Das Vermächtnis der Nummer 280

Lange ein Tabu-Thema: Zwangsarbeit in der Auto-Union während der NS-Zeit. Im Horch- museum ist jetzt ein Zeitzeugeninterview zu hören, das bewegt.

Zwickau.

Anfang des Jahres hatte Helga Pollak-Kinsky nach vielen Vorträgen, Diskussionsrunden und der Veröffentlichung ihrer Tagebuchaufzeichnungen eigentlich schon einen Schlussstrich unter ihre Vergangenheit als Zwangsarbeiterin in der NS-Zeit gezogen. Ein Brief der Audi AG, der sie ein paar Monate später erreichte, ließ sie ihre Meinung ändern. Die Firma hatte sie als einstige Zwangsarbeiterin der Auto-Union ausfindig gemacht. "Ich wusste ja bis dahin gar nicht, für welche Firma wir damals wirklich arbeiten mussten", sagte die 88-jährige Frau am Montag bei der Präsentation ihres bewegenden Zeitzeugeninterviews. Besucher des August-Horch-Museums können es ab sofort an der Medienstation des Ausstellungsbereiches "Kriegsproduktion" anhören.

Noch einmal erzählt Helga Pollak-Kinsky die Geschichte, die für sie als achtjähriges Wiener Mädchen mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich begann. "Ich wusste damals ja noch nicht mal, was es bedeutete, Jüdin zu sein", sagte sie. Die Schule durfte sie nicht mehr besuchen, der Weggang nach England scheiterte. Gemeinsam mit ihrem Vater wurde sie 1943 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Anderthalb Jahre später der Transport im Güterwagen nach Auschwitz. KZ-Arzt Josef Mengele entschied über ihr Leben. Nach vier Tagen ging es weiter nach Oederan in ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. Dort musste sie "in alte Fetzen gekleidet" in einer Fabrik arbeiten. Ohne ausreichende Mahlzeiten und unter grausamen Bedingungen. Vermutlich entging sie im April 1945 nur knapp der Erschießung, stattdessen wurde sie zurück nach Theresienstadt gebracht. "Das war nicht mehr das Theresienstadt, wie wir es kannten." Nach der Befreiung wollte sie weder in Österreich noch in Deutschland leben. Von ihrer Familie waren 63Menschen ums Leben gekommen. Sie lebte in London, Bangkok und Addis Abeba. Erst 1957 kehrte sie nach Wien zurück. Österreicherin will sie bis heute nicht sein. "Ich bin Wienerin", sagte sie.

Brian Rampp, Leiter Politik der Audi AG und Projektleiter der Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, verwies auf die 2014 veröffentlichte Studie, die nachweist, dass der Automobilkonzern von Zwangsarbeit profitierte. 17.300 Frauen und Männer waren als Zwangsarbeiter bei der Auto-Union beschäftigt. "Die Menschen wurden zu Sklavenarbeit gezwungen", sagte der US-Amerikaner. "Wir haben uns als Unternehmen schuldig gemacht", betonte er. Daraus erwachse eine Verantwortung für die Zukunft. Das Zeitzeugenprojekt gehöre dazu. Neben bereits vorliegenden Interviews soll auch das von Helga Pollak-Kinsky noch in diesem Jahr auch in der Audi-Heimat Ingolstadt zu hören sein. Noch im Juli, so erklärte der Vorsitzende des Aufsichtsrates des dortigen Museums, Thomas Frank, werde mit einer in Israel lebenden Frau ein weiteres Gespräch aufgezeichnet.

Kurz vor Schluss griff Helga Pollak-Kinsky noch einmal zum Mikrofon. Mit wenigen Worten drückte sie Museumschef Thomas Stebich eine Blechmarke in die Hand. Die Marke mit einem Durchmesser von zwei Zentimetern hat die Nummer 280. Die hatte sie während ihres Aufenthaltes in Oederan an der Kleidung tragen müssen. "Wir werden sie natürlich in unserer Ausstellung zeigen", sagte Stebich.


"Ein solcher Krieg darf sich nie wiederholen"

Helga Pollak-Kinsky beschrieb in bewegenden Worten ihre Zeit als Zwangsarbeiterin bei der Auto-Union. Frank Dörfelt sprach mit der Wienerin.

Freie Presse: Sie hatten bereits einen Schlussstrich unter Ihre Vergangenheit gezogen. Was hat Sie bewogen, Ihre Geschichte ein weiteres Mal zu erzählen?

Helga Pollak-Kinsky: Im Januar dieses Jahres hatte ich genau am Geburtstag meines Vaters die letzte Lesung aus meinem Tagebuch gehalten. Es war ausgerechnet auch noch in der Mariahilfer Straße in Wien. Dort hatte mein Vater bis 1938 sein Konzerthaus betrieben. Das erschien mir der geeignete Moment, um das Thema zu beenden. Da ich aber nun weiß, dass ich für die Auto-Union Zwangsarbeit leisten musste, und Audi jetzt dieses Projekt gestaltet, war es mir wichtig, meine Erlebnisse auch für die Nachwelt noch einmal zu erzählen.

Warum ist Ihnen dieses spezielle, wahrscheinlich auch letzte Zeitzeugeninterview so wichtig?

Ich bin sehr daran interessiert, dass auch die nachfolgenden Generationen von den unmenschlichen Bedingungen erfahren, mit denen die Nazis den von ihnen angezettelten Krieg am Laufen hielten. Der wichtigste Punkt dabei: Das darf nie in Vergessenheit geraten, und vor allem darf sich ein solcher Krieg nie wiederholen. Dazu ist dieses Museum eine gute Gelegenheit. Zumal es thematisch auch gut zusammenpasst.

Haben Sie noch Kontakt zu Frauen, die damals Ihr Schicksal teilten?

Ja. Aber viele Frauen haben es damals nicht geschafft. Von den 60 Mädchen, die mit mir in Theresienstadt waren, haben nur 15 überlebt. Von den 1715, die mit mir auf dem Transport nach Auschwitz waren, lebten bei Kriegsende noch 211.

Sie haben dem August-Horch-Museum Ihre Blechmarke geschenkt.

Diese Marke ist das letzte Stück aus der damaligen Zeit, das ich in meinem Besitz hatte. Jetzt kann ich das Thema für mich beenden. Die Marke mit der Nummer 280, die ich damals war, ist in Zwickau in guten Händen.

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1Kommentare
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  • 0
    1
    mathausmike
    17.07.2018

    Ein Dank an Herrn Dörfelt für diesen Artikel.
    Hochachtung vor Helga Pollack-
    Kinsky.



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