Der Weg des NSU in Zwickau

Am Tag des Urteils gegen Beate Zschäpe begeben sich Menschen in der Muldestadt auf Spurensuche. Die Geschichte, finden sie, ist nicht vorbei.

Zwickau.

Als der Richter im 350 Kilometer entfernten München ansetzt, dem Prozess gegen Beate Zschäpe und Unterstützer ein Ende zu bereiten, drücken drei Zwickauer im Stadtteil Weißenborn auf ihre Spraydosen. Mit der Urteilsverkündung ist für sie die Beschäftigung mit dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) nicht zu Ende. Sie beginnt erst. Mit Sprühkreide markieren Jörg Banitz, Chris Scheundel und Franziska Leube Orte in Zwickau, an denen der NSU Spuren hinterlassen hat. Drei Wohnorte, drei Tatorte. Spuren einer Zwickauer Geschichte, die das Selbstbild der Bundesrepublik bis ins Mark erschüttert hat. "Es darf keinen Schlussstrich geben", sagt Banitz. Dann sprüht er los.

Der Sozialarbeiter Banitz, das Jugendbuffet-Mitglied Scheundel und die Gymnasiallehrerin Leube zählen zu einer Initiative, die von Vertretern von elf Organisationen unterstützt wird und die sich der weiteren Aufarbeitung der NSU-Verbrechen verschrieben hat. "Viele Unterstützer leben noch in der Region, sie führen hier ihr Leben unbehelligt weiter", sagt Leube. Auch deshalb dürfe nicht einfach mit dem Urteilsspruch alles vorbei sein. Deshalb markiere man die Orte in Zwickau, nicht um zu erinnern, sondern um Menschen zum Nachdenken zu bringen, zum drüber Reden.

Banitz steuert sein Auto mitsamt Insassen und Spraydosen von der Frühlingsstraße in Weißenborn zur Polenzstraße am östlichen Rand von Marienthal, zum zweiten Wohnort des NSU-Trios. Irgendwo unterwegs geht die Reporterin des MDR verloren. Sie hat sich verfahren. Kurz vor der Polenzstraße liest Leube auf dem Handy Nachrichten. Lebenslänglich für Zschäpe, zweieinhalb Jahre für den aus Zwickau stammenden Unterstützer André E. "Na, dann taucht er ja bald wieder hier auf", sagt Banitz. Sie markieren den zweiten Wohnort mit einem Haus-Symbol, das sie vor jedem Unterschlupf anbringen, und fahren weiter.

In Chemnitz am Tag zuvor haben ebenfalls Aktivisten Orte mit Bezug zum NSU markiert. Die Idee entstand offenbar in der Geschichtswerkstatt, umgesetzt wurde sie von verschiedenen Akteuren. Überall wurde der Schriftzug angebracht: offener-prozess.de. Die Webseite befasst sich mit den Verbrechen von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt - und mit Fragen, die bislang niemand beantworten konnte. Fragen nach Mittätern und Wiedergutmachung für die Opfer. Auch Banitz, Scheubel und Leube haben offene Fragen. Fragen nach der Rolle des Verfassungsschutzes zum Beispiel. Fragen, wie Ermittlungspannen zustande kamen. "Ich glaube aber nicht an Verschwörungstheorien", sagt Leube. "Ich glaube eher an Blödheit und Unfähigkeit."

Es geht weiter durch die Stadt. Nur zweimal werden die Sprüher auf ihr Tun angesprochen Vor der letzten Station, der Sparkassenfiliale in der Kosmonautenstraße, stößt dann auch wieder die Reporterin des MDR dazu. Hier wird das Sprühen von neugierigen Blicken der Anwohner verfolgt. Keiner sagt etwas. "Das ist oft so, alle kucken, keiner spricht", sagt Scheundel. Eine Passantin, die interessiert zusieht, sagt schließlich: "Ich finde gut, dass die das heute machen. Man sollte nur vielleicht erklären, worum es bei den Markierungen geht. Viele werden das gar nicht verstehen."

Viele werden die Stellen aber auch gar nicht mehr sehen. Nach ein paar Tagen und etwas Regen verschwindet die Sprühkreide wieder. Was sagt das aus über diese Form von Gedenken, wenn die Erinnerung schon nach wenigen Tagen wieder vom Bürgersteig gewaschen ist? "Was wir tun, ist kein Erinnern", sagt Leube. "Es ist ein In-Erinnerung-Rücken. Wir wollen aufrütteln, zeigen, dass es keine Ruhe geben darf. In Zwickau ist die Sehnsucht groß, das Thema zu den Akten zu legen. Das darf aber nicht passieren, solange hier noch Menschen herumlaufen, die mit den Verbrechen zu tun hatten."


Findeiß fordert Erinnerung

Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) hat auf der Gedenkveranstaltung am Mittwoch im Zwickauer Rathaus angeregt, die Debatte um ein mögliches Mahnmal oder einen anderen Ort zum Gedenken an die Opfer des NSU wieder aufzunehmen. "Wir täten gut daran, wenn wir die Diskussion über eine angemessene Form der Erinnerung wieder intensivieren könnten", sagte die OB im Beisein von mehr als 100 Gästen im Ratssaal.


Zwickauer Orte, an denen das Trio Spuren hinterlassen hat

1. Wohnort: Zum 1. Juli 2000 zieht das Trio in die Heisenbergstraße 6. Im September geschieht der erste Mord.

2. Wohnort: Mai 2001 bis April 2008 wohnen die drei in der Polenzstraße. In der Zeit geschehen neun Morde.

3. Wohnort: Im April 2008 Umzug in die Frühlingsstraße 26 und Ausbau zum Unterschlupf. Am 4. November 2011 zündet Zschäpe das Haus an.

4. Tatort: Raubüberfall am 5. Juli 2001 auf eine Postfiliale in der Max- Planck-Straße. Beute: 75.000 DM.

5. Tatort: Raubüberfall am 25. September 2002 auf die Sparkassenfiliale Karl-Marx-Straße. Beute: 48.571 Euro.

6. Tatort: Raubüberfall am 5. Oktober 2006 auf die Sparkassenfiliale Kosmonautenstraße 1. Keine Beute. Ein Mitarbeiter wird angeschossen.

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