Der Ort, an dem niemand vergessen wird

In Hartmannsdorf gab es im Vorjahr gerade einmal 15 Straftaten - so wenig wie nirgendwo im Landkreis. In der 1409-Seelen-Gemeinde schätzt man das Miteinander und eine nicht perfekte, aber engagierte Bürgermeisterin.

Hartmannsdorf.

Die Mehrfamilienhäuser, die sich an der Rothenkirchener Straße, der Hauptstraße des Dorfes, aneinanderreihen, sind hübsch hergerichtet. Ein Kirschbaum direkt an der Straße hängt voll reifer Früchte. Am Schulweg steht eine Selbstbedienungsbox mit "Kartoffeln aus Hartmannsdorf". Im 1409-Seelen-Ort gab es im Vorjahr ganze 15 Straftaten, fünf davon waren Diebstähle. Hartmannsdorf ist laut Kriminalstatistik der Polizei das friedlichste Fleckchen Erde im Landkreis Zwickau.

Im Vorjahr war das kaum anders. 2016 waren es 22 Straftaten, kein Mord, kein Totschlag, nur Klein- kriminalität. Wie kommt es, dass die Hartmannsdorfer so friedlich miteinander umgehen? Die "Freie Presse" ging auf Spurensuche.

Finanziell geht es der Gemeinde nicht schlecht. Etwa eine halbe Million Euro Schulden hat das Dorf. Das entspricht einer Pro-Kopf-Verschuldung von 406 Euro. Der Durchschnitt liegt in Sachsen bei 569 Euro pro Einwohner.

Die Gemeinde, in der der Altersdurchschnitt bei 42 Jahren liegt und die entgegen dem Sachsentrend wächst statt schrumpft, leistet sich eine Schule, einen Kindergarten, sogar ein Freibad. Mit viel Aufwand ist das erst im Vorjahr saniert worden, in diesem Jahr kam ein Abenteuerspielplatz hinzu. Der Sportplatz von Blau-Weiß Hartmannsdorf ist in Schuss, das Sportlerheim neu gemacht. Die Nahversorgung im Ort ist gewährt, zudem gibt es fünf Gaststätten in dem kleinen Dorf. Mehr als 300 Arbeitsplätze haben Handwerker und Kleinunternehmer in Hartmannsdorf geschaffen, weitere die hiesigen Bauern.

Und die Kirche, obwohl abrissreif, bleibt im Dorf. Das vom Hausschwamm zerfressene Gotteshaus wird nahezu komplett erneuert, ein 1,25-Millionen-Euro-Projekt, das vor der Kirchgemeinde um Pfarrer Gottfried Wachsmuth liegt. Bei der Einwohnerversammlung, die zu Sanierungsbeginn einberufen wurde, war kein Stuhl mehr frei. Auch Nichtchristen begrüßen das Vorhaben. Zum Mammutprojekt Dorfstraßenausbau für 2,5 Millionen Euro gab es eine ähnliche Einwohnerversammlung. Betroffene konnten ihre Sorgen direkt mit den Bauleuten besprechen. Auf zwei Kilometer Länge wird die Dorfstraße, die unmittelbar an die Gartenzäune vieler Hartmannsdorfer grenzt und ordentlich Staub aufwirbelt, derzeit repariert. "Es läuft gut", sagte Ratsmitglied Erik Eißmann (CDU) erst kürzlich. Es gebe sogar Lob für die Bauleute.

Erst hauptamtliche, jetzt ehrenamtliche Bürgermeisterin ist seit 1990 Kerstin Nicolaus, eine Frau, die zürnen, aber auch herzlich lachen kann. Außerhalb ihres Dorfes ist sie nicht unumstritten. Sie wurde selbst ein Fall für die Justiz. 2008 und 2010 akzeptierte die Bürgermeisterin wegen Betrugs Strafbefehle in Höhe von 3300 und 3500 Euro. Einmal ging es um doppelte Reisekostenabrechnungen, das andere Mal um zweckentfremdete Fluthilfegelder. Wie sie beteuerte, hatte sie das Geld nicht für private Zwecke verwendet, sondern für den Neubau des Sportlerheims. Allerdings fiel dabei auch ein neuer Weg zu ihrem eigenen Haus ab.

In der Heimat stört das wenig, als "alte Kamellen" taten das bereits 2013 Parteifreunde ab. Nicolaus ist eine Kümmerin und scheint die Knöpfe zu kennen, die man drücken muss, damit Fördergeld nach Hartmannsdorf fließt. Die gelernte Damenmaßschneiderin, Mitglied der Hartmannsdorfer Feuerwehr, sitzt seit 1994 im Landtag. Sie sagt selbst, dass sie nicht nur verwalten, sondern auch gestalten will.

