Der Zwickauer Glaskunst-Krimi

In einem unerhörten Akt des Frevels wurde 1819 dem Dom zu Zwickau ein Schatz von enormem Wert geraubt. Er schien verloren - bis seinem heutigen Finder der Zufall zu Hilfe kam.

Es heißt, wir lebten in einer Zeit, in der man alles kaufen kann. Und doch: Ein "Deal", wie ihn die Geschichtsschreiber aus der Stadt Zwickau des Jahres 1819 überliefert haben, scheint heute kaum denkbar. Hauptakteure: Zwickaus damaliger Bürgermeister Tobias Hempel und der kirchliche Superintendent Gottlieb Lorenz auf der einen Seite. Auf der andern Prinzessin Fanny Biron von Kurland (1790 - 1849), Gattin Prinz Gustav Birons von Kurland, Inhaber der Freien Standesherrschaft Wartenberg in Schlesien.

Auf der Durchreise hatte die so bildungsbeflissene wie kunstsinnige Adlige sich in Zwickau verliebt. Und zwar in die zehn an der Nordseite des Zwickauer Doms St. Marien eingelassenen Fenster, verziert mit leuchtenden Glasgemälden, die dem Kircheninneren mit ihrem tiefen Blau, Violett und dem glutvollem Rot seit rund 300Jahren sein magisches Gepräge verliehen hatten. Mit Geld konnte man schon damals viel erreichen. Die 29-Jährige, die wie viele Adlige alles sammelte, was gut und teuer war, bot der Stadt an, ihr die Fenster für 200 Taler abzukaufen. Bürgermeister und Superintendent willigten ein. Ob dieses Schnäppchens zeigte sich die Kunstfreundin spendabel und legte für beide Herren ein "Gratial" à je zwei Gulden obendrauf - nicht mehr als ein Trinkgeld auf einer für Kunstschätze dieses Kalibers schon damals lachhaften Kaufsumme. Die Fenster wurden ausgebaut, in Kisten verpackt und verließen die Stadt auf Nimmerwiedersehen - wenn auch zunächst mit einem vermeintlich festen Bestimmungsort: Fanny wollte mit dem Kirchenschatz ihr eigenes Mausoleum in Schlesien gestalten.

Nun ist es nicht so, dass die Zwickauer oder überhaupt die Altertumspfleger in Sachsen diesen Verlust klaglos hingenommen hätten. Als man sich in Zwickau bewusst geworden war, was man da getan hatte - etwa 20 Jahre später und 15 Jahre nach Gründung des Sächsischen Altertumsvereins, der seit 1824 derlei Deals verhindern sollte - richteten Vertreter der Stadt an den preußischen Generalleutnant Gustav Adolf von Strantz, den Fanny nach dem Tod ihres ersten Mannes geheiratet hatte, ein Rückkaufgesuch. Sie erhielten die Antwort, seine Gemahlin sei nicht abgeneigt, die Glasbilder, die sich im Bironschen Schloss zu Dyhernfurth an der Oder befänden, wieder zu veräußern - aber nur, wenn ihr die Stadt dafür andere gleichartige und gleich alte Glasgemälde verschaffen könne. Mit derlei Ersatz konnten die Zwickauer nicht dienen. Die Fenster blieben, wo sie waren. Aber nicht mehr lang: Wie der Historiker Otto Clemen 1921 in "Alt-Zwickau", der lokalgeschichtlichen Beilage zur "Zwickauer Zeitung", berichtete, waren sie im Sommer 1918, als er im Zuge des Ersten Weltkrieges als Leiter der Militär-Pressestelle für Kurland in Dyhernfurth recherchierte, dort nicht mehr aufzufinden.

