Der Indianer aus der Zelle

Vor 150 Jahren wurde der Schriftsteller Karl May aus dem Arbeitshaus von Schloss Osterstein entlassen. Hier hatte er einen folgenschweren Entschluss gefasst.

Hohenstein-Ernstthal/Zwickau.

"Es war ein schöner, warmer Sonnentag als ich die Anstalt verließ, zum Kampfe gegen des Lebens Widerstand mit meinen Manuskripten bewaffnet." So leitete Karl May (1842-1912) in seiner Autobiografie "Mein Leben und Streben" (1910) seinen geplanten Neustart ein, als er fast auf den Tag genau vor 150 Jahren am 2. November 1868 das Arbeitshaus im Schloss Osterstein in Zwickau vorzeitig und mit einem Vertrauenszeugnis, eine Art Persilschein, verließ und von Zwickau über Mülsen nach Ernstthal marschierte.

May hatte wegen Betruges eingesessen. Er war Häftling Nummer 171. Das Zellengebäude, in dem er von Juni 1865 an die Haftstrafe verbüßte, ist längst abgerissen. Hier entstand wohl sein Entschluss, Schriftsteller zu werden. Auf dem Weg nach Ernstthal war er "bewaffnet" mit vielen Ideen.

Ein Märchenerzähler wollte er werden wie die Großmutter, seine Leser sollten aus seinen Geschichten lernen und sich dadurch zu besseren Menschen, Edelmenschen, wie er sie nannte, entwickeln.

Bereits in der Gefängniszelle wurde die Idee von "Winnetou" geboren. In der Gefängnisbibliothek, die er längere Zeit betreute, hatte er viel gelesen und tüchtig gelernt über Erdkunde, Völkerkunde und Sprachlehre. Sujets wollte er aus seinem eigenen Leben, seiner Umwelt, seiner Heimat schöpfen, was er später auch zur Genüge getan hat. Schließlich wollte er, so May selbst, diese Sujets in fremde Länder versetzen, um ihnen eine größere Wirkung zu verleihen.

An zwei Beispielen wollte er die menschliche Entwicklung zum Guten zeigen, an einem amerikanischen und einem orientalischen. "In Amerika sollte eine männliche und im Orient eine weibliche Gestalt das Ideal bilden, an dem meine Leser ihr ethisches Wollen empor zu wachsen lassen hätten. Die eine ist mein Winnetou, die andere Marah Durimeh geworden." Dieses Emporwachsen wollte er persönlich als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, sozusagen als "Ich" begleiten. Sein tiefer Humanismus kommt dabei zum Tragen: "... daß ein jeder der Engel seines Nächsten zu sein habe, um nicht an sich zum Teufel zu werden." Weiter: "Einmal aber muss und wird die Menschheit doch so hoch gestiegen sein, ... daß sich der Gewaltmensch, also der niedrige Mensch, zum Edelmenschen entwickeln könne."

Edle Gedanken begleiteten 1868 seinen Weg nach Ernstthal, wie er später darstellte, doch die Realität, die ihn in Freiheit empfing, war eine andere. Seine Pläne konnten noch nicht aufgehen. Deutschland war in viele Kleinstaaten zersplittert, es gab keine große, einheitliche Lesergemeinde. Verzweifelt darüber kam er wieder auf die schiefe Bahn und erhielt für Diebstähle eine mehrjährige Haftstrafe. Letztlich blieb May seinen Plänen treu, auch wenn er sie oft auf Umwegen erreichte.

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