Das Gedenken und seine Schattenseiten

Eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds ist am Sonntag am Schwanenteich eingeweiht worden. Diese Veranstaltung hatten sich alle Beteiligten anders vorgestellt.

Zwickau.

Zufrieden war nach diesem Tag niemand: Zwar gibt es seit Sonntagvormittag einen Gedenkort für die Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), doch die Veranstaltung zeigte vor allem, wie viele offene Wunden es noch gibt, auf vielen Seiten.

Die Oberbürgermeisterin: Nicht nur glanzvolle Abschnitte gab es in der Zwickauer Geschichte, sagte Pia Findeiß (SPD) vor den laut Stadtverwaltung rund 450 Gästen, die der Einweihung beiwohnten. An die dunklen Zeiten denke man auf vielfältige Weise: Seit Sonntag sind in das Gedenken nun auch die zehn Menschen eingeschlossen, die von den Rechtsterroristen erschossen wurden - neun Männer ausländischer Herkunft und eine deutsche Polizistin. Der Gedenkort in Sichtweite des Ehrenmals der Opfer des Faschismus am Schwanenteich besteht aus zehn Bäumen plus je einer Tafel mit dem Namen eines der Opfer. Bezahlt wurde dies von den rund 14.000 Euro, die an Spenden zusammengekommen waren.

Die Stimmen für die Hinterbliebenen: Im Vorfeld der Veranstaltung wurde kritisiert, dass die Hinterbliebenen der Opfer nicht eingeladen wurden. Statt dessen hatte die Stadt die von der Bundesregierung eingesetzte Ombudsfrau hergebeten, die mit Taha Kahya einen Vertreter schickte. Der sagte zwar, dass viele erschöpft seien und wahrscheinlich nicht an der Veranstaltung teilgenommen hätten. "Aber es wäre sicher gut gewesen, ihnen die Entscheidung zu überlassen." Dennoch zeigte sich Kahya zufrieden, der Ort zeige die Würdigung der Stadt. Dem hielt Mitat Özdemir jedoch entgegen, dass viele Namen auf den Gedenktafeln falsch - nämlich nicht dem Türkischen entsprechend - geschrieben wurden. Sein Eindruck: "Diese Gedenkstätte wird nicht ernst genommen", sagte er am Nachmittag. Özdemir engagiert sich für ein Gedenken an der Kölner Keupstraße, wo der NSU 2004 ein Nagelbombenattentat verübte - mit dem Ziel, möglichst viele Menschen zu töten.

Die Sternendekorateure: Verärgert war auch die Zwickauer Künstlergruppe Sternendekorateure. Sie wollten die von ihnen gestalteten Bänke für die Opfer einen Tag lang im Park aufstellen, erhielten aber nur die Genehmigung für eine Bank. "Aber das ist ein Kunstwerk. Es gab nur die Option: Alle oder keine. Schließlich ist keines der Opfer mehr oder weniger wert", sagte eine der Dekorateurinnen.

Die Aktivisten: Nach dem Ende der Gedenkstunde gab es plötzlichen Tumult zwischen Teilnehmern und der Polizei. Zu hören waren Rufe wie: "Keine Gewalt" aber auch solche, die deutsche Polizisten als Faschisten bezeichneten. Auslöser war eine junge Frau, die das Band an einem von der AfD-Stadtratsfraktion tags zuvor abgelegten Kranz zerschnitt. Juristin Doris Liebscher, die für das Projekt "Tribunal - NSU-Komplex auflösen" vor Ort war, sagte: "Die Polizei zerstört hier das Gedenken. Es ist ein öffentlicher Ort, natürlich durfte der Kranz dort weggenommen werden." Autorin Esther Dieschereit ergänzte: "Das Anbringen eines AfD-Kranzes ist eine Verhöhnung der Opfer."

Die Polizei: Laut Polizeisprecher Patrick Franke eskalierte die Situation, als Beamte die junge Frau in ein Fahrzeug begleiten wollten, um deren Personalien aufzunehmen, da man sie der Sachbeschädigung bezichtigte. Warum die Wellen auf einmal so hoch schlugen, habe er selbst nicht beobachtet, so Franke, der kurz zuvor im Namen der Polizei selbst eine der Gedenktafeln abgelegt hatte.

Die Stadträte: Als dumme Tat bezeichnete Grünen-Stadtrat Wolfgang Wetzel die Zerstörung des AfD-Kranzes, der später noch in einen Papierkorb gestopft wurde. "Wenn man den Opfermythos des Rechtsnationalismus bestätigen will, muss man genau das machen." Linken-Stadtrat René Hahn brach während einer Diskussion am Nachmittag eine Lanze für alle Zwickauer, die sich für ein Gedenken engagieren. Es sei ein Anfang gemacht worden - und Fehler könne man korrigieren.

Die Landtags-Vizepräsidentin: Zu Gast aus Thüringen war Dorothea Marx (SPD), die darauf hinwies, dass es dort noch keinen Gedenkort gibt. "Ich bin sehr gerührt davon, wie viele Menschen hier sind."


Kommentar: Die Arbeit geht weiter

Ja, da ist noch Luft nach oben. Bei der Einweihung der Gedenkstätte für die Opfer des NSU lief längst nicht alles glatt. Angefangen bei dem jahrelang vergeblichen Ringen mit dem Stadtrat um eben solch eine Gedenkstätte. Weiter über falsch beschriftete Namenstafeln und die Ablehnung der Bitte, sämtliche Bänke der Sternendekorateure für einen Tag aufzustellen. Bis hin schließlich zu dem ebenfalls berechtigten Vorwurf, dass die Vertreter der Opferfamilien nicht eingeladen wurden - und dass am Ende nicht noch einmal die Namen der Männer und der einen erschossenen Frau vorgelesen worden sind.

Über all das muss man reden. Aber in welchem Ton? Was bleibt von diesem Tag, ist der allgemeine Vorwurf des Versagens. Was bleibt, ist Bitterkeit. Dabei hat Zwickau jetzt immerhin einen Gedenkort. Den muss man verbessern. Aber nur gemeinsam - nicht gegeneinander.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 3 Bewertungen
1Kommentare
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  • 3
    5
    Distelblüte
    04.11.2019

    Ein guter, ausgewogener Bericht. Ich möchte auch Herrn Özdemir zustimmen, der die fehlerhafte Schreibweise der türkischen Namen bemängelte; das wäre im Vorfeld wirklich vermeidbar gewesen.
    Dass keiner der Angehörigen der Opfer wenigstens gefragt wurde, ob sie teilnehmen möchten, ist beispielhaft für das Denken einer seit Jahrzehnten homogenen Region und lässt das ganze Projekt in einem fragwürdigen Licht erscheinen. Es wäre ein starkes, deutliches Signal gewesen, sich an die Seite dieser Familien zu stellen.



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