Wenn die Bürgermeisterin von ihrem Dorf spricht, vergisst sie niemanden. Sie redet von "Hartmannsdorf mit seinem wunderschönen Ortsteil Giegengrün". Im Dorf ist sie "die Kerstin", fast jeder duzt sie. Sie kennt jeden, Neugeborene begrüßt sie, Hochzeits- und Geburtstagsjubilare besucht sie zu Hause. Gelegenheiten, um ins Gespräch zu kommen, nennt das die Bürgermeisterin, die keine expliziten Bürgersprechstunden anbietet. Nicht selten wird vieles gleich auf der Straße geklärt.

Der Rat ist bis auf den Linken Gerd Baumann schwarz, Kerstin Nicolaus hat eine satte CDU-Mehrheit hinter sich. Auch einer ihrer Söhne sitzt mit im Gemeinderat. Man geht höflich miteinander um, lacht viel, zankt gelegentlich, beleidigt wird niemand. Der Rat tagt überdurchschnittlich oft, häufig zweimal im Monat. Nicolaus teilt die kleinsten Informationen mit den zwölf Mitgliedern. Getagt wird meist in der Pension von Frieder Flechsig, dem Stellvertreter von Nicolaus. Es gibt Bier. Viele kommen schon vor Sitzungsbeginn zum Abendessen. Manchmal sitzt man auch mal länger zusammen. Nach seiner Silberhochzeitsfeier gab Wehrleiter Jens Klaumünzer einen aus.

Hotelchef Flechsig, Jahrgang 1946, erzählt launig, wieso es so wenig Spitzbuben im Ort gibt. Das liege an der Drohung, die schon in seinen jungen Jahren gezogen habe. "Da kimmste ins Spritzenhaus!", hieß es immer. Das alte Feuerwehrgebäude in Giegengrün wurde einst als Gefängnis genutzt. 15 Vereine gibt es in Hartmannsdorf und Giegengrün. Man kann reiten, singen, tauchen, Tiere züchten ... "Besonders stolz macht mich, dass sich die Vereine gegenseitig unterstützen", sagt die Bürgermeisterin. Die beiden größten sind der Feuerwehrverein und der Sportverein Blau-Weiß Hartmannsdorf.

Heiko Förster, Baujahr 1969, seit 2004 CDU-Ratsmitglied, sieht in der guten Infrastruktur und der Vielzahl an Freizeitbeschäftigungen wesentliche Gründe für den Frieden im Ort. Und natürlich an den Menschen, die hier leben, arbeiten und sich umeinander kümmern. "Wir haben auch richtig gute Leute, die sich mit unseren Zuwanderern beschäftigen." Hartmannsdorf hat elf minderjährige Afrikaner aufgenommen, die zu Festen und in Vereine, zum Männertag gar zu einer Traktortour eingeladen wurden. Einer von ihnen kickt in der ersten Mannschaft von Blau-Weiß Hartmannsdorf, ein fast 300 Mitglieder zählender Verein, dessen Vorsitzender Förster ist. Beim Nachwuchs sieht Förster viele interessierte Väter, die wollen, dass sich ihre Kinder bewegen und nicht vorm Fernseher sitzen. Der Vereinschef schwört dabei auf seinen Stellvertreter Thomas Engelhardt, der jede freie Minute dem Verein schenkt. "Der kann motivieren, und der gibt richtig Gas."

Umherstreunende Banden, sollten sie sich Hartmannsdorf ausgeguckt haben, dürften es in dem Ort, in dem oft Grundstück an Grundstück grenzt, schwer haben. "Die Nachbarschaftshilfe ist auf dem Dorf sicher ausgeprägter als in der Stadt", sagt Patrick Grimm, Vorsitzender des 72 Mitglieder zählenden Hartmannsdorfer Feuerwehrvereins. Er weiß aber auch: "Wenn Leute beschäftigt sind, kommen sie nicht auf dumme Gedanken." In Hartmannsdorf tut man viel für die Beschäftigung der eigenen Jugend.

Die Jugendfeuerwehr und die Bambinigruppe der Feuerwehr, für die der Verein lange gekämpft hatte, sieht er als eine Alternative. Der Verein sorgt nicht nur dafür, dass Jugendzeltlager kostenlos sind, sondern kümmert sich höchstselbst um die Geselligkeit im Ort, veranstaltet Feste wie beispielsweise das Badfest oder das Walpurgisfeuer. "Und beim Pyramidenanschieben kommen durchaus 400 bis 500 Mann", sagt der Vorsitzende des Vereins, der sich über jeden neuen Mitstreiter und neue Ideen freut, die das Dorfleben bereichern. (mit tz)

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