Das Mittelalter in der Moderne erleben

Historische Plätze: Einst war der Hauptmarkt ein wichtiges Handelszentrum, hier hielten früher sächsische Könige Hof, vom Balkon des Rathauses sprachen 1990 Helmut Kohl und Willy Brandt.

Zwickau.

Er ist das Herz Zwickaus - der Hauptmarkt. Hier treffen nicht nur die Einkaufsstraßen aufeinander und hier residiert nicht nur die Oberbürgermeisterin, sondern der Platz ist ein Beispiel mittelalterlicher Stadtbaukunst. Ursprünglich waren rund um den Marktplatz vermutlich zweigeschossige Häuser errichtet worden. Mehrere Jahrhunderte bildeten sie die Kulisse für buntes Markttreiben, bis zahlreiche Eingriffe am Ende des 19. Jahrhunderts die eigentliche Gestaltung und auch den historischen Maßstab zerstörten. Sein heutiger Grundriss ist viele hundert Jahre alt.

Das größte Gebäude am Platz ist das Rathaus. Mit seinen 54 Metern Länge nimmt es die gesamte Längsseite des Mittelspiegels ein. 1118 wurde erstmals an dieser Stelle eine Zollstätte erwähnt. Erbaut wurde der Sitz der Ratsherren, nachdem der Stadtbrand 1403 den Vorgängerbau vernichtet hatte. Bürgermeister Erasmus Stella ließ 1515 lebensgroße Wandgemälde an der Vorderfront anbringen, die einem späteren Umbau ebenso zum Opfer fielen wie der achteckige Turm an der Vorderseite und das Spitztürmchen auf dem Dach. Nach weiteren Umbauten erhielt das Rathaus im 19. Jahrhundert im Wesentlichen seine heutige Gestalt. Lediglich ein Anbau an der Schneeberger Straße in den Jahren 1897/98 brachte mehr Platz.

Der Rathauskeller diente früher als Rüstkammer, Gerichtsstube, aber auch als Kerker und Marterkammer. In seiner ursprünglichen Form ist nur noch Jakobskapelle erhalten. Sie wurde von Arnold von Westfalen gebaut. Zunächst hielt hier der Rat seine Gottesdienste ab, Bürgermeister Oswald Lasan machte 1537 die Kapelle zur Trinkstube, schließlich zog das Stadtarchiv ein. Einige Jahre diente der Raum mit seinem Kreuzrippengewölbe aus rotem Cainsdorfer Sandstein auch als Amtszimmer des Oberbürgermeisters.

Vom Rathaus nur durch eine schmale Gasse getrennt, bestimmt das Gewandhaus mit seinem markanten hohen Giebel das Bild. Früher waren Jakobskapelle und Gewandhaus in mehreren Metern Höhe mit einem Verbindungsgang verbunden. Das Gewandhaus, das gerade die umfangreichste Sanierung seiner Geschichte erlebt, ist der wertvollste mittelalterliche Profanbau, der sich zumindest in seiner äußerlichen Gestaltung erhalten hat. Für das Zunfthaus der Tuchmacherinnung wurde am 9. Mai 1522 der Grundstein gelegt. Es entstand unter der Leitung des Zwickauer Meisters Friedrich Schultheiß. Nach der Fertigstellung befanden sich im Erdgeschoss Brot- und Fleischbänke, die Salzkammer, die Salzwaage sowie die Geleitstube. Der große Saal im ersten Obergeschoss wurde für Veranstaltungen aller Art genutzt. Ende des 17. Jahrhunderts diente es als Hauptwache der Garnison und in Kriegszeiten als Lazarett.

Zwar fanden bereits seit 1823 regelmäßig Theatervorstellungen in einem Provisorium statt, doch erst 1863 wurde das Gewandhaus zum Stadttheater erklärt. 1855 wurde die Bühne an der heutigen Stelle eingebaut. Übrigens debütierte am Zwickauer Theater Inge Meysel, die später als Mutter der Nation deutschlandweit zu Ehren kam. Heute erinnern noch immer "Brille und Schere" am oberen Giebeldreieck an die glanzvolle Tuchmacherzeit.