Es sollte nun rund 60 Jahre dauern, bis sich wieder jemand ernsthaft für den Verbleib der Fenster interessierte. Hans-Kaspar von Schönfels, Jahrgang 1943, jüngster Sohn der bis 1945 auf dem Gut Ruppertsgrün bei Werdau ansässigen Familie von Schönfels, hatte als Kleinkind mit seiner Mutter Karin und sieben Geschwistern die Vertreibung von den seit 1323 im Besitz derer von Schönfels befindlichen Ländereien miterlebt - Deportation nach Rügen, der die sowjetischen Besatzer alle "Junker" unterzogen, inklusive. Sein Vater, Joachim von Schönfels, der als promovierter Landwirt auf dem eigenen Gut gearbeitet hatte, saß zu diesem Zeitpunkt noch in Zwickau in Haft, ohne dass er je mit den Nazis zu schaffen gehabt hätte. Ja, in der Reichsbauernschaft hatte er als unsicherer Kantonist gegolten, weil er noch zu Zeiten Geschäfte mit Juden gemacht hatte, als das für einen "guten deutschen" Landwirt schon nicht mehr als statthaft galt. Schließlich kam er frei und durfte zu seiner Familie, die derweil in Binz untergekommen war. Dort arbeitete er nach der Bodenreform als Berater für Neubauern. Doch das Etikett "Junker" hing ihm weiter an, sodass die Familie 1948 die Sowjetzone verließ und sich in Ostholstein ansiedelte, wo der Vater weiter angehende Landwirte beriet.

Joachim von Schönfels war es denn auch, der Sohn Hans-Kaspar, nach einem Bildhauer- und Keramikerstudium Journalist geworden, veranlasste, sich mit dem verlorenen Glasschatz zu befassen. Denn in der Familienchronik derer von Schönfels, die sein Vater um 1981 aktualisiert hatte, war die Rede davon, dass sein Vorfahr Sigmund von Schönfels 1517 eines der verschwundenen Kirchenfenster gestiftet hatte: Es trug das schönfelssche Familienwappen - und einen unsichtbaren Schatten: Bei seinem Einbau war laut Chronik der beauftragte Glaser vom Gerüst in den Tod gestürzt. Anlass für die Fenster-Stiftung: Konrad von Schönfels, Sigmunds Vater oder Großvater, hatte seine letzte Ruhestätte am oder im Gotteshaus gefunden. Sigmund gehörte zu den Kalandbrüdern, einer christlichen, mildtätigen Vereinigung wohlhabender, einflussreicher Männer, die auch einige andere der Fenster gestiftet hatten. Geschaffen hatte die, so hoffen viele Zwickauer bis heute, einer der bekanntesten Künstler seiner Zeit, Veit Hirsvogel der Ältere (1461 - 1525). Spross einer großen Nürnberger Glasmalerdynastie. Er arbeitete eng mit Albrecht Dürer zusammen. Es wird gar hoffnungsvoll vermutet, Dürer könnte selbst seine Entwürfe für die Zwickauer Fenster zur Verfügung gestellt haben. Fachleute bezweifeln das.

Weltkultur trifft Familienhistorie. Das reizte Hans-Kaspar von Schönfels: "Als junger Mensch habe ich mich nicht so sehr für meine Familiengeschichte und historische Zusammenhänge interessiert", erzählt der 75-Jährige, der heute nach vielfältiger Tätigkeit für Zeitungen und Zeitschriften als freischaffender Journalist in München redaktionelle Formate und Sonderhefte für Wirtschaftsmedien entwickelt. "Aber als Journalist kannte ich auf einmal die Mittel für die Recherche und hatte das Gefühl, dass noch nicht alle Rätsel um die Fenster gelöst sind", bekennt der gebürtige Sachse, der, in Schleswig-Holstein aufgewachsen, mit wucherndem Vollbart, Künstlermähne und gediegen norddeutschem Dialekt eher wirkt wie ein pensionierter Seemann denn wie ein sächsischer Junker.

Er machte sich auf die Suche, fand dank historischer Werke bald heraus, dass Fanny die Fenster nicht behalten, sondern ihrer von gleicher Sammelleidenschaft besessenen Nichte Dorothea überlassen hatte. Laut dem 1847 erschienenen regionalhistorischen "Führer im Muldenthal" soll diese wiederum die Fenster an ihre Stammkirche in Paris weitergereicht haben, um die Zerstörungen der Französischen Revolution vergessen zu machen. Oder war doch eher dem Hinweis des Zwickauer Stadtchronisten Dr. Emil Herzog von 1839 zu trauen, wonach Dorothea, verheiratete Talleyrand-Perigord, später Herzogin von Sagan, sie nicht ihrer Kirche an der Seine gegeben hatte sondern weiterverkaufte? Aber wenn ja, an wen? Und wohin?

