: Schienen und Strom. Das war schon 1894 so, als zum ersten Mal eine Straßenbahn durch Zwickau rollte. Seitdem hat sich am grundlegenden Prinzip nur wenig verändert.

Am einfachsten lässt sich die Straßenbahn als Teil eines geschlossenen Stromkreises verstehen - der Physikunterricht lässt grüßen. Die erste Station ist das sogenannte Gleichrichter-Unterwerk. Hier kommt der Strom aus dem öffentlichen Netz als 10.000 Volt Wechselspannung an, wird in 600/750Volt Gleichspannung umgewandelt und somit für den Straßenbahnbetrieb nutzbar gemacht. Anschließend wird die Energie ins Stromnetz der Städtischen Verkehrsbetriebe verteilt. Der Strom fließt durch die Oberleitungen, die über dem Schienennetz verlaufen. Über einen Abnehmer auf dem Dach des Triebwagens gelangt die Energie zum Elektromotor. Wobei Straßenbahnen genau genommen nicht nur einen Motor haben, sondern bis zu einen pro Achse, der das Räderpaar antreibt. Und hier schließt sich der Stromkreis quasi. Denn überschüssige Energie geht nicht verloren, sondern geht zurück ins Netz. Stellt man sich einen Stromkreis vor, sind die Oberleitungen der Plus- und die Gleise der Minuspol. Bremst der Fahrer die Bahn ab, werden die Motoren zu Generatoren, die den überschüssigen Strom über die Gleise zurück ins Gleichrichter-Unterwerk speisen. Genau genommen passiert dies durch Kabel, die unter den Schienen verlegt sind. Befindet sich eine zweite Bahn im selben Netz, also in der Nähe, nutzt sie zum

Beschleunigen die Energie, die das bremsende Fahrzeug abgibt.

Der Fuhrpark der Städtischen Verkehrsbetriebe Zwickau besteht aus 19Tatra-KT4D-Bahnen aus Tschechien (inklusive eines Arbeitswagens) und aus zwölf in Deutschland gebauten GT6M/Nf-Triebwagen. Das "Nf" steht hier für Niederflurfahrzeug, das älteren Menschen, Rollstuhlfahrern und

Eltern mit Kinderwagen den Einstieg deutlich erleichtert. Die Tatra-Bahnen, die zwischen 1987 und 1990 gebaut wurden, fahren mit Gleichstrom. Gesteuert werden sie mit zwei Fußpedalen - eins zum Beschleunigen und eins zum Bremsen. Die zwischen 1993 und 1994 gebauten GT6M-Bahnen haben Drehstrommotoren. Hierzu wird der Gleichstrom aus dem Netz in der Bahn umgewandelt. Statt zweier Pedale steuert der Fahrer die GT6M-Bahnen mit einem Handhebel. Man spricht von der Fuß- oder der Handbedienung des Sollwertgebers. Foto: Ralph Köhler

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