Sicherlich eines der imposantesten Gebäude im mittelalterlichen Zwickau ist mit seinem prachtvollen Staffelgiebel und den beiden Erkern der ehemalige "Gasthof zum Anker". Martin Römer ließ das Haus 1480 errichten. Fast 400 Jahre später, 1870, wurde es teilweise abgebrochen im Stil der Gründerzeit erneuert. Bei weiteren Umbauten im Jahre 1930 verlor das Haus einen Glanz völlig. Erst mit der Rekonstruktion 1986 entstand eine Fassade, die der der ursprünglichen Form ähnelt.

Ein Zeugnis wirtschaftlicher Blüte Zwickaus ist das Kräutergewölbe. Um 1470 wurde der schlichte Ziegelbau als typisch spätmittelalterliches Bürgerhaus errichtet und ist heute, als eines der wenigen erhalten gebliebenen Häuser aus dieser Zeit, ein Baudenkmal der ersten Kategorie. Der Staffelgiebel ist noch heute in Fragmenten erhalten. Im Haus 17 war die Löwenapotheke untergebracht. Seit 1562 hatte sie hier ihr Domizil. Sie galt bis zu ihrer Schließung im Jahr 2018 als die zweitälteste Apotheke in Sachsen.

Eines der ältesten und architektonisch reizvollsten Bürgerhäuser der Stadt ist an der Westseite des Marktes, am Hauptmarkt 8, zu finden. Der Kolonialwarenhändler Ernst Meitzner ließ es im Jahre 1479 als dreigeschossiges Wohnhaus errichten. Bedeutung erlangte es jedoch erst, nachdem dort der Handels- und Ratsherr Martin Römer einzog. Das mittlerweile als Römerhaus bekannte Gebäude gehört neben dem Kräutergewölbe zur ältesten im Originalzustand erhaltenen Bebauung des Hauptmarktes. Gegenüber dem Römerhaus ließ 1894/95 der Kaufmann und Schneidermeister Richard Trobsch ein Wohn- und Geschäftshaus errichten, das mit seiner barocken Kuppel, dem Kupferdach sowie der Laterne und dem Zwiebeltürmchen besticht. Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der Hauptmarkt vom Platz der großen Patrizierhäuser, der Gasthöfe und kleinen Läden zum geschlossenen Geschäftszentrum Zwickaus.

Im schlichten zweigeschossigen Haus mit der Nummer 5 wurde Robert Schumann geboren. Das Gebäude an der Ecke Klostergasse (heute Münzstraße) wurde nach dem Stadtbrand 1403 gebaut. Ältester bekannter Besitzer ist Hans von Mergenthal. 1480 taucht auch Martin Römer als Eigentümer auf. 1807 zog August Schumann mit Familie und seiner Verlagsbuchhandlung dort ein. Drei Jahre später wurde Robert geboren. Schumanns Geburtshaus wurde 1955 abgerissen und in seiner äußeren Gestaltung originalgetreu wieder aufgebaut.

Zum "Tag der Sachsen" im Jahr 2000 erhielt der Hauptmarkt seine historische Bedeutung wieder - zumindest optisch. Die teilweise zerbrochenen DDR-Betonplatten wurden entfernt. Der Mittelspiegel erhielt einen Belag, der dem historisches Pflaster nahe kommt. Zeitgleich wurde damals die neue Straßenbahnlinie, die heute durch die Gewandhausstraße führt, errichtet. Deswegen wurde der Fahrzeugverkehr vollständig vom Ostspiegel verbannt und die Fläche mit Bäumen und Blumenkästen gestaltet. Das Robert-Schumann-Denkmal war bereits Mitte der 1990er-Jahre an seinen ursprünglichen Standort zurückgekehrt. Im Jahr 2009 startete das letzte große Vorhaben am Hauptmarkt: Das historische Rathaus wurde aufwendig saniert und um einen Anbau erweitert.


Bomben stoppen Umbaupläne

In den Kriegsjahren 1941/42 plante der Münchener Architekt Hermann Alker (1885-1967) eine Umgestaltung des Hauptmarktes. Er wollte unter anderem die Fassade des Rathauses neu gestalten und auch den Turm wieder aufbauen. Zudem sahen seine Pläne vor, das Loch an der Platzwand des Stadthauses III (stand auf dem heutigen Parkplatz hinter dem Schumann-Denkmal) zu schließen. Die Pläne sollten nach Kriegsende umgesetzt werden. Das hatte sich erübrigt, zumal das Stadthaus am 19. März 1945 beim größten Bombenangriff auf die Stadt zerstört worden war. (nkd)

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.