Genügend Unklarheit für Schönfels, um weiter zu forschen. Er verfolgte nochmals die Spur der Fenster, die nach Schlesien führte, klapperte in Paris die in Frage kommenden Kirchen sowie die alten Besitzungen der Talleyrands auf der Suche nach den Fenstern ab, von denen nur vage Bildbeschreibungen vorlagen. Jesus als Brustbild mit Dornenkrone und Geisel zierte das Fenster über dem Nordportal. Erzengel Michael mit Schwert das Fenster über dem Orgelchor. Im Fenster der Turmstube befand sich das Bild der Gottesmutter Maria, flankiert von zwei sitzenden Heiligen in bischöflichem Ornat. Die Geburt Christi, die Heilige Familie und die Anbetung der Heiligen Drei Könige, nebeneinander im Fenster über dem Südportal. Aber er fand an der Seine nichts Vergleichbares. Anfang der 90er-Jahre legte Schönfels den Fall nach zehn Jahren Kleinarbeit zu den Akten. Ungelöst.

Bis ihm rund 25 Jahre später, im Sommer 2016, der Zufall zu Hilfe kam. Ein niederländischer Heraldiker suchte Nachfahren des Sigmund von Schönfels. Es ging ihm darum, die Authentizität einer Darstellung des Familienwappens bestätigt zu bekommen, die sich - auf einem Glasfenster in "einer königlichen Sammlung" befinde. Schönfels war wie elektrisiert, aber der fragende Holländer hielt sich bedeckt. "Fünf Minuten später klingelte bei mir wieder das Telefon", erzählt er. Am Apparat: Hartmut Scholz, Vertreter der Freiburger Forschungsstelle des deutschen Corpus Vitrearum, einer internationalen Einrichtung, die ein Register für mittelalterliche und frühneuzeitliche Glasmalerei in Europa und Nordamerika führt und pflegt. Auch seinen Kontakt hatte Schönfels 25 Jahre zuvor gesucht und Scholz sich erinnert. Der Heraldiker hatte sich kurz bei Scholz gemeldet, der aber gesprächiger war: Das Wappenfenster befinde sich in Portugal, in Sintra, westlich von Lissabon. Schnell stand dank des gut vernetzten Glaskunst-Registers fest: drei weitere Glasgemälde aus Zwickau ebenfalls. Und zwar im Palacio Nacional da Pena, dem Sommerpalast der Königsfamilie aus dem Hause Branganza, die bis zur Abschaffung der Monarchie 1910 regierte.

Doch wie waren die Fenster von Paris nach Sintra gekommen? Dorothea von Talleyrand hatte sie vermutlich um 1850 an Ferdinand, den späteren Titularkönig von Portugal, verkauft. Der war als Prinz von Sachsen-Coburg-Saalfeld-Kohary, einer katholischen Seitenlinie, 1785 zur Welt gekommen und hatte 1836 auf Vermittlung des belgischen Königs Leopold I. Königin Maria II. von Portugal geheiratet, die mit 17 Jahren bereits Witwe war. Ferdinand war ein besessener Sammler. Ob er etwas von dem verstand, was er anhäufte, darf angesichts des schieren Umfangs seiner Sammlung bezweifelt werden. Und auch angesichts des auf sein Geheiß errichteten Schlosses, das in seinem kruden Stilmix als Neuschwanstein Portugals gilt. Ob Ferdinand Geschmack hatte oder nicht - eins steht für von Schönfels fest: "Er hat wahrscheinlich durch den Ankauf der Fenster in Paris zu ihrer teilweisen Rettung beigetragen."

Denn wo die anderen Fenster geblieben sind, bleibt ein Rätsel. Fest steht nur: Gelegenheiten zu ihrer Zerstörung gab es in Europa in den vergangenen 200 Jahren zur Genüge.

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1Kommentare
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  • 0
    0
    Schwanenteichanwohner
    12.10.2018

    Wann wird man endlich nicht mehr vom Zwickauer Dom sprechen, sondern von der Kirche St. Marien? Bekanntlich wurde die Kirche erst in der NS-Zeit mit dem Titel "Dom" beehrt. Warum man diesen beibehält (und in diesem Artikel verwendet) kann ich nicht nachvollziehen.



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