Der Turm wird zum Kunstwerk

Dank eines EU-Projektes und eines bergbaubegeisterten Geschäftsführers rückt der Viererschacht wieder ins Licht der Öffentlichkeit.

Steyers Entwurf als Projektion.
Graffiti-Künstler Tino Schneider bringt Farbe ans höchste Industriebauwerk im Raum Zwickau.
JürgenZampieri - MSB-Chef
Carsten Debes - Projektverantwortlicher vom Landratsamt
ChristophSteyer - Gestalter
Thomas Dietze - Ibug-Festival-Chef

Von Uta Pasler

Der Leipziger Graffitikünstler Tino Schneider hat - hoch oben auf einer breiten Hebebühne - mit der Arbeit am 60 Meter hohen Förderschacht des Martin-Hoop-Werkes begonnen. Gut eine Woche wird er brauchen, bis das Gemälde am Viererschacht an der Grenze zwischen Zwickau und Mülsen fertig ist. Es wird einen landschaftlich eingebetteten Zechenturm zeigen. Aus den ursprünglich geplanten Kosten in Höhe von 65.000 Euro sind mittlerweile 90.000 Euro geworden, erklärt Jürgen Zampieri, geschäftsführender Gesellschafter der Metallbaufirma MSB, der eine besondere Beziehung zu diesem Denkmal vergangener Zeiten hat.

Zampieri hat im Steinkohlebergbau gelernt und war bei "Martin Hoop" als Betriebsschlosser tätig, bevor er sich vor 26 Jahren selbstständig gemacht hat. Der Turm, der vor 40 Jahren das letzte Mal Kohle aus 1000 Metern Tiefe förderte, befindet sich auf dem Betriebsgelände der 50Mitarbeiter zählenden Firma MSB, die Balkone entwickelt und fertigt. Abgesehen davon, dass ein Abriss unbezahlbar wäre, leisten die 23.000 umbauten Kubikmeter der Firma gute Dienste. Im Keller des Koloss', der seit 1985 auf einer großen Betonplombe sitzt, befindet sich ein Lager, darüber fertigt das Betonwerk. Mehrere Mobilfunkanbieter haben sich oben eingemietet. "Der Turm war seinerzeit der erste mit Betongleitschalung in der DDR", erklärt Zampieri und versichert lachend: "Der fällt nicht um."

Vor etwa einem Jahr hatte der Landkreis Zwickau das EU-Projekt Inducult 2.0 gestartet. Darin geht es um lebendige Industriekultur abseits der Metropolen. Zehn mitteleuropäische Partner, darunter das tschechische Karlovy Vary, arbeiten daran, Industriekultur als Identitätsmoment mit Gegenwartsbezug zu etablieren, sagt Carsten Debes vom Landratsamt Zwickau, der das Projekt ins Rollen brachte. EU und Kulturraum fördern die Kunst. Der Maler verwendet nur Schwarz und Weiß getreu der Vorgaben. Dezent soll der Turm aufgewertet werden, ohne das denkmalgeschützte Gebäude mit Klinkerfassade gegenüber zu entwerten, erklärt Debes. Drei Seiten des Turms bleiben noch unberührt. Debes will aber nicht ausschließen, dass dort vielleicht digitalisierte oder elektromobile Zukunft eine Rolle spielen könnte. Momentan fehlt es da aber am Geld.

Auf den Viererschacht war Debes dank Sandra Hempel gestoßen. Als er sich bei der Wirtschaftsförderin nach einem geeigneten Objekt erkundigte, habe die sofort MSB-Chef Zampieri ins Spiel gebracht.

Den Entwurf für die Gestaltung hat der 38-jährige Leipziger Künstler Christoph Steyer alias Flamat geliefert, der als Illustrator und Gestalter tätig ist. Er setzte sich gegen vier Mitbewerber durch, die mit Unterstützung von Thomas Dietze, dem organisatorischen Kopf des Ibug-Festivals für urbane Kunst, ausgesucht wurden. Laut Steyer geht es bei dem großflächigen Kunstwerk nicht ohne Rolle und Pinsel. Für den Schein des Mondes und die Schwäne, die die Verbindung zu Zwickau herstellen, wird Graffitikünsrler Schneider allerdings die Dose nehmen, besser gesagt: 250 Sprühdosen. Zudem rechnen die Künstler damit, 150 Liter Fassadenfarbe zu verstreichen. Damit die wenigstens ein paar Jahre hält, hatte die Firma MSB zuvor noch den Putz ausbessern lassen.

Tino Schneider, der die nächsten Tage in schwindelerregender Höhe verbringt, hat sich in Zwickau bereits einen Namen gemacht. Er malte die mächtige Hand mit der Fackel beim Graffitifestival Industriebrachenumgestaltung (Ibug) 2013 im alten Eisenwerk, das man im Volksmund "Fackel" nannte.

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